Gelting

Kritiker*Innen verheddern sich in den eigenen Meinungskorridoren

Monika Marons Debattenroman „Artur Lanz“ wird zum politischen Aufreger des Literatur-Herbstes. Eine Kritik der Kritik

Treffen der Heroen
Echte Helden: Der Tafelrunde um König Artus erschien zu Pfingsten der Heilige Gral. Darstellung aus dem 14. Jahrhundert. Foto: Evrard d'Espinques

Eines der lustigsten (und vielleicht gänsehauttreibendsten) Spektakel der Feuilletons der letzten Wochen ist das Abschlachten von Monika Maron anlässlich ihres wundervoll leichten und augenzwinkernd provokativen Romans „Artur Lanz“. Darin wird die Klage erhoben, dass wir unsere Heldensehnsucht fast vollständig in die Fantasiewelt der Kinos verlagert haben, da der männliche Held in der Wirklichkeit ja nun echt ein übles Macho-Ding sei und ein testosterongesteuertes falsches Mannsein befördere, wie es eine linksgrüne Politikerin im Buch mit Entsetzen ausruft.

Warum lustig? Weil einige Figuren im Roman behaupten, dass man nicht mehr alles sagen dürfe in unserem Lande, worauf die Rezensent*Innen brüllen: Buh, pfui, das geht zu weit, das darf man jetzt wohl wirklich nicht sagen, geschweige denn schreiben, raus mit der Dame! Bemerkenswert weiterhin ist, dass bereits „Flugasche“, Marons Debüt-Roman über die Umweltkatastrophe Bitterfeld in der DDR, dort 1981 nicht erscheinen durfte, denn er handelte auch von beengten Meinungskorridoren. Ja, er beschäftigte sich ganz besonders mit den „Grenzen des Sagbaren“ (SPD-Lars Klingbeil nach dem Rauswurf Sarrazins aus der Partei) unter totalitären Bedingungen.

Besonders die Feuilletons kämpfen um kulturelle Hegemonie

Doch warum in die DDR schweifen, wenn es um beengte Meinungskorridore bei uns im Westen geht, die jüngst von einer internationalen Gruppe von Intellektuellen und Autoren, von Noam Chomsky bis J. K. Rowling beklagt wurden. Derzeit sind besonders die Feuilletons in einem Kampf um die politische Diskurshoheit verstrickt, um die, wie der Marxist Gramsci es nannte, „kulturelle Hegemonie“, denn soziale Macht wird bekanntermaßen auch durch Einschüchterung, Aussperrung, Ächtung ausgeübt.

Links oder rechts. Mehr interessiert nicht. Holzhacken, mit einem schon besorgniserregenden „Nuancenverlust“ (Sloterdijk).

Über Marons Helden Artur Lanz, den die Mutter Artur nannte, weil sie für Arthurs Tafelrunde und Ritterlichkeit und Lancelot schwärmte, lässt sich sagen, dass er ein liebenswerter lockiger geschiedener Mann um die 50 ist, Angestellter eines ökologischen Instituts. Er fällt der Erzählerin, die auf der Suche nach einem Stoff ist, ja, so lässig ist das konstruiert, auf in einem Park, wo er mit einem Ast in den Sand kritzelt, und er fasziniert sie zunehmend.

Die politische Ansicht der Autorin ist wichtiger als der Inhalt?

Die Autorin heißt Charlotte Winter und könnte der knapp 80-jährigem Monika Maron entsprechen, die vor allem von Neugier getrieben ist.

In der FAS rühmt die Rezensentin zunächst die mit „Flugasche“ 1981 ins Rampenlicht getretene Autorin als „große deutsche Schriftstellerin“, um sie in der Folge dafür abzufertigen, dass sie nicht ihre politischen Ansichten teilt.

Artur Lanz, so die Rezensentin, „gehört zur besonders schwachen Männersorte, die der Zeitgeist angeblich neuerdings überall hervorbringe“. Angeblich? Hat die Journalistin noch nie von der „Schneeflöckchen-Generation“ besonders im akademischen Milieu gehört, die sich „safe spaces“, also Schutzräume sucht, weil sie sich ständig irgendwelchen Mikroaggressionen ausgesetzt fühlt? Zum Beispiel Büchern, die ihrem Weltbild widersprechen und demzufolge vom Lehrplan gestrichen werden müssen?

„Die garstigen Weiber stehen Schlange,
um der Maron eins zu verpassen“

Charlotte Winter im Roman: „Es sind nicht die klügsten und sympathischsten Frauen, die der Zeitgeist gerade nach oben spült, im Gegenteil, es sind zum Teil garstige Weiber, die es wagen, die intelligentesten und klügsten Männer zu beschimpfen“, Männer, die ihnen mit Erfindungen wie der Waschmaschine und dem Staubsauger doch eine Menge Hausarbeit erleichtert hätten?

Sie sagt das in schönster Unschuld während einer Abendgesellschaft im linksliberalen Bürgertum, es gibt Steinbutt, und sie bezieht sich auf Doris Lessing, aber das rettet sie nicht – die garstigen Weiber stehen Schlange, um der Maron eins zu verpassen. „,Die Männer sind entmachtet‘, jammert ein Professor‘“, zitiert die Rezensentin. Um dann „die frauenlosen Führungsetagen des nächsten Unternehmens“ zu beklagen und die gegen Frauen gerichtete „häusliche Gewalt im Nebenhaus“, kurz, sie beklagt, dass Maron nicht den Roman geschrieben hat, der ihr, der Rezensentin, in den Kram passt. Weshalb sie am Schluss ihrer Rezension meint: „Maron war mal eine große Schriftstellerin...“ Puh!

Die Rezensentinnen argumentieren zunehmend selbstreferenziell

Aber sie kommt nicht allein. In der gesamten ersten Spalte referiert die Rezensentin die Vorwürfe zweier Journalistinnen der Berliner Zeitung (oh ja, es ist eine Phalanx, die sich Maron in den Weg wirft). Diese befragten sie streng nach dem Verlag „Exil“, in dem Maron jüngst eine Reihe wundervoller Essays und Porträts publizierte. Der Verlag sei von der neurechten Susanne Dagen in Dresden geführt, die in einem Manifest gegen die Schikanen der für rechts befundenen Verlage auf der Buchmesse protestierte.

Sorry, die Argumente sind zunehmend byzantinisch verschlungen und selbstreferenziell und schlucken sich selber, sie bestätigen die Einschränkungen, die Maron beklagt. Warum sie sich nicht von ihr, dieser Susanne Dagen, früher mehrmals als Buchhändlerin des Jahres ausgezeichnet, distanziere? Die heutzutage wohl verblüffende Antwort Marons: „Ich grenze mich grundsätzlich nicht von Freunden ab, nur weil wir vielleicht unterschiedlicher Meinung sind.“

Altersverblödet oder fundamental aufklärerisch?

Zeitgleich mit der FAS holte in der WamS ein männlicher Kollege aus, und warf ihr, nach einer ganzseitigen, durchaus verschwurbelt rühmenden Besprechung, vor, dass sie, Maron, sich hinter ihren Figuren verstecke.

Doch schon im Mai hatte das Zeit-Feuilleton seinen Spaßvogel Moritz von Uslar geschickt, der die Autorin in ihrem Landhaus in Vorpommern besuchte, um mit ihr – nicht über den Roman zu sprechen, sondern sie über ihre Meinung zur AfD zu verhören. Sein gnädiges Fazit: „So gerade noch nicht unmöglich.“

Im SWR wiederum nahm nun eine mit ihren 57 Jahren auch nicht mehr ganz taufrische Redakteurin Maß, um ihr, der knapp 80-Jährigen zu bescheinigen, sie sei zu alt, um die Welt noch zu verstehen. Gleichzeitig: „Immerhin erinnert Monika Marons Roman seine Leser an etwas fundamental Aufklärerisches: Den Gedanken nämlich, auch eine andere Meinung als die eigene habe das Recht zu existieren.“ Maron auf Facebook: „Na was denn nun, altersverblödet oder fundamental aufklärerisch?“

Über unseren Helden Artur Lanz, der immerhin einmal seinen Hund aus einem Rapsfeld gerettet hatte, bevor er in dieser wundervollen Debatten-Novelle tatsächlich seinen Mann steht, (wie er das tut, soll hier nicht verraten werden) – ja, über unseren heutigen Lanzelot wurde von allen Rezensent*Innen hinweggegangen, als störe er. Er steht im Weg, der männliche Held!

Und das wiederum haben all diese Rezensionen auf schönste Weise belegt.


Monika Maron: Artur Lanz. Roman. S. Fischer Verlag 2020, 224 Seiten, ISBN-13: 978-310397-405-8, EUR 24,–

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.