Würzburg

Internationale Zeitungsschau vom 29.04.20

Keine "Geschlechtsumwandlung" bei Minderjährigen - Jüdisch-christlicher versus buddhistischer Umgang mit dem Genozid - Warum wurde Jeanne d'Arc erst so spät heiliggesprochen?

Internationale Zeitungsschau: Famille Chrétienne
Famille Chrétienne widmet sich der Frage, warum Jeanne d'Arc erst fast 500 Jahre nach ihrem Tod auf dem Scheiterhaufen heiliggesprochen wurde. Foto: Famille Chrétienne

Keine „Geschlechtsumwandlung“ bei Minderjährigen

Die Frauen- und Gleichstellungsministerin im Vereinigten Königreich, Liz Truss, hat Pläne angekündigt, jegliche Operationen für eine bleibende „Geschlechtsumwandlung“ zu verbieten, wie der Catholic Herald berichtet. Vor dem Sonderausschuss für Frauen und Gleichstellung des House of Commons sagte Truss, sie setze sich dafür ein, „sicherzustellen, dass die unter 18-Jährigen vor ihren Entscheidungen, die in der Zukunft nicht mehr rückgängig gemacht werden können, geschützt würden“. Im Vereinigten Königreich gibt es eine „Genderklinik“ für Kinder, die nach ihrem ersten Standort meistens nur als „Tavistock“ bezeichnet wird. Diese Klinik sei zunehmend in die öffentliche Kritik geraten, „wegen der rasant ansteigenden Anzahl von Kindern, insbesondere von jungen Mädchen, die ihre Dienste aufsuchten“. Von 2009 bis 2010 wurden insgesamt 72 Kinder – 32 Mädchen und 40 Jungen – nach Tavistock überwiesen. Von 2018 bis 2019 war diese Anzahl auf 2 590 gestiegen, davon waren 1 750 Mädchen und 624 Jungen – bis auf 30 Personen handelte es sich dabei um unter 18-Jährige.

Jüdisch-christlicher versus buddhistischer Umgang mit dem Genozid

Ein Artikel der israelischen Tageszeitung Haaretz arbeitet die Unterschiede zwischen dem jüdisch-christlichen Holocaust-Gedenken und buddhistischen Formen des Umgangs mit Schuld heraus. Eine Besonderheit der jüdischen Existenz seit der Mitte des 20. Jahrhunderts bestehe darin, dass sie das tragische Schicksal geographisch weit entfernter Völker, wie der Ruander und Kambodschaner, teile: „Der Zusammenbruch von Welten von Menschen, die Zielscheibe von Völkermorden waren, ist für jede Kultur überwältigend“, da das Trauma auch in den nachfolgenden Generationen nachwirke: „Wie in der jüdischen Welt bedeuteten die Massenermordungen von Zivilisten in Kambodscha zwischen 1975 und 1979, bei denen fast ein Viertel der Bevölkerung des Landes ausgelöscht wurde, nicht nur einen entsetzlichen demographischen Verlust, sondern auch die Vernichtung und Verbannung des [buddhistischen] Klerus.“ Während man in der jüdischen Welt und insbesondere in Israel auf den Holocaust nicht mit den Antworten traditioneller jüdischer Philosophien reagierte, sondern mit einer christianisierten Vorstellung von Erlösung und Auferstehung, Sünde und Vergebung, „bot die buddhistische Welt Kambodschas einen faszinierenden Kontrast dazu, bei dem Karma und Reinkarnation“ die wichtigste Rolle spielten. Die Antworten auf den Genozid konzentrierten sich „eher auf die Geistesverfassungen“, die sich zwischen Gelassenheit und Wut formierten. „Trauer- und Beerdigungsriten und selbst das Grundverständnis vom menschlichen Individuum und seinem Leib unterscheiden sich völlig von dem, was die abrahamitischen Glaubensrichtungen für selbstverständlich halten. Zudem teilten Opfer als auch Täter weitgehend dasselbe religiöse und kulturelle Erbe.“ So ist die Leicheneinäscherung in der buddhistischen Welt noch immer weit verbreitet. Im Judentum wie auch im Islam „ist eine Feuerbestattung noch immer der Grund für einen Ausschluss von einer Friedhofsbeerdigung“. Im Buddhismus „ist das Ich nicht untrennbar vom Körper“. Buddhistische Gläubige hoffen nicht auf die Auferstehung, sondern auf die Reinkarnation und letztlich auf das Nirwana. Was Auswirkungen auf die spirituellen Folgen für eine solche Kultur hatte, bei der im Laufe weniger Jahre etwa die Hälfte der Mönche und Tempel vernichtet wurde. Kambodschas Äquivalent zum jüdischen Yom Hashoah, zum Gedenktag des Holocaust, ist der „Day of Maintaining Anger“. An diesem Tag werden „die Gräueltaten der Roten Khmer nachgestellt“, was in einem starken Kontrast zu den Holocaust-Gedenkveranstaltungen stehe: „Es wäre weder in Israel, noch Polen, Deutschland oder Amerika kaum zu begreifen, würde man die Gräueltaten der Nazis nachspielen. Das Programm in Kambodscha ist das genau Gegenteil einer Ablösung, eines Abstandnehmens von früheren Feindseligkeiten.“ Im spirituellen Universum der Kambodschaner, in dem es keinen göttlichen Schöpfer gibt, „gibt es einfach keinen Stellvertreter, der Vergebung zuteilwerden lässt“. Ein Experte für asiatische Religionen sagte: „Wenn eine böse Tat geschehen ist, dann ist sie geschehen; die Konsequenz wird zu gegebener Zeit folgen.“ In der buddhistischen Welt Kambodschas „ist Vergebung keine Kardinaltugend“.

Warum wurde Jeanne d'Arc erst so spät heiliggesprochen?

Vor genau 100 Jahren wurde Jeanne d'Arc am 16. Mai 1920 und damit fast 500 Jahre nach ihrem Tod auf dem Scheiterhaufen heiliggesprochen. Aus diesem Anlass schildert Famille Chrétienne die Gründe für diese „späte Heiligkeit“. Auch wenn die Jungfrau von Orléans 1456 und damit 25 Jahre nach ihrer Verurteilung durch ein Inquisitionsgericht auf Initiative von Karl VII. rehabilitiert wurde, sollten noch Jahrhunderte bis zu ihrer Kanonisierung vergehen. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts tauchte die Vorstellung auf, dass Jeanne „eine Tochter des Volkes“ sei: „Ihr Ansehen bessert sich, Bücher über sie erscheinen und sie wird zu einer Nationalheldin.“ Der Historiker Jules Michelet war der erste, der folgendes bemerkte: „Erinnern wir uns Franzosen stets daran, dass unser Vaterland aus dem Herzen einer Frau geboren wurde, ihrer Sanftmut, ihren Tränen und dem Blut, das sie für uns gab.“ Von diesem Zeitpunkt an, so stellt die Historikerin und Biografin der Heiligen, Colette Beaune, fest, habe es zwei Johannas gegeben, „eine laizistische und republikanische Johanna, und eine monarchistische und katholische Johanna“. Nun verbreitete sich die Idee, Jeanne heiligzusprechen. Schließlich habe man nicht gewollt, dass die Republikaner Jeanne d'Arc für ihre Zwecke einspannten. Das habe seit 1864 auch der Bischof von Orléans Félix Dupanloup gedacht. Doch dafür brauchte man die Zustimmung des Papstes: Doch „seit der II. Republik (1874) standen sich Papsttum und Republikaner in äußerster Feindschaft gegenüber. Bis zum Bruch im Jahr 1905“. Es sei „der Krieg gewesen, der Jeanne d'Arc kanonisiert hat“, meint Colette Beaune: Seit Jahrzehnten hatte es keine französischen Heiligen gegeben. Jeanne sei „die bevorzugte Heilige der Soldaten gewesen, darüber hinaus eine Lothringerin, wo doch das Ziel des Krieges darin bestand, ihre Heimatregion zurückzugewinnen“. Für Papst Benedikt XV. sei ihre Heiligsprechung zudem ein Aufruf zur Versöhnung mit Frankreich gewesen. Dennoch sollte man nicht die spirituellen Gründe vergessen, „die zu ihrer Heiligsprechung führten: die Anerkennung ihrer heroischen Tugenden, darunter Seelenstärke, Weisheit, Tapferkeit, Aufrichtigkeit, Barmherzigkeit…“

DT/ks

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