Würzburg

Familie im Konflikt mit Idealen, Politik und Praktiken

Christopher Neumaier unterschätzt den Einfluss der Kirche auf die Keimzelle der Gesellschaft, dennoch stellt er die exzeptionelle Bedeutung der Familie luzid heraus. Familie stellt sich als fragil und fluid heraus. Eine Herausforderung für Christen, denn sie müssen sich der ständigen Neuverhandlung von Wertvorstellungen stellen.

Manif pour tous
Das Engagement der Christen zeigt sich wie bei dieser Demonstration darin, dass der Familienbegriff sich an der Schöpfungsordnung orientiert. Foto: dpa

Die Corona-Pandemie zeigt die Bedeutung der Familie. Ohne Familie geht nichts. Die Eltern müssen die Hauptlast tragen. Sie müssen arbeiten, lehren, betreuen, erziehen, alles zusammen. Und sie müssen auch ein Ehe- und Familienleben führen, eine Partnerschaft gestalten, darauf haben sie ein Anrecht. Warum aber die zentrale Bedeutung von Ehe und Familie in unserer Gesellschaft oft genug übersehen wird, hat seine geschichtlichen Gründe, von denen einige in der vorliegenden Studie genannt, analysiert und reflektiert werden. Ihr Untersuchungsgegenstand ist die Familie im 20. Jahrhundert in Deutschland.

Vorgegangen wird in chronologischer Reihenfolge: die Familie im Kaiserreich, in der Weimarer Republik, im Nationalsozialismus, während der Aufbauphase in Ost- und Westdeutschland der 50er Jahre, sodann die jeweils unterschiedlichen Entwicklungen in den 60er, 70er und 80er Jahren der beiden deutschen Staatsgebilde. Argumentiert wird auf drei unterschiedlichen Ebenen: auf der Ebene der „diskursiv verhandelten Ideale beziehungsweise Leitbilder“, der „sozialen Praktiken“ und schließlich der „institutionellen Rahmungen“. Somit werden, in Abbreviatur gesprochen, Theorie, Praxis und Institution in Relation zueinander und in eine Auskunftsbeziehung gebracht, die in der Tat erhellend ist: Wann, wo, wie und wodurch veränderte sich das Verständnis von Familie? Welche Personen und soziale Gruppen waren im Ringen um die Diskurshoheit über das, was Familie ist und sein soll, beteiligt? Wer von ihnen erlangte mit welchen Strategien und aus welchen Gründen die Dominanz in diesem Konflikt?

Wirtschaftliche Verhältnisse der Arbeiter: Frontalangriff auf die Familie

Schon in der Kaiserzeit machten zwei unterschiedliche Familienformen das Rennen: die proletarische und die bürgerliche Kernfamilie. Sie bestand idealtypisch in beiden Variationen aus einem verheirateten Ehepaar mit gemeinsamen Kindern. Doch die sozialen Praktiken wichen erheblich von diesen Familienmodellen ab. Die ärmlichen Arbeiterfamilien lebten durchaus nicht durchgehend als Kernfamilie. Sie konnten sich keine eigene Wohnung leisten und mussten oft genug sogenannte „Schlafgänger“ aufnehmen. Überdies mussten wegen des geringen Verdienstes ihrer Ehemänner die Frauen in der Mehrzahl mitverdienen. So waren die Frauen, wie der Verfasser resümiert, dreifach belastet: durch Berufsarbeit, Haushaltsführung und Kindererziehung. Politische Kräfte, vor allem sozialdemokratischer wie christlich-katholischer Provenienz, versuchten, diese enorme physische wie psychische Belastung der Frau zu mildern: durch Schaffung der Möglichkeit zur Halbtagsarbeit und der Kinderbetreuung in Kinderhort und Kindergarten.

Gleichwohl gab es Überlegungen, hier grundsätzlicher anzusetzen und die wirtschaftlichen Kräfte zu motivieren, den Arbeiter so zu entlohnen, dass er seine Familie problemlos ernähren könne und seine Frau nicht auch noch ins Erwerbsleben treten müsse. Gerade Kirchenvertreter und katholische Laien erkannten bemerkenswert früh in den faktischen wirtschaftlichen Verhältnissen nichts weniger als einen Frontalangriff auf die Familie.

Sowjetrussland etablierte neues "Familienideal"

Hinzu kam, dass in Russland um das Jahr 1918 das Familienrecht so sehr verändert wurde, dass hier Ehe und Familie in ihrer Substanz getroffen wurden. „Der radikale Bruch mit den christlichen Idealen von Ehe und Familie verunsicherte insbesondere die Vertreter des christlich-bürgerlichen Familienideals wie das katholische Zentrum. Sie befürchteten, dass das sowjetische Familienideal auch in Deutschland etabliert werde könnte.“

Allerdings hätte deutlicher herausgearbeitet werden dürfen, dass und warum diese Befürchtung alles andere als nur ein „Schreckgespenst“ war: In Russland wurde nach der Oktoberrevolution 1917 die Familie zunächst abgeschafft. Erst über den leidvollen Weg menschenverachtender Erfahrung setzte sich auch hier die Erkenntnis durch, dass ein Gemeinwesen ohne Ehe und Familie schlicht nicht lebensfähig sei. So korrigierten die Marxisten-Leninisten in den 30er Jahren ihre Ideologie immerhin soweit, dass sie die Familie gesetzlich wieder aufzuwerten versuchten. Dennoch ist in der Verfassung der UdSSR von 1936 im X. Kapitel, überschrieben mit Grundrechte und Grundpflichten der Bürger, von der Familie keine Rede. Was allerdings erwähnt wird, ist das besondere Verhältnis zwischen Mutter und Kind. Es steht unter dem besonderen „staatlichen Schutz“ (Art. 122).

Jedenfalls wurde in den 1920er Jahren, wie der Verfasser im dritten Kapitel seiner Studie sorgfältig herauszuarbeiten vermag, allenthalben in Deutschland die „Krise“ der Familie beschworen. Aufgrund rasanter gesellschaftlicher Veränderungen sehnten sich die einen in der öffentlichen Debatte zurück zum Familienmodell des 19. Jahrhunderts, die anderen drangen darauf, sich den gesellschaftlichen Bedingungen anzupassen und die Familie von Grund auf zu reformieren. In beiden Extrempositionen blieb die Einehe als Lebensmodell der normative Bezugspunkt und die Grundlage der Familie. Anhand der Familie verhandelten die Zeitgenossen das Verhältnis zwischen Individuum, Gemeinschaft und Gesellschaft neu, wobei der Autor auf sozialistischer und sozialdemokratischer Seite eine größere Sensibilität für die emotionale Dimension der Eheleute feststellen zu müssen meint. „Ehe und Familie wurde so ein Eigenwert zugeschrieben, der aus gegenseitiger Zuneigung der Partner erwachse.“

Nichts fördert den Eigenwert von Familie wie die Sakramentalität der Ehe

Der Verfasser unterschätzt aber gründlich den Einfluss der katholischen Kirche, wenn er hier lediglich feststellt, dass sich „selbst die katholische Kirche dieser Sichtweise nicht grundsätzlich verschloss“. Ich darf daran erinnern: Es war nachweislich die Lehre von der Sakramentalität der Ehe, welche „die romantische Liebe“, die gegenseitige Zuneigung der Partner als Grundvoraussetzung für die Ehe förderte und gerade so mithalf und mithilft, dass sich dieses Ehemodell weltweit, selbst in nicht und antichristlichen Gesellschaftsformationen durchsetzt und so zum globalen Erfolgsmodell avanciert. Nichts förderte so sehr den Eigenwert der Ehe und Familie und die Gleichwertigkeit der Ehepartner wie die Lehre von der Sakramentalität der Ehe (vgl. A. Angenendt: Ehe, Liebe und Sexualität im Christentum, 2015).

Insofern lehnt gerade die katholische Kirche auch keineswegs eine Veränderung der innerfamilialen Rollenverteilung ab. Durch die Sakramentalität der Ehe wird zwischen Mann und Frau „ein neuartiges asexuelles oder übersexuelles Band gestiftet, das dem Mann auch in der Ehe eine bis dahin unbekannte Zurückhaltung auferlegt, indes sich für die Frau aufgrund ihrer Sonderbeziehung zum göttlichen Pol neue Freiheitsgrade auftun“ (P. Sloterdijk: Nach Gott, 2017). Jedenfalls drängte die katholische Ehetheologie darauf, dass das gegenseitige Ja zueinander, gesprochen am Altar bei der Eheschließung, auch im Alltag Realität werde. Die Ergebnisse neuerer Forschungen des katholischen Ehe- und Familienverständnisses hätte gerade unter der Perspektive gesellschaftlicher Relevanz sorgfältiger studiert werden dürfen. Hier verliert sich der Verfasser leider allzu oft in wissenschaftlich längst überholten Klischeevorstellungen. Im Blick auf die 80er Jahre in Deutschland kann in der Tat von einer Rekonfiguration der Ideale „Familie“ und „Partnerschaft“ gesprochen werden. Im Bereich der katholischen Kirche war es vor allem Papst Johannes Paul II., der hier neue Maßstäbe setzte, das personale Verständnis von Ehe und Familie forcierte und weltweit bekannt zu machen suchte (vgl. „Familiaris consortio“, der Brief des Papstes an die Familie und nicht zuletzt die berühmten Mittwochskatechesen von 1979–1984 et cetera).

Johannes Paul II. stärkte personales Verständnis von Ehe und Partnerschaft

Gleichzeitig aber gelang es vornehmlich sozialliberalen und zunehmend auch sozial-grünen Kräften in Deutschland, das christlich-bürgerliche Familienverständnis über den Weg der Akzentuierung der Eltern-Kind-Beziehung aufzubrechen. Unter dem simplifizierenden Motto: „Familie ist da, wo Kinder sind“, etablierten sich weitere Familienformen. Alleinerziehende Mütter sowie unverheiratete Paare mit ihren Kindern erlangten allmählich den Status einer Familie, „wenngleich Letzteren die rechtliche und weitgehend auch die soziale Akzeptanz bis über die 1980er Jahre hinaus verwehrt blieb“.

Familiale Lebensformen entstanden jenseits der ehelichen Lebensgemeinschaft. Sie legen die Grundlagen für die weitere Entwicklung, die nach dem Fall der Mauer zwar angedeutet, aber nicht ausgeleuchtet wird. Der Ausbau der Kitas, Kinderkrippen, Kindergärten und Kinderhorte nach dem Vorbild der DDR wurde in Gesamtdeutschland übernommen, während die Mütter- und Väterrollen im Zuge der Modernisierung der CDU zwischen 2002 und 2005 berufsfit dergestalt umgeschrieben wurden, dass der Arbeitsmarkt floriert, das Wohl der Kinder aber weitgehend unbeachtet blieb.
Die Studie arbeitet aus zeitgeschichtlicher Perspektive die exzeptionelle Bedeutung der Familie heraus, erörtert aber auch luzid, wie fragil und fluid sie in Deutschland ist. Sie muss auf der gesellschaftlichen wie der privat-individuellen Ebene stets neu verhandelt werden. Christen sollten sich in diesen gesellschaftlichen Diskurs stärker einbringen. Sie haben gute Argumente.

Neumaier, Christopher: Familie im 20. Jahrhundert. Konflikte um Ideale, Politiken und Praktiken. Berlin/Boston 2019 (Wertewandel im 20. Jahrhundert Bd. 6), ISBN 978-3-11064677-1, EUR 84,95.

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