Paris

Michel Houellebecq analysiert die Gegenwart

Willenlosigkeit führt zur Unterwerfung: Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq analysiert die Gegenwart. In einem starken Glauben und einem undogmatischen Christentum sieht er ein Zukunftsmodell für ein Europa der Völker und Nationen.

Französische Schriftsteller Michel Houellebecq analysiert die Gegenwart.
Michel Houellebecqs Romanfiguren existieren nicht wirklich – sie lassen sich vom Zeitgeist treiben. Foto: Imago Images

Wie steht es nun um den Glauben des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq? Darüber ist in den vergangenen Jahren immer wieder spekuliert worden – die manchmal unklaren Aussagen des Romanciers haben das befeuert. In seinem neuesten Buch „Ein bisschen schlechter“ nimmt er nun in Essays, Interviews und Vorworten aus den Jahren zwischen 2003 und 2020 Stellung.

Houellebecq steht dem Glauben nahe, aber er schlägt sich mit einer „Art Nostalgie durch“. Zur Konversion fühlt sich der 1958 Geborene zu alt: „Nein, das wird niemals funktionieren. Gott will mich nicht, wissen Sie. Er hat mich zurückgewiesen“, sagte er 2015 im Interview – in dem Jahr, als sein Roman „Unterwerfung“ erschienen war. Offenbar hat Houellebecq immer wieder mit dem Glauben, mit dem Katholizismus, gerungen, er scheint aber den Weg nicht wirklich zu finden. Das führt wohl dazu, dass er in manchen Texten als glühender Gläubiger erscheint, dann wieder als Zweifler. Nun kann man lesen: „Ich habe meine Meinung also nie wirklich geändert: Es gibt eine absolute Moral, die von den Religionen unabhängig und ihnen überlegen ist.“ Doch er sagt das auch wieder in dem Bewusstsein, ein Kind seiner Zeit zu sein. Denn er erzählt auch, dass er von „entchristianisierten Menschen großgezogen“ wurde, die schon so lange nicht mehr christlich gewesen seien, „dass sie nicht einmal mehr antiklerikal waren – das heißt, die Religion stellte für sie keine Bedrohung mehr da: Sie war eine Art leicht bizarres Relikt“.

Dennoch ist für Houellebecq der Glaube an Gott die beste „Lösung“. Denn der Glaube beantwortet die Frage nach dem Ursprung des Universums, der Tod sei bezwungen und die Möglichkeit der menschlichen Gemeinschaft geschaffen – in diesem Zusammenhang zitiert Houellebecq immer wieder die für ihn wichtige Schrift „Das Reich Gottes“ von Emmanuel Carrere. Aber wie spiegelt sich diese Hoffnung auf das Reich Gottes bei Houellebecq wider. Da scheint nun der Roman „Unterwerfung“ ein zentraler Bezugspunkt zu sein, in dem es vordergründig um die Islamisierung Frankreichs ging.

„Aber in seinem tiefsten Innern gibt es
dieses Ideal des Kleinbürgers“

Die Hauptfigur ist der Huysmans-Forscher François, der sich willenlos zur neuen muslimischen Regierungsform treiben lässt. Doch ging es wirklich darum, um das religiöse Erlebnis in Rocamadour und die gescheiterte Konversion der Hauptfigur? Nach Houellebecq wurde die Konstruktion des Romans kaum erkannt. Denn auch zu Huysmans hat Houellebecq ein gespaltenes Verhältnis: „Man muss sich einmal die Passagen in ,Tief unten‘ vergegenwärtigen, in denen er mit den Carhaix in einem Turm von Saint-Sulpice zu Abend isst – das sind für mich die abgründigsten Stellen bei Huysmans. Man erkennt, dass seine Ansprüche letztlich nicht so erheblich waren. Sicher, er empfindet Bewunderung für die Heiligen, die gierig die Wunden der Leprakranken aussaugen, und dergleichen. Aber in seinem tiefsten Innern gibt es dieses Ideal des Kleinbürgers, der gern ein gewöhnliches häusliches Leben hätte, ein paar Freunde – nicht zu viele –, schöne Mahlzeiten zubereiten.“

Aber als erster Präsident der Concourt-Akademie habe er „nicht einmal diese einfache Sache geschafft. Das ist beunruhigend“. Houellebecq zieht zwar Huysmans gegenüber Bloy vor, weil er einen „ausgewogenen Katholizismus“ befürwortet, aber Huysmans war eigentlich nur Thema des Romans, weil die Hauptfigur, der Huysmans-Forscher, eine letztlich willenlose kleinbürgerliche Figur ist. Und darin bestehe der Kern des Romans, wie auch paradigmatisch das Werk von Houellebecq. Bereits im frühen Roman „Ausweitung der Kampfzone“ (1999) heißt es am Ende vom Protagonisten, „das Lebensziel ist verfehlt“. Und in „Serotonin“ (2019) sagt der Ich-Erzähler am Schluss, dass er den Standpunkt Christi verstehe: „Da sind all die Zeichen, und sie erkennen sie nicht. Muss ich wirklich zusätzlich noch mein Leben für diese Erbärmlichen geben? Muss man wirklich so deutlich werden? Offenbar ja.“

Ein allmählicher Übergang in die Nichtexistenz

Das gescheiterte, verfehlte Leben, die Nichtexistenz, ist auch in „Unterwerfung“ das Thema, nicht das Christentum und nicht der Islam: „Der Umstand, nicht wirklich zu existieren, ist in vielen meiner Bücher präsent, aber ,Unterwerfung‘ ist das einzige, in dem ich diesen allmählichen Übergang in die Nichtexistenz beschreibe.“ Unter Nichtexistenz versteht Houellebecq „keine Wirkung auf die Welt haben“, wobei weder die Welt etwas für den Einzelnen tun könne, noch umgekehrt. Das Besondere daran ist, dass Houellebecq die Kirche in derselben Verfassung sieht wie seine Protagonisten. Auch die Kirche hält er für willenlos: „Man hat ja schon Schwierigkeiten, sich vorzustellen, was eine starke Kirche sein könnte, weil wir davon so weit entfernt sind. Ich habe sie zum Beispiel nie in funktionierendem Zustand erlebt.“

Er wünscht sich, dass die katholische Kirche der orthodoxen in ihrer Bescheidenheit nacheifert und sich nicht in die Belange von Wissenschaft, Staaten und Liebe einmischt, von Enzykliken ablässt und Doktrinen zügelt: Die Unbefleckte Empfängnis und die Unfehlbarkeit seien zu unmittelbare Verstöße gegen die Vernunft. Dennoch, sagt er wenige Zeilen weiter, würde er wie Dostojewski Christus vorziehen, wenn er sich zwischen ihm und der Wahrheit entscheiden müsste. Auch hatte er nichts dagegen, in einem Interview als Monarchist und Katholik bezeichnet zu werden.

Houellebecq fordert also ein stärkeres Christentum, etwa nach dem Vorbild von Chateaubriand, dem es gelungen sei, das Christentum in Mode zu bringen. Einer der „besten Autoren, die ich kenne“, ist Paulus: „Letztlich hatte Paulus vielleicht den stärksten literarischen Einfluss auf mich.“ Und von Auguste Comte hat er gelernt, dass Gesellschaften ohne Religion nicht lange überdauern.

Für Houellebecq existiert das EU-Europa nicht

Und Donald Trump? Er stand im Mittelpunkt der Vorberichterstattung der Medien zur Erscheinung des Buchs. Ein Anhänger von Trump ist Houellebecq nicht, und was er positiv über ihn sagt, ist nur Resultat seiner eigenen politischen Vorstellungen: „Als ich wiederholt zur Wahl Donald Trumps befragt wurde, antwortete ich immer, es sei mir völlig egal“, und: „In persönlicher Hinsicht ist er natürlich ziemlich widerwärtig.“ Was er aber mit Trump verbindet, sind seine Ideen zu Europa: „Frankreich ist ein mehr oder weniger unabhängiges Land, und es wird wieder ganz und gar unabhängig sein, sobald die Europäische Union aufgelöst wird (je eher, desto besser).“ Europa habe weder eine gemeinsame Sprache, noch gemeinsame Werte oder Interessen. Europa existiere nicht, es werde niemals ein Volk sein, weil es das gar nicht wolle. Daher sei auch der Brexit begrüßenswert. Die weltweite Handelsfreiheit ist für Houellebecq nicht das „A und O des menschlichen Fortschritts“ – weil das Trump auch so sehe, wie auch den Brexit oder das Fehlen gemeinsamer europäischer Werte erschien ihm Trump als „einer der besten Präsidenten, die Amerika je hatte“. Aber eben, weil Trump so denkt wie Houellebecq.

Mit diesen Betrachtungen schließt sich der Kreis, in dem Houellebecq das große Scheitern sieht, sowohl auf der Ebene des Einzelnen wie der Kirche und in der Politik in Europa. Er möchte auf allen drei Ebenen mehr Willen zur Selbstständigkeit und Unabhängigkeit sehen. Dabei zeigt er sich als mit den Menschen mitleidenden Schriftsteller, so etwa in dem Vorwort „Den Fall Vincent Lambert hätte es nicht geben dürfen“ zu einem Buch von Emmanuel Hirsch. Die Effizienz, mit der sich Gesellschaft und Staat gegenüber dem Leiden des schwachen Einzelnen rühmten, sei schon Sparta zu Verhängnis geworden, „ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen“. Ein Nichtereignis ist für Houellebecq auch die Corona-Pandemie, bei der der Tod kaschiert wird wie schon zuvor. So werde die Welt danach dieselbe sein, „nur ein bisschen schlechter“.


Michel Houellebecq:
Ein bisschen schlechter. Neue Interventionen. Essays.
Dumont Verlag, Köln 2020, 205 Seiten, ISBN 978-3-8321-8165-9, EUR 23,–

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