Berlin

Ein "freundliches Gesicht in Notsituationen “ zeigen

Thilo Sarrazin seziert das "Zeichensetzen" der postfaktischen Politik in Zeiten einer Migration, die durch die politisch gewünschte Auslegung des Asylrechts nicht beherrschbar scheint.

Thilo Sarrazin stellt neues Buch vor
Thilo Sarrazin, Autor, bei der Vorstellung seines neuen Buches «Der Staat an seinen Grenzen – Über Wirkung von Migration in Geschichte und Gegenwart». Foto: Christoph Soeder (dpa)

Soeben ist der neue „Sarrazin“ erschienen. Es ist Nummer 6 der Sarrazin-Buchreihe, die 2010 mit dem schier hysterisch skandalisierten Buch „Deutschland schafft sich ab“ begann und dem im Abstand von je zwei Jahren weitere Sarrazin-Bücher folgten. Diesmal lautet der Titel: „Der Staat an seinen Grenzen – Über Wirkung von Einwanderung in Geschichte und Gegenwart“.

Was bewegte den Autor? Auf Seite 349 finden wir Sarrazins Motivation: „Die Erkenntnis, dass Massenauswanderung aus Afrika und dem westlichen Asien den betroffenen Ländern bei der Lösung ihrer Probleme nicht hilft, für die Zielländer in Europa aber in vielerlei Hinsicht bedrohlich und potenziell destabilisierend ist, war der Anlass, dieses Buch zu schreiben.“ Was der neue „Sarrazin“ politisch und/oder publizistisch bewirken wird? Manch Pawlowsche Reflexe sind – zumal nach Sarrazins aktuellem Ausschluss aus der SPD – jetzt schon absehbar.

Die Lehren aus der Geschichte der Migrationen

Der welthistorisch interessierte Leser wird im ersten Drittel auf seine Kosten kommen. Hier geht es um die „Weltgeschichte der Einwanderung“. Darüber kann man auch Tausende von Seiten und zig Bücher lesen. Der Volkswirt und Banker Sarrazin hat das offensichtlich intensiv getan. Denn dieser Teil bietet in kompakter Form, was man über Zehntausende an Jahren der Migration wissen sollte. Der Autor selbst nennt das Kapitel einen „Parforce-Ritt“ durch die Menschheitsgeschichte und begründet dies mit der Bemerkung: „Geschichte wiederholt sich zwar nicht, dennoch kann man in Bezug auf die Ursachen, Wirkungen und Folgen von Einwanderung sehr viel aus ihr lernen: Wann, für wen und aus welchen Gründen war Einwanderung ein Segen, und wann war sie ein Fluch.“

„Das Buch ist eine sehr solide Grundlage, die man braucht,
wenn man bei diesem das Land spaltenden Thema
sachgerecht mitdiskutieren will.“

Jedenfalls reicht es laut Sarrazin nicht, wenn Zuwanderungseuphoriker ab 2015 davon schwadronieren, dass es Migration in der Weltgeschichte immer gegeben habe. Sarrazin schreibt dazu: „Besonders absurd … wird es, wenn die indogermanische Einwanderung vor 5 000 Jahren heutzutage als scheinwissenschaftliche Begründung dafür dienen soll, dass es sich bei der Massenzuwanderung seit 2015 um einen ganz normalen, quasi routinehaften Vorgang der Menschheitsgeschichte handle, den nur Deppen oder Rassisten anders als normal und organisch wahrnehmen könnten.“

„Nicht mein Land“ - die Grenzen mussten offen bleiben

Kanzlerin Merkel kommt bei Sarrazin nicht gut weg. Hervorgehoben sei Sarrazins Analyse der Grenzöffnung vom 4./5. September 2015. Dieser totalen Grenzöffnung war 31. August 2015 Merkels Spruch „Wir schaffen das“ vorausgegangen. Die deutschen Grenzen wurden schließlich nicht geschlossen. Merkels Begründung: 3 000 Kilometer deutscher Grenzen könne man nicht schützen. Dabei waren in den Tagen nach dem 5. September 2015 sämtliche Einheiten der Bundespolizei in Alarmbereitschaft versetzt und 21 Hundertschaften mit Bussen aus ganz Deutschland an die deutsch-österreichische Grenze gebracht worden, um am 13. September 2015 die deutsche Grenze wieder zu schließen. Für Merkel spielte das keine Rolle, trotzig hielt und hält sie an ihrer einsamen Entscheidung fest: „Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.“ Die Bundespolizei durfte nicht eingreifen, und die Grenzen blieben offen.

Die Folgen sind bekannt: In der Summe halten sich derzeit rund 2,2 Millionen „Schutzsuchende“ in Deutschland auf. Dass es nicht noch schlimmer kam, ist übrigens nicht das Verdienst Merkels. Sarrazin schreibt: „Das Verhalten Ungarns, und nicht die Vereinbarung Angela Merkels mit Erdogan, war im März 2016 entscheidend für die Unterbrechung der Balkanroute und das Abebben des Flüchtlingsstroms.“

Ein Einfallstor für ungeregelte Masseneinwanderung

Wie auch immer: Sarrazin belegt eindrucksvoll, wie es nicht weitergehen kann und was geschehen muss. Allein folgende von Sarrazin bemühte Zahl dokumentiert den Handlungsbedarf, nämlich die Bilanz der Asylanträge von 2007 bis 2016: „Von den 1,07 Millionen Entscheidungen über Asylanträge in dieser Zeit wurde lediglich in 9 166 Fällen das Recht auf Asyl (gem. Art. 16a GG) zugesprochen. Das waren weniger als ein Prozent aller Fälle. Das ist auch bis heute weiter der Fall … De facto ist das deutsche Asylrecht das zentrale Einfallstor für ungeregelte Masseneinwanderung geworden.“ Eine der Folgen ist: „Bereits 2016 war der Anteil der Fluchtmigranten an der Gewaltkriminalität in Deutschland dreimal so hoch wie ihr altersbereinigter Anteil an der männlichen Bevölkerung.“

Alles in allem: Sarrazin wartet auf diesmal 480 Seiten mit einer Fülle an Daten, Fakten, Belegen, Quellen und Zitaten auf. 671 Fußnoten sind daraus geworden. Verlegt wird das Buch von Langen/Müller, nachdem Sarrazins bisherige Verlage ihn trotz gigantischer Millionen-Auflagen aus politisch-korrekten Gründen nicht mehr als Autor haben wollten. Das Buch ist eine sehr solide Grundlage, die man braucht, wenn man bei diesem das Land spaltenden Thema sachgerecht mitdiskutieren will. Das sollte auch für so manche Spitzenpolitiker, für so manche Kirchenfürsten, für so manchen Journalisten gelten. Deshalb kann man nur hoffen, dass das neue Sarrazin-Buch vielleicht doch noch als „hilfreich“ angesehen wird.


Thilo Sarrazin: Der Staat an seinen Grenzen. Über Wirkung von Einwanderung in Geschichte und Gegenwart. München, Langen Müller 2020, 480 Seiten, ISBN-13:  978-378443-
572-5, EUR 26,00

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