Jahr der Orgel

Ein Detail des Romans ist der „geistliche Notenschlüssel“

Orgelpfeifen, Mordversuche und eine stille Liebe. Der niederländische Schriftsteller Maarten 't Haart hat den Roman zum Orgeljahr geschrieben.

Universität für Musik und darstellende Kunst Wien *** University of Music and Performing Arts Vienna
Lanna kann dem Orgelstimmer stundenlang bei der monotonen Arbeit helfen. Sie will nicht viel reden, denkt dafür lieber intensiv und viel. Neben Gabriel Pottjewijd sind Lanna und ihre Mutter Gracinha die Hauptfiguren des Romans von Maarten 't Haart. Foto: viennaslide (imago stock&people)

Gabriel Pottjewijd ist ein ruhiger, zurückhaltender Mann. Nach dem Tod seiner Frau Lore sind Orgeln seine einzige große Leidenschaft. Besonders historische Instrumente wie die des berühmten Barock-Orgelbauers Arp Schnittger haben es ihm angetan. Als er den Auftrag erhält, die berühmte Garrels-Orgel in einer südholländischen Kleinstadt zu stimmen, steigt er dafür sogar in einen Zug jener Bauart, in dem Lore damals verunglückt ist. Seine Unterkunft im Seemansheim ist bescheiden, die Menschen seltsam. Aber das stört Pottjewijd nicht, denn seltsam ist er selbst. Ein Einzelgänger, der sich, als er mit seinen Geschwistern am beliebten Laternenumzug teilnehmen durfte, brüllend aufs Bett warf und verlangte, zuhause bleiben zu dürfen. Gerade weil Gabriel Pottjewijd anders ist, stört es ihn kein bisschen, wenn die Menschen in seiner Umgebung Eigenheiten haben.

„Wie er sagt sie nur so viel, wie unbedingt nötig ist,
aber denkt dabei umso mehr“

 

Und darum kommt er mit Gracinha, der verführerisch schönen Brasilianerin, die einst einen inzwischen verstorbenen holländischen Kapitän geheiratet hat und dann mit ihrer Tochter Lanna in der kleinen Stadt geblieben ist, auch gut zurecht, auch wenn sie sich nicht gerade entgegenkommend, sondern vielmehr ausgesprochen launisch verhält. Doch Lanna ist die beste, die versierteste, präziseste Tastenhalterin, die Gabriel jemals hatte. Eine ebenso wichtige wie unbeliebte Aufgabe, denn es ist langweilig und enervierend, stundenlang eine Taste nach der anderen zur drücken, um jede der mehreren tausend Pfeifen sauber zu stimmen. Lanna aber stört sich nicht an der scheinbaren Monotonie, denn sie hilft ihr, die vielen Eindrücke, denen sie ausgesetzt ist, zu ordnen. Lanna ist, was Gabriel, dessen Bruder Kinderpsychologe ist, schnell erkennt, nicht geistig behindert oder zurückgeblieben, sondern ihren Mitmenschen vielmehr voraus. Wie er sagt sie nur so viel, wie unbedingt nötig ist, aber denkt dabei umso mehr. Für Gracinha ist die Begegnung mit Gabriel ebenso ein Glücksfall, wie die beiden Frauen für den Orgelstimmer. Denn er ist der erste, der nicht nur sie, die exotische Schönheit attraktiv findet, sondern auch ihre Tochter mit Respekt und Zuneigung behandelt.

Was sich daraus ergibt, warum unterdessen ein Unbekannter versucht, Gabriel Pottjewijd mit Schreckschüssen und einem beherzten Stoß in den Fleet aus der Stadt zu treiben und ob am Ende die Orgel gestimmt sein wird, obwohl untertags ein derartiger Lärm von der benachbarten Werft in die Kirche dringt, dass Gabriel, Gracinha und Lanna schließlich nur noch Nachts stimmen, wird sich dem Leser erschließen. Maarten 't Haarts neuer Roman ist die ideale Lektüre zum Jahr der Orgel: poetisch schön in ruhigem Tempo sich entwickelnd, voller Liebe zu Land, Leuten und Orgeln, von denen der Autor eine Menge versteht. Zugleich wirft 't Haart interessante Schlaglichter auf die Glaubenslandschaft, deren Vielfalt sich in der holländischen Kleinstadt wie in einem Brennglas spiegelt. Da ist der Pfarrer, der eine Dissertation über die zahlreichen Wege, vom Glauben abzufallen schreibt und dafür auch Gabriel Pottjewijd interviewt, der die Bibel zwar besser kennt als der Pastor und sie immer wieder neu in vielen Sprache liest, bei dem sich die Zonen des Missverstehens aber wie hängende Töne in einer Orgel zu einem Missklang verdichtet haben, der den Zugang zur Glaubenswelt versperrt.

Das Haus mit Bibeln angefüllt

Da sind die Bürger der Stadt vom Küster über den Organisten bis zur Köchin im Seemannsheim, die mit ihren verschiedenen Alltagssituationen so beschäftigt sind, dass der Glaube, statt sie zu durchdringen, langsam aber sicher verdunstet ist und der Bibelsammler, der so viele Exemplare der heiligen Schrift zusammengetragen hat, dass seine Frau das Haus verließ, weil für sie kein Platz mehr war. Für Gabriel erweist sich die Heilige Schrift aber ungeachtet seines Unglaubens immer wieder neu als Schlüssel. Denn wenn er eine Sprache lernen will, wie beispielsweise das Portugiesische, das ihm den Weg ins Herz Gracinhas ebnen soll, greift er zur Heiligen Schrift und eignet sich über die bekannten Inhalte das fremde Idiom an. Dieser geistliche Notenschlüssel ist vielleicht das wichtigste Detail dieses heiter-schönen, poetischen Romans.


Maarten 't Haart: Der Nachtstimmer. Roman. Piper Verlag, München 2021, 307 Seiten,
ISBN 978-3-492-07043-0, EUR 24,–

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