Würzburg

Die Menschheit als Naturgewalt

Läutet der Klimawandel eine neue Epoche ein? Zur Debatte um das Menschen-Erdzeitalter „Anthropozän“.

"Menschenzeitalter"
Der Mensch verwandele den ökologischen Planeten tiefgreifend und in einem globalen Maßstab, so Eva Horn und Hannes Bergthaller in ihrere Einführung zum Begriff des Anthropozäns, dem "Menschen-Erdzeitalter". Foto: Ulrich Zillmann/Adobe Stock

Die Debatte um den Klimawandel hat unter Experten dazu geführt, den Wandel als so tiefgreifend anzusehen, dass er es rechtfertige oder gar erfordere, ihn durch die Einführung eines neuen Erdzeitalter-Begriffs zu kennzeichnen: „Anthropozän“, übersetzt mit „Menschen-Erdzeitalter“ oder kürzer „Menschenzeitalter“. Durch Zusammenfügung der beiden Wörter Mensch (griechisch anthropos) und neu (griechisch kainos) will das Kunstwort „Anthropozän“ die erdverwandelnde Tätigkeit des Menschen verdeutlichen.

Der Begriff Anthropozän bringe die Einsicht auf den Punkt, so schreiben Eva Horn und Hannes Bergthaller in ihrer Einführung in die Debatte um diesen Begriff, „dass der Mensch tiefgreifend und im globalen Maßstab die Ökologie des Planeten verändert“. Der Begriff fasse eine ökologische Schwellensituation zusammen, „die sehr viele verschiedene Faktoren und Schauplätze umgreift: Sie reichen vom globalen Klimawandel und seinen Folgen über die Veränderung der ozeanischen und atmosphärischen Strömungssysteme, die Versiegelung von Böden und Störung der Wasserzyklen, das rasante Schwinden der Artenvielfalt, die Anreicherung von Luft, Böden und Gewässern mit toxischen und nicht-abbaubaren Substanzen, die Störung wichtiger Stoffkreisläufe (wie Phosphor- und Stickstoffkreislauf) bis zu einer rasant wachsenden Zahl von Menschen und Schlachtvieh.“

Der Mensch bewegt mittlerweile mehr als die Natur

Weltweit würden durch menschliche Aktivitäten mehr Erde, Sand und Steine bewegt als durch natürliche Prozesse. Plastik habe sich überall auf der Welt verbreitet, nicht nur in Form von wachsenden Mülldeponien, Plastikmüll in den Meeren und Flüssen, sondern auch als Mikroplastik in Böden, Gewässern und quer durch die gesamt Nahrungskette. Seit der Industriellen Revolution habe sich der CO2-Gehalt der Atmosphäre um 44 Prozent erhöht, wodurch sich nicht nur das Klima unaufhaltsam erwärme, sondern auch das Meerwasser immer saurer werde und die Lebensbedingungen aller Organismen im Meer gravierend verändere.

Die Populationen wild lebender Fische, Vögel, Reptilien und Säugetiere seien in den letzten vierzig Jahren im Durchschnitt um 58 Prozent geschrumpft, und auch die Zahl der Insekten sei drastisch zurückgegangen. „Wild lebende Tiere machen nur noch drei Prozent der Biomasse von terrestrischen Wirbeltieren aus, der Rest entfällt einerseits auf die Menschen (30 Prozent), andererseits auf seine Nutztiere (67 Prozent).“

Für die Gegenwart bietet die Erdgeschichte kein Vorbild

All dies summiere sich zu einem Befund, „dass die Erde in einen Zustand eingetreten ist, für den es in der Erdgeschichte keine Vorbilder gibt“. Das Anthropozän sei nicht einfach „nur“ eine Krise, die irgendwann überwunden werde, sondern „ein Bruch mit den ungewöhnlich stabilen Verhältnissen des Holozäns“. So bezeichnen die Geologen unser gegenwärtiges Erdzeitalter mit „Umweltbedingungen, in denen alles entstanden ist, was wir als menschliche Zivilisation kennen: Sesshaftigkeit, Ackerbau, Städte, Handel, komplexe soziale Institutionen, Werkzeuge und Maschinen, aber auch die Schriftkultur und alle anderen Medien zur Speicherung, Weitergabe und Vernetzung von Wissen. Wenn das Holozän die Wiege der Zivilisation ist oder war, so ist zu fragen, was der Bruch mit diesen Bedingungen für den Menschen – seine soziale Organisation, seine Technologien, sein Verhältnis zu sich selbst und zur Welt – bedeuten wird. Das Anthropozän steht für eine Zukunft, deren Konturen wir gerade erst zu ahnen beginnen.“

Am nachdrücklichsten befürwortet wurde der Begriff zunächst von Geologen. Vor allem Jan Zalasiewicz sei hier zu nennen, der eine Gruppe von Wissenschaftlern zur Erforschung der Berechtigung und Notwendigkeit der Ausrufung eines neuen Erdzeitalters ins Leben gerufen habe. Sie habe sich im August 2016 vor der Internationalen Kommission für Stratigraphie (ICS) für eine Formalisierung des Anthropozäns ausgesprochen. „Schon der Vorschlag, nicht erst im Abstand von Jahrtausenden, sondern mitten in der Gegenwart eine Epochenschwelle festzulegen, ist einzigartig. Es führte im Fach zu dem Vorwurf, die Geologie würde nun ihre Wissenschaftlichkeit aufgeben und sich der Politik oder – schlimmer noch – der ,Popkultur‘ hingeben.“

„Es ist eine
Gegenwartsdiagnose“

Zur Relevanz des Begriffs Anthropozän schreiben Verfasserin und Verfasser, es gehe mit ihm um weit mehr als um eine naturwissenschaftliche Fachdebatte. „Es ist eine Gegenwartsdiagnose.“ Als solche sei sie in den vergangenen Jahren sehr populär geworden. In einem Artikel im „Economist“ habe es geheißen, es gehe darum, unser Verhältnis zur Welt neu zu bedenken. Damit komme die Kultur ins Spiel. Diese habe die Aufgabe „mit Enthusiasmus angenommen. Kunst und öffentliche Debatten, die Geistes- und Kulturwissenschaften, aber auch Museen bescheren dem Begriff seit den 2010er Jahren eine erstaunliche Konjunktur.“ Was Kunst, Wissenschaft und Politik in ihrer Auseinandersetzung mit dem Anthropozän verbinde, sei das Wissen, auf einem beschädigten Planeten zu sitzen. Es werde an den Begriff „Epochenbewusstsein“ von Karl Jaspers erinnert. Gemeint ist das Bewusstsein, „in einem Augenblick der Weltwende zu stehen, die nicht an einer der partikularen geschichtlichen Epochen der vergangenen Jahrtausende gemessen werden kann“. Gemeint sei das Bewusstsein einer Gemeinsamkeit, „die sich aus der globalen Bedrohtheit ableitet und deshalb kulturellen, politischen und ökonomischen Differenzen vorgeordnet ist“. Es enthalte keine Lösungsrezepte, sondern benenne eine ethische Herausforderung.

Was ist die vom Menschen beeinflusste Natur?

Zum Epochenbewusstsein des Anthropozäns gehöre, dass viele der Kategorien obsolet werden, in denen das Verhältnis zwischen Mensch und ökologischer Umwelt gefasst wurde. „,Nachhaltigkeit‘ und ,Umweltschutz‘ erweisen sich in dieser Perspektive als politische Teilprobleme, die man getrost als nachrangig behandeln könnte.“ Das Anthropozän fordere dagegen eine Neuordnung fundamentaler Begrifflichkeiten: „Was ist die Natur, wenn wir sie als wesentlich vom Menschen beeinflusst denken müssen? Was ist Kultur, wenn sie mehr als nur eine vom Menschen gebaute künstliche Umwelt ist, sondern wenn sie – in Form von Konsum und Technik – eine zunehmende unkontrollierte Eigendynamik entfaltet? Was ist der Mensch, wenn man ihn als eine Spezies betrachtet, die das gesamte Erdsystem fundamental verändert? Was bedeutet es, dass sein Bewusstsein ihn mit einer Macht ausgestattet hat, die sich bewusster Kontrolle entzieht? Und was kann Politik heißen, wenn die Regulierung von Konsum und technischen Verfahren – Dinge, die bisher kaum als politikfähig betrachtet wurden – in ihren Mittelpunkt rückt?“

Die Sonderstellung des Menschen überdenken

Die Einführung verdeutlicht die Fülle an Aspekten und Konsequenzen, die sich ergeben, wenn man sich auf diesen Begriff einlässt. Sie „nimmt die Herausforderungen des Anthropozäns von der Seite der Kultur- und Geisteswissenschaften in den Blick“. Hier können aus Raumgründen nur einige wenige Aspekte hervorgehoben werden: Gezeigt wird, „wie ein Denken des Anthropozäns zentrale Begriffe und Probleme der Geisteswissenschaften aufgreift, aber auch fundamental verändert“. So müsse das Verhältnis von Natur und Kultur und die Frage nach der Sonderstellung des Menschen im Anthropozän „völlig neu gedacht werden. Mit der Modellierung des Planeten als Gefüge selbstregulierender Prozesse muss die Natur als ein komplexes System verstanden werden, dem der Mensch als integraler Bestandteil zugehört.“

Das Buch ist allen zu empfehlen, die sich in philosophischer Perspektive mit Fragen beschäftigten möchte, die über den Alltag des Menschen und seine Gegenwartsprobleme hinausgehen. Wer einen Sinn für die hier behandelten philosophischen Fragen mitbringt, dem eröffnen sich völlig neue Dimensionen in vielerlei Hinsicht.

Eva Horn / Hannes Bergthaller: Anthropozän zur Einführung. Junius Verlag Hamburg 2019, ISBN 978-3-96060-311-5, EUR 15,90

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