Würzburg

Denkrätsel des Philosophen

Ein Denker, der seine Gedanken feuilletonistisch verspielt formuliert: Hans Blumenberg.

Schreibtisch des Philosophen Hans Blumenberg
Die christliche Aura ist geblieben: Der Schreibtisch des Philosophen Hans Blumenberg, der heute im Besitz seines Biographen Uwe Wolff ist. Foto: Uwe Wolff

Uwe Wolff, weithin bekannt als Angelologe, „Deutschlands bekanntester Engelforscher“, wie ein Magazin über ihn schrieb, legt nun mit „Der Schreibtisch des Philosophen“ ein leichtfüßig formuliertes, aber inhaltsschweres Büchlein über seinen Universitätslehrer Hans Blumenberg vor. Der Münsteraner Philosoph Blumenberg war selbst fasziniert von den Mittlern zwischen Himmel und Erde. Das Thema entsprach seinem Drang, Licht ins Zwielichtige des scheinbar Eindeutigen zu bringen. Uwe Wolff, auch er ein Wanderer zwischen der Möglichkeitswelt der Literatur – er schrieb Romane und verfasste literaturhistorische Monografien über Goethe, Thomas Mann und Hesse – und den Dogmatiken der Theologie, wurde als Student von Blumenbergs eigenwilliger Lehr- und Denkmethode angezogen. Denn der Philosoph betrachtete den Mythos, ja jede Überlieferung als Denkrätsel, als hermeneutische Herausforderung, dem er auf feuilletonistisch verspielte, faszinierende Weise nachspürte.

Ein männlicher Denker mit der Aura des Eingeweihten

Dabei suchte der jung ausgezeichnete Wolff (er bekam bereits als 26-Jähriger den Thomas-Mann-Förderpreis) gar nichts Besonderes, als er sich zu den Vorlesungen einschrieb, die Blumenberg im Münsteraner Schloss eigentlich nur für sich selbst hielt. „Die Philosophie blieb für mich frei von allen Zwecken, und vielleicht war diese Haltung der Grund, warum ich bald einen Lehrer finden sollte, von dem ich nichts wollte und deshalb vieles bekam“, bekennt der frühere Gymnasiallehrer. Blumenbergs Ruminieren in der Bilderwelt der Überlieferung kam der eigenen Sprachsensibilität entgegen – aber ebenso die starke Prägung des Philosophen durch das katholische Elternhaus. Mit Blumenberg konnte er „über Gott und Goethe“, das Thema „Mythos und Metapher“ gleichermaßen reden und sich in einer längeren Korrespondenz austauschen. Sie liegt inzwischen im Blumenberg-Nachlass des Marbacher Literaturarchivs.

Liest man Wolffs Erinnerungen genau, wird man feststellen, dass es eigentlich ein Dreifachporträt ist. Denn auch der Mediävist Friedrich Ohly wird als passionierter Universitätslehrer vorgestellt, dem Wolff vieles verdankt. „Er wollte Lehrer sein, der lehrend von seinen Schülern lernt.“ Kein größerer Gegensatz ist denkbar als der zu Hans Blumenberg, der lehrend ganz ohne Belehrte auszukommen meinte. Ohly war auf das Echo seiner Studenten angewiesen, die wie er auf der Suche waren und sich im besten Falle ideal ergänzten. Ganz anders Blumenberg. Er machte die entscheidenden Fragen mit sich selbst aus und neigte, was die von seiner Wissensfülle beeindruckten Zuhörer betrifft, zur beißenden Ironie. Allerdings durften seine Vorlesungen mitgeschnitten werden, was Blumenbergs Auftritten etwas Feierliches, „jene Aura aus Messe und Happening“ vermittelte, wie Wolff schreibt. Hans Blumenberg sei wie Ernst Jünger „ein männlicher Denker mit der Aura des Eingeweihten“ gewesen, erinnert sich sein Lieblingsschüler, der bis es dunkelte in den Sprechstunden des Professors saß. Draußen vor der Tür wartete Tobias Blumenberg geduldig, bis er mit seinem Vater nach Hause fahren durfte.

Ernst Jünger wird am häufigsten genannt

Der Name Ernst Jünger fällt am häufigsten in Wolffs Erinnerungsbuch. Das ist kein subjektiver Eindruck des Jünger-Biografen. Ganze Kapitel werden von Jünger-Zitaten eingeleitet. Der Autor erklärt Ernst Jünger sogar zu einem von Hans Blumenbergs „Lehrern“. Das ist natürlich übertrieben, denn Blumenbergs 2007 posthum bei Suhrkamp erschienene Aufsatz- und Glossensammlung „Der Mann vom Mond. Über Ernst Jünger“ kann eher als wohlwollende Dekonstruktion der Erkenntnis- und Schreibmethode des Uralten aus Wilflingen gelesen werden, der Blumenberg auch wegen dieser langen Lebenszeit imponierte. Jünger wollte seine Existenz keineswegs, wie Hitler und andere Tyrannen des 20. Jahrhunderts, mit der „Weltzeit“ synchronisieren. Deren diktatorischer Zugriff verlangte die Exekution der verbrecherischen Ideen sofort, innerhalb der eigenen Lebenszeit. Hans Blumenberg hat darüber ein umfangreiches Buch geschrieben. Ernst Jünger war für ihn der Gegenentwurf: Lebenszeit rühmt Weltzeit.

In seinen Tagebüchern sinnt Jünger sogar darüber nach, warum er nicht wie Millionen anderer in den Grabenkämpfen des Ersten Weltkrieges gefallen sei. Sein Überleben war ihm eher suspekt. Er setzte nicht auf die eigene Lebensspanne, sondern als Dichter auf das platonische Wiedererkennen des Immergültigen, den„ewigen Augenblick“, der das Ganze blitzartig im konkreten Einzelnen erfasst. Blumenberg konstatierte, dass Jünger vom Nihilismus erfasst, ihm aber keineswegs erlegen sei. Das machte das Werk des „Meisters der Kryptogramme“ für ihn gewissermaßen zum Erkenntnis-Rebus, zu einer Art zweiter Natur, die es zu entziffern galt. Für Hans Blumenberg war Ernst Jünger – über dessen Hunger nach Transzendenz hinaus – schon deshalb ein glaubwürdiger Zeitzeuge, weil er nach 1933 dem NS-Regime den Rücken gekehrt und sich allen Vereinnahmungen konsequent entzogen hatte. Riskanter Höhepunkt dieser Verweigerung war die Veröffentlichung der Parabel „Auf den Marmorklippen“, in der Jünger 1939 mit seinem Bild von der „Schinderhütte“ das Grauen der Konzentrationslager vorweggenommen hatte. Blumenberg, Sohn einer jüdischen Mutter, hatte die Folgen der Rassegesetze am eigenen Leib zu spüren bekommen, wie Wolff in den biografischen Abschnitten seines Buches ausführlich dokumentiert.

Vollständige Erklärbarkeit der Wirklichkeit unmöglich

In seinen Überlegungen zu Jüngers kühnstem Buch machte Blumenberg sich vor allem Gedanken über den vermeintlichen Wegfall der Präposition „Auf“ in der französischen Übersetzung der Marmorklippen („Les Falaises de Marble“), die 1942 bei Gallimard in Paris während der deutschen Okkupation erschien. Allerdings sitzt der Philologe aus Leidenschaft hier einem Irrtum auf. Die Übersetzung von Henri Thomas (nicht von Henri Plard, wie Blumenberg schreibt) erschien unter dem Titel „Sur les falaises de marble“ mit dem exakt übertragenen Titel, hinter dessen Veränderung Blumenberg zu Unrecht ein Zugeständnis an die Zensur vermutete. Um die Zeit- und Ortlosigkeit der Erzählung noch zu steigern, habe man jeden Anschein von Authentizität vermeiden wollen, kombinierte er. Es gibt in seinem Jünger-Band noch weitere Mutmaßungen, die den Willen des Autors erkennen lassen, ein wenig am Jünger-Monument zu rütteln – auch mit reichlich Ironie.

Hochironisch ist denn auch Blumenbergs Glosse „Ein Zeckenbiß“, in welcher der Philosoph ganz unphilosophisch die „BILD“-Zeitung zitiert, die am 25. August 1993 mit der Schlagzeile „Ein Jahrhundert-Mann kämpft mit dem Tod“ gemeldet hatte, dass Jünger infolge eines Zeckenbisses mit Herzinfarkt in der Klinik liege. Uwe Wolff hatte ihm damals die Nachricht übermittelt. Aber tatsächlich hatte sich der 98-Jährige längst erholt und seiner Frau, die ihm das Boulevard-Blatt in die Klinik brachte, lapidar geantwortet: „Von denen muss ich mich ja nicht gerade beerdigen lassen.“ Das hatte ich telefonisch von Frau Jünger erfahren, die ich nach dem Befinden ihres Mannes befragte. Sie sagte lachend, ihr Mann habe die Schlagzeile überlebt und sitze längst wieder vor seiner Käfersammlung. Ich gab diese denkwürdige Anekdote an Uwe Wolff weiter, von dem ich wusste, dass er mit Hans Blumenberg korrespondierte. Der versah sie mit einer Anfrage an den Philosophen: „Bleibt noch die Frage nach dem Opfer: der Zecke. Ist sie inzwischen chloroformiert der subtilen Sammlung einverleibt worden?“ Der Briefschreiber fragte weiter, was es zu bedeuten gehabt hätte, wenn der zigfach im Ersten Weltkrieg Verwundete am Ende von einem Insekt gefällt worden wäre: „Dass wir in einer banalen Zeit leben, wo große Abgänge nicht mehr möglich sind?“

Blumenbergs Schreibtisch: „Heiliges Holz“

Hans Blumenberg, der mir nach Erscheinen meiner Bildbiografie 1988 einen ausführlichen Brief geschrieben hatte, in dem er anerkennend vermerkte, ich hätte in Wort und Bild das „Grundmuster der Jünger-Welt“ erfasst, antwortete dem „erregten Zeitgenossen“, das sei eine Frage, die zwar hypothetisch sei, der sich aber nicht ausweichen lasse. Das Banale unserer Zeit hatte er ja längst am eigenen Leib erfahren. Allerdings, so Blumenberg weiter, stelle sich hier die Frage, ob Jüngers Replik („Von denen muss ich mich ja nicht gerade beerdigen lassen“) nicht ein ideales „letztes Wort“ ergeben hätte. Der aufmerksame Jünger-Leser wusste, dass der Autor von „In Stahlgewittern“ lebenslang letzte Worte gesammelt hatte – aus Neugier für die „Übergänge“. Auch dies natürlich ein hypothetischer Gedanke.

Ein letztes Wort hat es offenbar auch von Hans Blumenberg nicht gegeben, zumindest wurde es nicht überliefert. Der „erregte Zeitgenosse“ hätte es uns sicher übermittelt – zumal er engen Kontakt zum Sohn Tobias pflegt. Der hatte ihm aus dem Nachlass den Schreibtisch seines Vaters überlassen, sozusagen eine letzte Zuwendung des Philosophen. Uwe Wolff nennt den Eichentisch „Heiliges Holz“ und versäumt nicht, in seiner Danksagung des eigenen Vaters zu gedenken, der aus dem Tisch mühelos einen Bettrahmen oder eine Hundehütte gezimmert hätte. Der „alte Schlesier“ aber ist längst tot und die Frage, was aus dem heiligen Holz werden wird, selbst hypothetisch. Das hätte Hans Blumenberg gefallen. Das Hypothetische war sein Metier.

Von Heimo Schwilk sind die Bücher erschienen: „Ernst Jünger. Leben und Werk in Bildern und Texten“ sowie „Ernst Jünger. Ein Jahrhundertleben“, beides im Verlag Klett-Cotta.

Uwe Wolff: Der Schreibtisch des Philosophen. Erinnerungen an Hans Blumenberg. <7br>Claudius Verlag 2020, 136 Seiten, EUR 16,–

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.