Wien

Das Leben Philipp Neris in Anekdoten

Der römische Stadtheilige beeindruckt und beeinflusst Menschen bis heute durch sein Lebensbeispiel. Große Schriften hat er nicht hinterlassen, weil er dies nicht wollte: Aus Demut, aber auch wegen mangelnder Zeit, denn er war viel zu beschäftigt, Seelen zu retten.

PHILIPP NERI - Fromm und fröhlich
Fromm und fröhlich: der humorvolle Seelsorger Neri war sehr beliebt. Foto: KNA

Philipp Neri (1515–1595), der römische Stadtheilige, der die Kirche mit der Kleriker-Gemeinschaft des Oratoriums beschenkte und von Franz von Sales über Goethe und Newman bis Guardini Menschen beeindruckte und beeinflusste, wirkt vor allem über sein Lebensbeispiel. Große Schriften hat er nicht hinterlassen, weil er dies nicht wollte: Aus Demut, aber auch wegen mangelnder Zeit, denn er war viel zu beschäftigt, Seelen zu retten.

Das unermüdliche Wiener Herausgeber-Duo Markus Dusek und Paul Bernhard Wodrazka – letzterer selber Oratorianer – hat eine Sammlung von Geschichten um den fröhlichen Heiligen herausgegeben, die einen einfachen Zugang zu Neri ermöglichen.

Der italienische Priester Oreste Cerri hat diese Anekdoten gesammelt, die man sich aber nicht als liebevoll-bemühte fromme Mären vorstellen soll, sondern die im Wesentlichen auf Zeugenaussagen des Seligsprechungs-Prozesses beruhen und Tatsachen berichten. Sie stellen uns den gebürtigen Florentiner, der den Arno mit dem Tiber vertauschte, als Mensch vor, der zunächst hart an sich gearbeitet hatte, dann aber glutvoll und ohne sich zu schonen die Liebe Gottes zu den Menschen trug. Diese hatte er an sich so machtvoll erfahren, dass es zu körperlichen Symptomen kam und es Neri beständig zu warm war, er öfters ausrufen musste: „Genug, Herr, nicht mehr, nicht noch mehr!“. Es war in Rom allgemein bekannt, dass Philipp gelegentlich Stunden für die Messe brauchte, weil er in Ekstase geriet, man ihn dabei mehrere Zentimeter über den Boden schweben sah. Hunderte Menschen waren Zeugen. Es wuchsen ihm außerordentliche Kräfte der Seelenschau und des Vorher-Wissens zu, so dass er zum Beispiel mehrfach Papst-Wahlen richtig voraussagte. Aber das war nur der äußere Ausfluss seines ständigen Verweilens bei und in Gott, für das die Geschichten Zeugnis ablegen.

Liebevolle Sammlung von Anekdoten

„Für was arbeitest du?“, fragte der Heilige einen Bauern am römischen Stadtrand, und der erwiderte: „Um Brot zu haben, für mich und meine Familie.“ „Das ist schon recht“, sagte Neri, wiederholte aber seine Frage. Worauf der Bauer ratlos wurde und seinerseits fragte: „Wofür soll ich denn sonst noch arbeiten?“ „Na, fürs Paradies, mein Freund. Zählt der Himmel denn gar nichts mehr? Es ist ja richtig zu arbeiten, um sich das Brot zu verdienen, aber vor allem soll man arbeiten, um sich den Himmel zu verdienen.“ Und ein Stück weitergehend, wandte er sich noch einmal um, hob zwei Finger in die Höhe und rief dem Landmann zu: „Zwei Dinge zählen, merk dir das, zwei Dinge: Brot und Himmel.“ Die römischen Straßenjungen lud er in die Räume des Oratoriums bei der Chiesa Nuova ein, duldete ihre rabiaten Spiele und machte sogar mit. Als es einem seiner Mitbrüder zu bunt wurde und dieser Neri bat, dem wilden Treiben Einhalt zu bieten, erklärte Philipp: „Von mir aus sollen sie laut sein und herumlaufen, wenn sie nur nicht sündigen.“ Immer wieder aber setzte Philipp Neri auf das Mittel des Humors, um Menschen zu gewinnen. So als eine reiche Frau ihn fragte, ob es Sünde sei, Schuhe mit hohen Ansätzen zu tragen. Philipp lächelte nur und meinte: „Nein, solange man nicht stürzt“.

„Zwei Dinge zählen, merk dir das,
zwei Dinge: Brot und Himmel.“

Oreste Cerri erklärt die Methode des Heiligen: „Philipps Taktik bestand darin, den Seelen anfänglich sehr viel Toleranz entgegenzubringen, statt ihnen gleich schon eine strenge christliche Lebensführung aufzuerlegen; in der richtigen Annahme, dass sie, wenn sie erst einmal den Weg des Glaubens eingeschlagen haben, die Oberflächlichkeit ihrer Sitten von selbst bemerken mussten. Deshalb gab er auch seinen Schülern die Empfehlung: Seid nicht ungeduldig bei der Bekehrung der Seelen und der Verbesserung ihrer Sitten; wartet ab, bis ein bisschen Gottesliebe in ihren Herzen Wurzeln schlägt, und ihr werdet sehen, dass sie sich von selbst bessern.“ Alles, was Neri den Menschen sagte, hat einen „Sitz im Leben“ und verbindet die psychologisch richtige Beobachtung mit Prägnanz: „Die Alten sollen sich vor dem Geiz in Acht nehmen, die Jungen vor der Unreinheit.“

Weniger das Wort, sondern das Beispiel führen zur Bekehrung

Es sind letztlich Mut-Mach-Geschichten, die Oreste Cerri zu erzählen weiß, die beweisen, dass ein neues, ein anderen Leben aus dem Glauben heraus möglich ist, wenn man denn es entschlossen angeht und immer um geistliche Begleitung – mit der Philipp Neri quasi sein Leben verbrachte – bemüht ist. Der römische Edelmann Salviati, sein Bruder war damals Kardinal, sein Onkel war Papst gewesen, „war das frivole und korrupte Leben am Hof gewöhnt und hatte jeden Bezug zur Religion verloren“. Man stellte ihn dem Oratorianer vor, der ihn kurzerhand mitnahm, wenn er Kranke im Spital besuchte und pflegte oder andere Werke der Nächstenliebe verrichtete. Offenbar weniger durch Worte, sondern durch sein Beispiel – und seine Geduld – konnte Philipp schließlich allmählich eine Änderung im Leben des Höflings erreichen. So kann Cerri seine Geschichte schließen: „Viele, die Salviati von früher kannten, nahmen sich ein Vorbild an seiner demütigen Haltung und der Großzügigkeit, mit der er den Armen und Kranken half.“

Das Buch ist voll solcher Geschichten, die erklären, warum Philipp Neri bis heute so verehrt und insbesondere in Rom nicht vergessen ist. Ins Auge sticht der ständige Bezug zum Übernatürlichen, das Leben in der Gegenwart Gottes, das den irdischen Dingen von da aus Rang und Wert gibt. In summa: Neri war das Gegenteil von gottvergessen und tut auch der von der Gefahr des Aktionismus bedrohten Kirche von heute gut, weil er um die rechte Rangfolge von allem weiß.


Markus Dusek/Paul Bernhard Wodrazka (Hrsg.):
Das Leben des heiligen Philipp Neri in Anekdoten, nach Oreste Cerri.
Be & Be-Verlag, Heiligenkreuz, 3. A., 2019, 273 Seiten, ISBN 378-3-902694-77-5, EUR 19,90

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