Würzburg

„Das Banner der Wirklichkeit“

„Gegen Mächte und Gewalten“: Hilaire Belloc erweist sich als ernsthafter Prophet.

Hilaire Belloc
Hilaire Belloc (1870-1953) nahm in präzisen Analysen die "neuen Feinde"der Kirche in den Blick. Foto: George Grantham Bain Collection, Library of Congress

Wo auch immer die katholische Sonne scheint, gibt es stets Gelächter und guten Wein“ – der Mann, von dem diese Sentenz stammt, heißt Hilaire Belloc (1870–1953), und nichts ärgerte diesen linientreuen Katholiken so sehr, wie wenn jemand versuchte, eine Wolke des Widerspruchs oder des Unglaubens vor diese, seine Sonne zu setzen. Dann konnte Belloc, der als Sohn einer Britin und eines französischen Anwalts in der Nähe von Paris zur Welt kam, sich in eine Diskussionsfurie verwandeln, einen Apologeten des Herrn und seiner Kirche, vor dem man fast nur die rhetorischen Waffen strecken konnte.

Kein Raum zwischen Licht und Finsternis

Wer es nicht glaubt, kann sich davon durch die Lektüre seiner Werke „Der Sklavenstaat“ oder „Die großen Häresien“ überzeugen, die beide unlängst beim Renovamen-Verlag in vorzüglicher Übersetzung von Julian Voth erschienen sind. Oder: durch die Lektüre des Werkes „Gegen Mächte und Gewalten“, das nun aktuell auf Deutsch vorliegt. Wieder übersetzt von Voth, verstärkt von Philipp Liehs, wieder verfasst mit einem Furor, der keinen Raum zwischen Hell und Dunkel, Licht und Finsternis zulässt. Was ein wenig das Problem, aber auch das Thema des kompromisslosen Werkes ist. Belloc, der als Politiker, Journalist und Autor seine Sporen verdiente, schreibt über die „alten und neuen Feinde der katholischen Kirche“. Da bleibt nicht viel Platz für Grautöne.

Und so steckt Belloc zunächst einmal das Kampffeld ab. „Die Ausgestaltung einer jeden Gesellschaft ist letztlich abhängig von ihrer Philosophie, von ihrer Betrachtung der Welt und von ihrer Haltung zu den moralischen Werten. Konkret bedeutet das: von ihrer Religion.“

Prophetische Worte über die Kirche und ihre Feinde

Dass für ihn, der dieses Werk 1929 veröffentlichte, also zu einer Zeit, als die Kirche noch einige Meilen vom Zweiten Vatikanischen Konzil entfernt war, es nur eine Religion und damit nur eine Institution geben konnte, welche die kulturell-religiös Gesellschaftsherrschaft verdiente, ist klar. Man ahnt es schon: die römische Kirche. Denn: „Die katholische Kirche ist heute das einzige Bollwerk gegen den wahrscheinlich kurzlebigen aber immer noch sehr gefährlichen Flächenbrand, den man Kommunismus nennt.“ Das waren prophetische Worte.

Interessant ist auch, wen Belloc auf die Liste der zeitgenössischen „Feinde“ der Kirche setzt. Papst Franziskus hätte es, fast 100 Jahre später, mit einer kleinen Änderung nicht schöner sagen können: „Es sind ihrer drei: der Nationalismus, der Antiklerikalismus und das, was ich den ,modernen Geist' nennen werde (denn so nennt er sich selbst).“ Dabei betont Belloc, dass diese drei im Unterschied zu früheren Gegnern „keine explizite Häresie“ vorbringen, sondern aufgrund ihrer „Geisteshaltung“ auf Konfrontationskurs mit der Kirche seien.

„Mittlerweile tobt eine Schlacht
und jeder muss sich für die eine oder
die andere Seite entscheiden“

Besonders über den Nationalismus empört sich Belloc: „Die Nation wird zum Selbstzweck erhoben. Wenn diese Haltung auftritt, haben wir es im strengsten Sinne des Wortes mit einer Häresie zu tun, einer falschen Lehre, mit allen Gefahren der weiten und allseitigen Ausbreitung von Übeln, die aus falschen Lehren gleichwie aus einer Pestsaat entstehen.“ Für Katholiken also verboten, denn: „In der menschlichen Seele ist kein Platz für zwei Religionen.“ Auch beim „Antiklerikalismus“ steht laut Belloc viel auf dem Spiel. „Der heutige Antiklerikalismus entstammt nicht mehr einem Protest gegen extravagante Übergriffe des Klerus, sondern dem Konflikt zwischen zwei inkompatiblen Staatstheorien – der katholischen und der neutralen, laizistischen. In diesem Streit geht es im Wesentlichen um eine Auswirkung der Universalität der Kirche und ihrer anerkannten Befugnisse in einem katholischen Staat, verbunden mit der Anerkennung der Wahrheit …, dass die katholische Kirche entweder über die Gesellschaft oder ihrem gehässigen Regelwerk unterworfen wird.“ Ob der heutige Papst und Klerikalismus-Kritiker Franziskus von Bellocs Haltung und Begründung besonders angetan wäre?

Was Hilaire Belloc über Laizismus und Freimaurerei schreibt, lässt ihn eher wie einen probaten Schutzpatron der Viganò-Fraktion aussehen. „Mittlerweile tobt eine Schlacht und jeder muss sich für die eine oder die andere Seite entscheiden. Und wenn die Bewegung des Antiklerikalismus sich schlussendlich zu einer solchen entwickelt, die explizit die Zerstörung des Glaubens betreibt, ist die Stunde der Entscheidung gekommen. Die einen werden sich um das Banner der Wirklichkeit scharen, die leeren Phrasen politischer Theorie vergessen und sich nur noch für den Glauben einsetzen. Die Übrigen werden dem Glauben als Ganzem genauso feindlich gegenüberstehen wie jeder seiner erklärten Gegner.“

Über die Gefahr von Neuheidentum und Okkultismus

Ausgesprochen hellsichtig ist Belloc mit Blick auf die „neuen Feinde“ der Kirche. So sah er bereits Ende der 1920er Jahre ein „Neuheidentum“ am Horizont auftauchen und grenzte es folgendermaßen ab: „Das alte, vorkatholische Heidentum tat Böses, gab aber zu, dass es böse ist... Das Neuheidentum aber wirkt mittels einer versuchten Leugnung von Gut und Böse, das alles zersetzt, was es berührt... Daher sehen wir das alte Heidentum der Antike von dem ständigen Versuch begleitet, die Verzweiflung durch die Opiate der Schönheit und des stoischen Mutes zu hintergehen. Für das neue Heidentum aber ist die Verzweiflung wie Atemluft und Nahrung.“

Bemerkenswert ist, wen Belloc für einen weiteren „Feind“ der Kirche einstuft: den „Spiritualismus“. Was meint er damit? „Das Phänomen ist im Wesentlichen so alt wie die Menschheitsgeschichte. Es ist quasi-identisch mit Hexerei, Nekromantie und Magie.“ Also den Okkultismus, ein „Phänomen“, das „seinen Ursprung im Bösen“ habe und dadurch anziehend wirke, dass ihre Anhänger ihre „Gewissheit“ nicht „auf Gefühle, sondern auf objektive Beweise“ stützen würden, die in der Epoche des Rationalismus verdrängt worden seien. Doch ist Hilaire Belloc optimistisch, was diese Herausforderung betrifft: Denn aus der Bewegung lasse sich „keine Universalität gestalten, auf der alle großen Organismen beruhen“. Außerdem: „Wir wissen..., dass die Jünger dieser Religion manchmal in den Wahnsinn getrieben werden, manchmal alle Anzeichen von Besessenheit aufweisen, und selbst die strammsten Unterstützer geben zu, dass diese Praktiken gefährlich seien und nur mit Vorsicht geübt werden könnten.“

Haben sich diese Thesen Bellocs nicht schon bestätigt durch die populären Praktiken des New Age und das Aufziehen des Okkultismus? Die Verdunklung der Sonne? So kann einem Hilaire Belloc auch im Jahr 2020 ein inspirierender Dialog-Partner sein. Ein anregend ernsthafter Prophet, dem allerdings ein wenig mehr Gelassenheit und Ironie gutgetan hätten. Oder eben: Gelächter und Wein.

Hilaire Belloc: Gegen Mächte und Gewalten. Die alten und neuen Feinde der katholischen Kirche. Renovamen-Verlag, 2020, 220 Seiten, ISBN 978-3-95621-138-6, EUR 16,–

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