Warschau

„Bleiben wir ritterlichen Idealen treu“

Was tun?“, fragt der Historiker David Engels, der die Nacht über Europa hereinbrechen sieht.

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Für David Engels wird es düster in Europa: Unser Bild zeigt eine Abenddämmerung über dem Grand Place in Brüssel. Doch der Autor zeigt auch, wie man dieser "Finsternis" begegnen kann. Foto: imago images

Innerhalb kürzester Zeit erscheint demnächst die dritte Auflage des Buches „Was tun?“ von David Engels. Die Vorrede des französischen Originals aus 2019 nahm der Althistoriker in die deutsche Version auf und illustriert damit seine These vom „Niedergang Europas“: Steht die Vorrede der französischen Ausgabe im Glutschatten des symbolträchtigen Brandes von Notre Dame, so beschleunigt nun die Covid-19-Krise den Lauf der Dinge – und: „Wie auch immer man diese Seuche einschätzen mag: Überall festigt sich der Eindruck, dass das Leben fortan nicht mehr ganz dasselbe sein wird …“

Es lohnt sich, alle vor und nachgestellten Texte des Hauptwerkes zu lesen

Bis es losgeht mit dem Haupttext von „Was tun?“ dauert es eine Weile: Durch „Zum Geleit“, „Vorrede zur deutschen Ausgabe“ (2020), Vorrede zur französischen Ausgabe (2019), Vorwort und Einleitung, füllt David Engels doch einen beträchtlichen Teil der 246 Seiten mit Paratexten – ein Nachwort gibt es dann natürlich auch noch. Was im ersten Ansatz doch zumindest manieriert wirkt, erweist sich aber, wenn man sich denn auf eine Lektüre einlässt, als in vielerlei Hinsicht hilfreich.

Engels' Haupttext wechselt dann zwischen wissenschaftlich präziser Zeitanalyse und explizit für die persönliche Ebene gedachten Antworten auf die Titelfrage „Was tun?“; die den Basistext umspielenden Paratexte haben in dieser Grundspannung die wichtige Aufgabe der Kontextualisierung: Während Vorreden und Einleitung dies aktualisierend tun, so geschieht es im Geleitwort von Simon Wunder (Leiter des Renovatio-Instituts) durch eine nicht minder wichtige weltanschauliche und kulturhistorische Einbettung, wenn er David Engels „Was tun?“ in die Nachbarschaft stellt von Rod Drehers „Benedict Option“, Ray Bradburys dystopischen Roman „Fahrenheit 451“, Joseph Ratzingers Diktum von den Christen als „schöpferischen Minderheiten“, oder Josef Piepers Aufsatz „Der Tapfere ist nicht ohne Furcht“. Die (Re)Lektüre der genannten Texte in Zusammenhang mit Engels' „Was tun?“ sei tatsächlich explizit empfohlen – der Resonanzraum weitet sich dadurch in konstruktiver Weise und Manches etwas zu Komplexe, zu Pathetische und zu Düstere, wird aufgefangen und geklärt.

„der Moment, wo es zu spät ist
und der Zusammenbruch unaufhaltsam ist –
also der Moment, den wir heute erreicht haben“

Im Kleinformat eines Gebetbuches oder einer Taschenbibel gehalten, tritt Engels' „Büchlein“ optisch dennoch groß und ernst auf: In tiefem Schwarz mit silberner Schrift und goldgelbem Lesebändchen suggeriert es – gerade im Understatement – einen großen Anspruch. Allerdings geht die breitrandige Ästhetik leider etwas auf Kosten der Lesbarkeit, übertroffen wird die ohnehin sehr kleine Schriftgröße noch durch winzige Seitenzahlen.

Doch tatsächlich, „Was tun?“ ist ein großes und lesenswertes Buch! Und das in vielerlei Hinsicht. Wo man aufgrund rudimentärer Einzelfallberichterstattung der Mainstreammedien über Jahre hin mancherlei Unwohlsein entwickelt hatte, setzt Engels in seiner Diagnostik des Niedergangs Europas der fragmentierten Wahrnehmung kühn die große Perspektive und Zusammenschau entgegen. Und das tut er schonungslos und dramatisch, wenn er in klug arrangierter Argumentation Schritt für Schritt die dräuenden Katastrophen historisch begründet und prophetisch vorausschaut, immer wieder pädagogisch verdichtend in einer Enumeratio der Phänomene, „welche unsere Gesellschaft seit nunmehr einem halben Jahrhundert bedrohen – Arbeitslosigkeit, Deindustrialisierung, Vergreisung, Familienzerfall, Masseneinwanderung, niedrige Geburtenrate, Scheitern des Bildungssystems, Staatsschulden, Kriminalität, etc.“

Die Apocalypse ist im Gange

Oh ja, die Farbe ist sehr dunkel, die der Belgier, der mittlerweile mit seiner Familie in Polen lebt, aufträgt, so dunkel, dass der Leser, der sich zugleich dem Wahrheitsgehalt der Analyse nicht verschließen kann, möglicherweise auch mit einer gehörigen Abwehrreaktion zu kämpfen hat. Die Apokalypse (West)Europas – für den Osten hat er noch mehr Hoffnung – ist für Engels bereits im Gange, „der Moment, wo es zu spät ist und der Zusammenbruch unaufhaltsam ist – also der Moment, den wir heute erreicht haben“.

Die 25 Antworten auf die Grundfrage „Was tun?“ enthalten tatsächlich für jeden der „letzten wahren Abendländer“ interessante Ratschläge und Neubesinnungsoptionen, die samt und sonders plausibel klingen, aber unterschiedlich gelagert sind hinsichtlich Stoßrichtung und Tonalität. Exemplarisch seien die folgenden Kapitel angeführt: „Glauben“ (Engels bezeichnet das Christentum als „eigentlichen Lebensatem des Abendlandes“), „Sich mit Schönheit umgeben“ und „Gleichwertigkeit nicht mit Gleichheit verwechseln“ („Bleiben wir daher vielmehr jenen ritterlichen Idealen treu, welche einst die Größe und den Reichtum unserer Kultur ausgemacht haben, und seien wir stolz auf die grundlegende Bedeutung des Ewig-Weiblichen für die Entwicklung unserer abendländischen Geschichte, wo die Frau seit dem Mittelalter, dem Höfischen Roman und der Verehrung der Jungfrau Maria beständig eine bedeutende und zunehmend emanzipierte Stellung innegehabt hat“).

Der Ernst der Lage lässt alles Versöhnliche verfliegen

Besonders inspirierend etwa auch das Kapitel „Eine neue Zivilgesellschaft aufbauen“, das für „Parallelgesellschaften“, tragfähige Netze von Familie und Freunden plädiert. Bei den Kapiteln „Den Gehorsam aufkündigen“, „Europa zurückerobern“, „Stolz auf seine Geschichte sein“ „Das Schlachtfeld wählen“ und „Sich auf das Schlimmste vorbereiten“ ist dann jede Nostalgie, jeder Anflug von Versöhnlichkeit verflogen. Der Ernst der Lage, die Unausweichlichkeit des kommenden Unheils ist Motivation für drastische Überlegungen und Maßnahmen, die Engels dem Einzelnen, den er ins „Wir“ der Abendländer einschließt, eindringlich ans Herz legt.

Bei aller Begeisterung für das explosive Büchlein „Was tun?“ und trotz viel inhaltlicher Zustimmung, sei doch auch das erwähnt, was zu fehlen scheint. Erstens: Während Engels mehrfach das Phänomen „massenhafter Abtreibung“ geißelt, erstaunt die fehlende Problematisierung und Kritik der bereits weitverbreiteten Praxis der Euthanasie. Zweitens: Trotz wiederholten Beteuerns der Wichtigkeit der christlichen Tradition, eines Houellebecq-Zitats aus „Unterwerfung“ zu Beginn, welches das Christentum als die Kraft Europas bezeichnet, auch trotz des ansprechenden Kapitels „Glauben“ fehlen am Horizont von Engels' Text, das Licht der christlichen Hoffnung ebenso wie die Präsenz und der Name des persönliches Gottes, Jesus Christus. Und doch kann sich nur aus der lebensspendenden Begegnung mit Ihm – und nicht durch ein namenloses „Göttliches“ – eine Erneuerung des christlichen Abendlandes vollziehen.

Engels überzeug auch durch den Freimut, Dinge beim Namen zu nennen

Man schwankt als Leser, widerspricht bisweilen, kämpft gelegentlich mit der Eindringlichkeit und der durchgehend dunklen Tönung des Textes – doch all das ändert nichts daran, dass David Engels' „Was tun?“ ein unverzichtbarer Text ist, einzigartig in der Hellsichtigkeit seiner Zeitanalyse, kreativ und bewundernswert in den vorgeschlagenen Strategien der Orientierung und des Kampfes. Das Beste daran ist, es mit einem Autor zu tun zu haben, der keine Angst hat und in größtem Freimut die Dinge beim Namen nennt.


David Engels: Was tun? Leben mit dem Niedergang Europas. Renovamen-Verlag 2020, 246 Seiten, ISBN 978-3-95621-143-3, EUR 16,–

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