Berlin

Auf der Suche nach Vergebung und Sühne

Eine Biografie Clint Eastwoods zu seinem 90. Geburtstag liefert interessante Ansichten, obwohl sie nicht immer in die Tiefe geht.

Clint Eastwood
Clint Eastwood in einem seiner komplexesten Filme, dem mit vier Oscar ausgezeichneten "Million Dollar Baby" mit Hilary Swank. Foto: STUDIOCANAL

Der letzte Western-(Anti)-Held wird neunzig. Weltberühmt wurde der 1930 geborene Clint Eastwood in der Italo-Western-Trilogie von Sergio Leone „Für eine Handvoll Dollar“ (1964), „Für ein paar Dollar mehr“ (1965) und „Zwei glorreiche Halunken“ (1966). In seiner Eastwood-Biografie fragt in diesem Zusammenhang Alexander Kluy: „Sind die Figuren, die Helden, die Eastwood spielt, nicht ambivalent, oft angeknackst oder gebrochen? Ja, sind es überhaupt noch Helden?“

Der Western-Held, der sich im klassischen Westernfilm durch Gerechtigkeitssinn und selbstloses Handeln auszeichnete, hatte zwar bereits Mitte der 1950er Jahre Risse bekommen: Nach „klassischen Western“ entmythologisiert John Ford mit „Der schwarze Falke“ („The Searchers“, 1956) und „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ (The Man Who Shot Liberty Valance“, 1961) das Genre, indem diese Filme den „Held“ als rachsüchtigen, heimatlosen Einzelgänger zeichnen.

Der Italo-Western, der seinen sichtbaren Ausdruck in den von Clint Eastwood verkörperten Antihelden fand, ging jedoch noch weiter. Das Image eines zynischen, illusionslosen Antihelden baute Clint Eastwood Anfang der 1970er Jahre aus, als er den „unkonventionellen“ Polizisten Harry Callagan in der „Dirty Harry“-Reihe verkörperte (fünf Filme von 1971–1988); für Kluy, „eine Rolle, die anlag wie ein Hemd. Eine Lebens-Rolle.“

 „Mit beiden Händen packt Eastwood den Mythos ,Western‘
und schlägt ihn wie ein nasses Handtuch gegen einen toten Baumstumpf.
Immer wieder. Bis nichts mehr vom Mythos da ist,
nichts von Glorie oder Größe“

Clint Eastwood gründete bereits im Jahre 1967 seine eigene Filmproduktionsfirma „Malpaso“. Darüber hinaus arbeitet er seit 1971 als Regisseur und seit 1982 auch als Produzent. Die ganz großen Erfolge in der dreifachen Position Hauptdarsteller–Regisseur–Produzent beginnen freilich erst 1992 mit „Erbarmungslos“ („Unforgiven“), der laut Kluy „eine Zäsur in seinem Schaffen“ ist. Gefeiert von der Kritik, mit vier Oscars ausgezeichnet, brachte „Erbarmungslos“ dem 63-Jährigen den ersten Höhepunkt seiner Karriere ein. Rache und Gewalt sind die Beweggründe des Films, aber „Erbarmungslos“ zeigt, „wie Gewalt alles überwuchert und erstickt. Wie sie einsam macht und isoliert“, so Kluy. Und der Autor fügt hinzu: „Alles ist dunkel, dreckig, schmutzig. Der Rest ist Illusion. Und ausgeträumt. Mit beiden Händen packt Eastwood den Mythos ,Western‘ und schlägt ihn wie ein nasses Handtuch gegen einen toten Baumstumpf. Immer wieder. Bis nichts mehr vom Mythos da ist, nichts von Glorie oder Größe.“ Vom langen Schatten der Gewalt erzählt einer seiner tiefgründigsten Filme: Für seine vierundzwanzigste Regiearbeit „Mystic River“ (2003) adaptiert Eastwood den auf deutsch unter dem Titel „Die Spur der Wölfe“ erschienenen Roman von Dennis Lehane. Die von Tim Robbins und Sean Penn exzellent verkörperten, mit je einem Oscar ausgezeichneten Rollen sind psychologisch komplexe Menschen. Über den Film schreibt Alexander Kluy: „Am Ende gibt es Zorn, Destruktion und Schuld, die nicht vergeben wird.“

Erfolgreichster Schauspieler-Regisseur-Produzent der Filmgeschichte

Keine Vergebung findet in „Million Dollar Baby“ (2004) der von Clint Eastwood selbst dargestellte Boxtrainer, ein von seiner Schuld niedergedrückter Mann, der sich nach Sühne sehnt, und die er in der Vater-Tochter-Beziehung zur Boxerin Maggie (Hillary Swank) gefunden zu haben glaubt. Kluy nennt „Million Dollar Baby“ eine „Tragödie voller Humanität, ein Martyrium, ein Drama der letzten Dinge“. Aber der Film geht insofern tiefer, als er die moralischen Implikationen einer „Tötung auf Verlagen“ offen anspricht: „Ich weiß, dass dies eine Sünde ist“, sagt denn auch der praktizierende Katholik zu dem Pfarrer, der ihm antwortet: „Wenn Sie es tun, sind Sie verloren, Sie werden nie wieder zu sich finden“. Es waren Jahre voller Intensität für den Hauptdarsteller–Regisseur–Produzenten: Nach dem Weltkriegs-Doppeldrama „Flags of Our Fathers“ und „Letters from Iwo Jima“ (2006) liefert der inzwischen 78-Jährige erneut zwei Spielfilme hintereinander: „Der fremde Sohn“ und „Gran Torino“ (beide 2008). Allzu oberflächlich nehmen sich die Kommentare der US-amerikanischen Presse über Letzteren aus, die Kluy zitiert: „Der erste ,Obama-Film‘ sei es, der das Überwinden gesellschaftlicher Verwerfungen über Hautfarbe, Abstammung oder ethnischen Hintergrund hinweg zeige.“ Denn in „Grand Torino“ steht insbesondere die Metanoia, die Läuterung eines Rassisten an seinem Lebensende im Mittelpunkt. 2010 dreht Eastwood „Hereafter – Das Leben danach“, in dem erstmals in einem seiner Filme eine leise Öffnung zur Transzendenz festzustellen ist. Allerdings geschieht die „Trauerverarbeitung und Versöhnung mit sich selbst, den Mitmenschen und der Welt“ – so Kluy – „frei von Sentimentalität und konfessioneller Grundierung“. Damit enden Eastwoods Arbeiten aber nicht. Vor Vollendung seines neunten Lebensjahrzehnts legte er 2018 („The Mule“) und 2019 („Der Fall Richard Jewell“) weitere Filme als Regisseur und Produzent, in Ersterem auch als Darsteller vor.

Die Biografie, die Alexander Kluy zu Eastwoods 90. Geburtstag am 31. Mai veröffentlicht, liefert einige weniger bekannte Details etwa über Eastwoods Anfänge, auch wenn sie wegen der Seitenzahl nicht immer in die Tiefe gehen kann. Dennoch: Kluys Buch bietet einen guten Überblick über den „erfolgreichste(n) Schauspieler-Regisseur-Produzent der Filmgeschichte“.

Alexander Kluy. „Clint Eastwood. 100 Seiten“. Stuttgart, Reclam 2020, 100 Seiten. ISBN: 978-3-15-020531-0, EUR 10,–

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