Würzburg

„Alles Seiende ist gut“

Der Einspruch Josef Piepers gegen eine Ethik ohne Seinsbezug: Die Schöpfung selbst legt Normen frei.

Josef Pieper hat die Ethik auf klare Grundsätze gestellt.
Josef Pieper hat die Ethik auf klare Grundsätze gestellt. Foto: Archiv

Das Gute ist das Wirklichkeitsgemäße“, lautete die den jungen Josef Pieper (1904–1997) bis ins Tiefste treffende Formulierung Romano Guardinis Anfang der 1920er Jahre auf Burg Rothenfels. Die Dissertation des Philosophiestudenten Pieper von 1929 wird diese These gründlich durchbuchstabieren (Die Wirklichkeit und das Gute, so der Titel 1935). Der Grundsatz lautet: „Alles Sollen gründet im Sein (...) Wer das Gute wissen und tun will, der muss seinen Blick richten auf die gegenständliche Seinswelt. Nicht auf die eigene ,Gesinnung‘, nicht auf das ,Gewissen‘, nicht auf die ,Werte‘, nicht auf eigenmächtig gesetzte ,Ideale‘ und ,Vorbilder‘. Er muss absehen von seinem eigenen Akt und hinblicken auf die Wirklichkeit.“

Ein angezweifeltes Verhältnis von Sein und Sollen

Stephan Herzberg, seit 2017 auf dem Lehrstuhl für Geschichte der Philosophie und Praktische Philosophie an der Hochschule Sankt Georgen/Frankfurt, hat vor kurzem eine kleine Schrift zum Ethik-Verständnis Piepers vorgelegt. Sie unterrichtet über zwei Dinge: über neuere Entwicklungen in der Ethik und über Piepers grundlegende Aussagen zum angezweifelten Verhältnis von Sein und Sollen. Auch dem philosophisch Ungeübten sei die Lektüre empfohlen, gerade weil im heutigen Dickicht der „Konstruktionen“ und der Virtualisierung des Daseins auch die Bodenhaftung der Ethik verlorengeht. Ist bereits gut, was mein subjektives Gewissen als gut erklärt? Ist das Gute kulturabhängig? Ist das letzte allgemein verbliebene Ethos nur „niemandem schaden“? Sind gut und böse nur eine Standpunktfrage?

Wie folgerichtig Pieper seine Erkundungen des „Guten“ anlegt, zeigt sich in seinem Durchgang durch die gesamte klassische Tugendlehre. Nach dem Viergespann der Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß unternahm Pieper die Deutung der Dreiheit von Glaube, Hoffnung und Liebe. In der Überlieferung heißen sie die göttlichen Tugenden: Sie lehren den Menschen, „göttlich“ zu leben. All diese Freilegungen entbehren jedes frömmelnden Untertons, wie überhaupt Piepers Sprache sowohl nüchtern wie zugleich immer wieder überraschend vom „Flügelschlag des Geistes“ bewegt ist.

Die menschliche Natur versteht sich als „vernünftig“

Tugend, arete, bezeichnet ihm menschliche Haltungen, ja Kräfte, die auf die Wirklichkeit antworten. Dennoch entwickelt Pieper nicht eine „Tugendethik“, wie sie heute wieder teilweise revitalisiert wird. Denn Tugend ist kein letzter Anker eines Tuns, sondern muss selbst in einem Prinzip verankert sein. Tapferkeit zum Beispiel ist nicht von sich aus schon „gut“, solange nicht bestimmt ist, wofür sie kämpft. So ist Tugend zwar das „Äußerste“ in der Natur des Menschen, aber gerichtet auf deren Vollendung: teleologisch. In diesem Sinn ist die menschliche Natur normativ und versteht sich selbst als „vernünftig“, sofern sie aus ihrem eigenen Sein und anderem Sein das Wahre (= das dem Sein Entsprechende) zu erkennen und von da aus das Gute (= das Wahre Realisierende) umzusetzen strebt. Theoretische Vernunft führt zur praktischen Vernunft – ohne die skeptische Spaltung zwischen Theorie und Praxis, die seit dem 18. Jahrhundert um sich greift. Pieper kennt kein Schisma von Sein und Sollen; Sollen wird vielmehr gerade aus dem Sein begründet. Ebenso wenig kennt er ein Schisma von Erkennen und Tun: Tun wird vom Objekt her bestimmt. Der Handelnde setzt die dem Objekt eigenen Normen um, er setzt sie durchaus nicht willkürlich von sich aus (was eine „Misshandlung“ wäre). Sachlichkeit ist Ausgang der Ethik.

Die Tragfähigkeit des Gedankens entscheidet sich an der Bestimmung von Wirklichkeit. Pieper kennt sie als dynamisch, er nennt sie auch „geschehendes Sein“. Woher stammt aber das Geschehen? Worauf führt es zu? Die sinnvolle Antwort lautet: Alles Geschehen entspringt einem Willen; Wirklichkeit ist in einem vorgeordneten und ordnenden Wollen begründet. Ebenso ist sinnvoll zu denken, dass das Geschehen auf ein Sinnziel zuführt, das sich im Prozess des Geschehens zeigt. Diese Voraussetzungen drängen sich auch empirisch auf, denn Wirklichkeit zeigt sich als geordnet, als schon sinnhaltig, wenn man unvoreingenommen mit ihr „zu tun hat“.

Das natürliche Wollen eigener Erfüllung

Genauer: Der Ur-Akt des Wollens entspringt einem göttlichen Willen, und zwar in der Gestalt der Liebe, nicht der Zerstörung oder Sinnlosigkeit. Diese göttliche „Grundierung“ der Wirklichkeit verbürgt auch, dass das Geschehen grundsätzlich auf das Gute hin geschieht. So lautet das Sinnziel des Geschehens, dem der Mensch sich im Tun einordnet, aufs einfachste (und schon aristotelisch ausgedrückt): Glück, mit dem älteren Wort: Glückseligkeit/eudaimonia. Pieper spricht vom natürlichen Wollen der eigenen Erfüllung. Sie ist zwingend mit der Erfüllung anderer Individuen gekoppelt, und führt von daher zur Ethik. Im Wollen und folgenden Tun vollzieht der Mensch die Ur-Bejahung der Wirklichkeit durch den Schöpfer nach. Es sei denn, dass er die Selbstzerstörung wünscht – was absurd ist, und wenn es geschieht, dann contra naturam. So entfaltet Pieper einen „ethischen Realismus“, dessen Stärke in der Empirie, der vernünftigen Wahrnehmung der Forderungen der Wirklichkeit liegt.

Entscheidend ist diese These deshalb, weil damit der neuzeitliche Subjektivismus, der vom Willensakt des Ego ausgeht, nachrangig wird. Im antiken philosophischen Verständnis ebenso wie im christlichen Denken bis zur Schwelle der Neuzeit wird Wirklichkeit vom Wahren her erfasst und gestaltet, noch vor dem Guten, vor aller Sittlichkeit, vor allem Handeln, sogar vor der Liebe und wesentlich vor dem Mitleid (das seit Schopenhauer als Begründung von Ethik dient). Anders formuliert: Pieper spricht von dem Schöpfungs-Logos als dem letzten Grund, der weder einer menschlichen Entscheidung noch einer weiteren Begründung noch einer Anerkennung bedarf, um wahr zu sein; der weder aus dem Willen des Subjektes noch aus der Tathandlung des Menschen noch aus dem Streben des Lebens abgeleitet werden kann, vielmehr unbedingt in sich ruht. Logos steht für die sich selbst ausweisende Wahrheit und die der Schöpfung inhärente Normativität.

Schöpfungstheologie führt zu vernünftigem, ethischem Realismus

Schöpfungstheologie, genauer noch die biblische Anthropologie, führt in dieser Weise zu einem vernünftigen ethischen Realismus. „Vernünftig“ meint dabei keinen bloß formalen Imperativ, vielmehr umschließt Vernunft nicht allein die Einsicht in die Normativität der menschlichen Natur, sondern ebenso die Klugheit, welche die jeweilige individuelle Lage abzuwägen hat.

Pieper selbst fasst in der Schrift „Über die Gerechtigkeit“ zusammen: „Das Gute tun: dies heißt also nicht, dass der Mensch einer abstrakten Norm gehorche, einem Imperativ ohne Imperator.... das Gute oder das Böse wählen heißt immer: einem Jemand, mit dem ich es zu tun habe, geben oder auch vorenthalten, was ,sein‘ ist.“


Stephan Herzberg: Ethischer Realismus. Zum Ethik-Konzept Josef Piepers
(Schriften der Josef Pieper Stiftung),
Aschendorff Verlag, Münster 2020, 53 Seiten, ISBN 978-3-402-24701-3, EUR 7,80

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.