Würzburg

Zwischen den Zeilen

Der Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp versteht Zeitkritik auch als Zeitungskritik.

Der Schriftsteller Uwe Tellkamp
Der Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp versteht Zeitkritik auch als Zeitungskritik. Foto: Sebastian Kahnert (dpa-Zentralbild)

Uwe Tellkmap ist nicht nur Autor, er ist vor allem auch leidenschaftlicher Leser. Und zwar nicht nur schöner Literatur. Vor allem Zeitungen haben für den Dresdner eine große Bedeutung. Warum das so ist, hat der 51-Jährige in der vergangenen Woche bei einem Vortrag an der Universität Würzburg deutlich gemacht. Hier sollte er über 30 Jahre Friedliche Revolution reden. Ein Herzensthema für Tellkamp, der mit seinem Bestseller „Der Turm“ das Leben einer bildungsbürgerlichen Familie in seiner Heimatstadt in den letzten Jahren der DDR erzählt und darin auch viele eigene biographische Erfahrungen verarbeitet hat.

Just die Fortsetzung dieses Buch-Erfolges war aber seit einiger Zeit Bestandteil öffentlicher Diskussion. Erst sollte sie im Frühjahr bei Suhrkamp erscheinen, nun erst im Herbst 2021. Verbunden war die Debatte mit der Spekulation, Tellkamp solle für seine zeitkritischen Äußerungen zur Flüchtlingspolitik und zur Qualität der politischen Debattenkultur, dies immer vorgetragen aus pointierter ostdeutscher Perspektive, durch seinen Hausverlag gemaßregelt werden. Erst kürzlich war Tellkamp zudem in Dresden der Raum für einen Vortrag versagt worden.

Ausgewiesener Zeitgeistkritiker

Diese Punkte spielten natürlich, auch wenn Tellkamp sie nicht in den Mittelpunkt gestellt hat, alle eine Rolle bei seinem Auftritt an der Universität in Würzburg. Seine Zeitkritik setzte der Schriftsteller freilich schon fort, aber eben als Zeitungskritik. Und die verknüpfte er mit seinen Erfahrungen in der DDR. Damals, so sei jedem klar gewesen, konnte man in den offiziösen Blättern der DDR nur das lesen, was Partei- und Staatsführung erlaubte. Allerdings konnte man mit einem gewissen Training auch aus diesen Mitteilungen Informationen ziehen. Man habe lernen müssen, zwischen den Zeilen zu lesen. Er und seine Familienmitglieder, ja überhaupt sein gesamtes soziales Umfeld hätten es in dieser Kunst über die Jahre zu einer gewissen Virtuosität gebracht. Gleichzeitig habe man aber auch immer voller Sehnsucht auf die freie Presse im Westen geschaut. Wenn es denn mal gelungen sei, irgendwie etwa an einen Artikel aus der FAZ zu gelangen, sei dieser ehrfurchtsvoll herumgereicht worden. Ja, man habe sogar solche Texte abgeschrieben, per Hand, denn Kopierer gab es nicht. Er könne sich noch heute daran erinnern, mit welche Freude er nach dem Zusammenbruch des DDR-Regimes nun endlich ein FAZ-Abonnement hätte abschließen können. Beeindruckt habe ihn vor allem, welche inhaltliche Bandbreite alleine in einem Blatt geboten worden sei.

Spezifisch ostdeutscher Erfahungshintergrund

Doch nach dieser Lobeshymne folgte in Tellkamps Vortrag die Ernüchterung: Wenn er aber die Medienlandschaft der Gegenwart in Deutschland betrachte, habe er wiederum den Eindruck, zwischen den Zeilen lesen zu müssen, um tatsächlich informiert zu sein. Zu sehr folgten die Hauptblätter in ihrer Berichterstattung einem Mainstream – etwa in Fragen der Flüchtlingspolitik oder mit Blick auf den Klimawandel. Diese Erfahrung, so sei er sich sicher, teile er mit vielen Ostdeutschen, die ähnlich wie er von dieser Entwicklung enttäuscht seien. Wenn also gerade von Ostdeutschland aus heute viel Kritik an der politischen Kultur laut werde, dann sei dies eben nicht die Folge einer „Verdumpfung“, sondern dies entspringe der Sorge, die Meinungsfreiheit könne ähnlich wie in der DDR unterdrückt werden.

Gleichzeitig machte Tellkamp aber auch klar, dass es bei aller Kritik nicht statthaft wäre, von einer „DDR 2.0“ reden oder von totalitären Tendenzen zu sprechen. Sicherlich geben es auch nicht „die Medien“, aber es seien eben bestimmte Tendenzen erkennbar.

Zum Schluss wurde es dann sogar versöhnlich: Letztlich habe Tellkamp hier doch, so der Würzburger Geschichtsprofessor Peter Hoeres, der den Schriftsteller eingeladen hatte, eine große Liebeserklärung an die Zeitung abgelegt.