Würzburg

Zeitübergreifendes Gespräch über das Gute

Von Aristoteles bis Habermas: Philosophen reflektieren über Grundlagen der Ethik.

Aristoteles
Für Aristoteles war die Eudaimonia (Glück, Glückseligkeit) oberstes Prinzip für ethisches Handeln. Foto: Lefteris Damianidis

Bekannte deutschsprachige Akademiker haben die Herausgeber Hanns-Gregor Nissing und Jörn Müller um sich versammelt, um in „Grundpositionen philosophischer Ethik“ selbige zu diskutieren. Anhand ausgewählter Philosophen werden Standpunkte der Ethik erläutert. Vom antiken Aristoteles („Ziel … der Ethik ist nicht Wissen, sondern Handeln“) bis zum postmodernen Habermas („Aus wissenschaftlichen Theorien folgt ... kein normatives, kein handlungsorientierendes Wissen.“) lassen die Autoren Denker verschiedener Epochen zu Wort kommen. In erfrischender Weise wird dabei auf eine vorschnelle Typisierung verzichtet, vielmehr nähert man sich der Position vom konkreten Philosophen her, eingebettet in seine Biographie und seinen zeitgeschichtlichen Kontext, sowie seine Bedeutung und Rezeption. Eine übergreifende Bewertung oder Synthese der zum Teil diametral zueinander stehenden Haltungen wird dem Leser nicht vorgelegt, er wird vielmehr eingeladen, „in das zeitübergreifende Gespräch um das Gute einzutreten“.

Wege zu einem gelingenden und glücklichen Leben

In seiner Abhandlung zu Aristoteles stellt Müller klassischerweise die Eudaimonia (Glück, Glückseligkeit) als oberstes Prinzip für ethisches Handeln in den Mittelpunkt. Diese strebe man um ihrer selbst willen an und nicht als ein Mittel zum Zweck. Mit „Glück“ meine man dabei weniger „episodische Glücksgefühle“, als vielmehr ein „gelingendes Leben“ und zwar unter objektiven Kriterien. Dem nachgeordnet stehe als zweites Prinzip die Tugend, wonach das rechte Handeln durch Klugheit und Vernunft bestimmt, situativ die rechte Mitte zwischen zwei Extremen findet. Mit dem dritten Prinzip der menschlichen Natur beziehungsweise Essenz verfolge Aristoteles einen allgemeingültigen und anti-relativistischen Ansatz, wobei Natur nicht nur reine Vorgabe, sondern vielmehr auch Aufgabe bedeute.

Rezipiert wird Aristoteles bei Thomas von Aquin, der von Nissing als Vertreter für den christlichen Eudaimonismus vorgestellt wird. Im Gegensatz zu Aristoteles sei die vollkommene Glückseligkeit – gleichbedeutend mit der Schau Gottes – im Jenseits anzusiedeln, die aber keine Abwertung der diesseitigen unvollkommenen Glückseligkeit darstelle. Für erstere würden die natürlichen Kräfte des Menschen nicht ausreichen, vielmehr bräuchte er dazu auch die Hilfe Gottes durch Gnade und Gesetz. Für das Handeln – orientiert an den göttlichen und den Kardinaltugenden – fließen neben dem von der Vernunft informierten freien Willen auch die Leidenschaften mit ein.

„Handle nach einer Maxime der Zwecke, die zu
haben für jedermann allgemeines Gesetz sein kann“
Immanuel Kant

In der Neuzeit rücke das Prinzip des Eudaimonismus in den Hintergrund und die Frage der Moralität gewinne stattdessen an Bedeutung. Gleichzeitig liege nun auch der Fokus mehr auf dem Akt selbst als auf dem Akteur. So führe die Pflichtethik Immanuel Kants (vorgestellt durch Jörg Splett) einen kategorischen Imperativ an, der „ohne Wenn und Aber“ auszuführen sei, ganz unabhängig von den Zielen des handelnden Subjekts. Der rein formale Wortlaut „Handle nach einer Maxime der Zwecke, die zu haben für jedermann allgemeines Gesetz sein kann“, finde ihren Halt in dem absoluten Wert der vernünftigen Person und werde so vor Beliebigkeit bewahrt. Gegeben, aber nicht beweisbar, sei für Kant die Freiheit, im Sinne einer Wahl- und auch Freiheit des reinen Willens, die aber keineswegs meine, der Mensch stehe über Gut und Böse.

Beim noblen Utilitarismus des John Stuart Mill sieht Maximilian Forschner die Moralität nicht in der Handlung selbst begründet, sondern an ihrem Beitrag, menschliches Glück – zumindest tendenziell – zu fördern. Weil Glück dabei „Vergnügen“ und die „Abwesenheit von Schmerz“ meine, sei er dem Vorwurf des Hedonismus ausgesetzt, obwohl er in seiner Argumentation teilweise der Stoa wider den Epikureismus folge. Als Empirist sehe sich Mill der aristotelischen Tradition verpflichtet, wenn er bei der Wahl zweier Vergnügen dasjenige als „wünschenswerter“ bezeichne, das von „nahezu allen, die in beiden Erfahrung haben … entschieden bevorzugt wird“. Im Zentrum seiner Ethik stehe aber keine individualistische Egozentrik, sondern vielmehr eine Überwindung dieser durch einen Altruismus, der der menschlichen Gemeinschaft als Ganzes zum Glück verhelfe. Für den so Handelnden beinhalte dies „unmittelbar einen beglückenden Aspekt“.

Der Wertbegriff tritt an die Stelle des Naturrechts

Durch den rein vergegenständlichten Naturbegriff im Kontext moderner Wissenschaft habe die naturrechtliche Begründung für die Ethik ihre Plausibilität verloren, so Berthold Wald. An die Stelle trete Ende des 19. Jahrhunderts der Wertbegriff. Dieser lasse sich in eine subjektive Wertethik, die durch Setzung und Konsens entstehe und so nur zeitliche Gültigkeit habe, und ein objektives Wertedenken, bei denen die Werte unabhängig vom Menschen Geltung haben, aber subjektiv erfühlt werden müssen, unterteilen. Letzteres sei in der „materialen Wertethik“ Max Schelers begründet. Gut sein könne man an der konkreten Realisierung von Werten festmachen. Als Rangordnung der Werte fordere er unter Einfluss Augustinus eine „Ordo amoris“.

Wider den Utilitarismus habe nach Markus Stepanians John Rawls seine Gerechtigkeitstheorie aufgestellt. Für seine Ethik entwerfe Rawls ein fiktives Szenario, bei dem Personen in einem „Urzustand“ Prinzipien für das Zusammenleben verhandeln. Über sie werde der „Schleier der Unwissenheit“ ausgebreitet, so dass sie keine Kenntnis darüber haben, welcher Personengruppe sie später zugeordnet werden. Rational angeleitet würden sie sich unter anderem für das Freiheitsprinzip und das Prinzip der Chancengleichheit entscheiden.

Den Abschluss bildet Petra Kolmer mit der Analyse der Diskursethik von Jürgen Habermas. Demnach besitzen moralische Gebote, in Anlehnung an Kant, einen unpersönlichen und allgemeinen Charakter, seien aber das Extrakt eines prozeduralen Diskurses rationaler Willensbildung. Der Diskurs setze in Alltagssituationen an, in denen die Überprüfung der Richtigkeit einer Handlung hinterfragt werde. Neben der Unparteilichkeit für alle Beteiligten gelte es auch, die Inklusion aller Betroffenen unter gleichberechtigter und zwangloser Teilnahme zu gewährleisten, mit dem Ziel, dass die besten Argumente sich durchsetzen.

Hanns-Gregor Nissing/Jörn Müller (Hrsg.):
Grundpositionen philosophischer Ethik. Von Aristoteles bis Jürgen Habermas.
wbg, Darmstadt 2019, 190 Seiten, ISBN 978-353420-818-0, EUR 24,95

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