Würzburg

Wort und Wahrheit

Über den Zusammenhang zwischen Erkenntnis- und Sittenlehre: eine Hommage an Harald Schöndorf.

Zusammenhang zwischen Erkenntnis- und Sittenlehre
Vom einstigen Geist sind in der heutigen Philosophie nur noch mentale Prozesse in Wechselwirkung mit der Natur übrig geblieben. Foto: IN

Dem Philosophen Harald Schöndorf, Jesuit, Professor und langjährigem Vizepräsidenten der Hochschule für Philosophie München, ist dieses von Ulrich L. Lehner und Ronald K. Tacelli herausgegebene Buch zu seinem in diesem Jahr begangenen 75. Geburtstag gewidmet: ein verdienstvolles Unterfangen, da Schöndorf, promoviert bei Robert Spaemann mit einer Arbeit über Schopenhauer, als eigenständiger Denker – nicht zuletzt aber auch als Vermittler Béla Weissmahrs und als Herausgeber der Neubearbeitung des „Philosophischen Wörterbuches“ von Walter Brugger – in der deutschen Philosophie eine herausragende Rolle spielt.

In drei Themenbereiche gliedert sich dieses Buch: Zunächst werden Grundfragen der Erkenntnistheorie behandelt, sodann geht es um Einzelfragen der Erkenntnislehre und schließlich in einem dritten Teil folgen Beiträge, die dem Zusammenhang von Erkenntnislehre und Gottesfrage nachgehen. Dass die Erkenntnislehre auf den ersten Blick den Schwerpunkt der Auseinandersetzung in diesem Buch bildet, mag der Tatsache geschuldet sein, dass Schöndorf selbst sich diesen Fragen zeitlebens immer wieder zuwandte und 2014 bei Kohlhammer eine maßgebliche Erkenntnislehre aus eigener Feder vorgelegt hat; schwerer aber wiegt vielleicht noch die Tatsache, dass der Streit der Philosophen über Sein, Wahrheit und Gewissheit am Ende immer in Auseinandersetzungen über die Erkenntnislehre mündet, die nun einmal das Herzstück der Philosophie überhaupt darstellt, weil von ihr alle anderen Antworten – im Theoretischen wie im Praktischen – abhängen.

"Der Streit der Philosophen über Sein,

Wahrheit und Gewissheit mündet am Ende

immer in Auseinandersetzungen über die Erkenntnislehre,

die nun einmal das Herzstück der Philosophie überhaupt darstellt"

Dem hohen Anspruch ihres Gegenstandes wird das Buch mit den allermeisten seiner Beiträge gerecht – beginnend mit Harald Seuberts Einleitungsaufsatz über „Wahrheit und Methode“ im Anschluss an Martin Heidegger und Hans-Georg Gadamer, dessen Diktum „Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache“ von Seubert nachvollziehbar korrigiert und modifiziert wird, wenn er darauf hinweist, dass Erkenntnis „nicht in sprachlichen Verhältnissen aufgeht“. Markus Enders diskutiert zeitgenössische Wahrheitstheorien unter dem entscheidenden Gesichtspunkt, inwieweit Wahrheit einer Übereinstimmung des immer subjektiven Denkens mit der objektiven Wirklichkeit entspricht, während der Herausgeber Ulrich L. Lehner im Blick auf die Erkenntnislehre des heute ganz zu Unrecht fast vergessenen Philosophen Joseph Geyser – Neuscholastiker, Ordinarius in Münster, Freiburg und München, der von 1869 bis 1948 lebte und sich zu seiner Zeit einen Namen als herausragender Vertreter der „philosophia perennis“ machte – fragt, was man unter „Evidenz“ verstehen könne. Rolf Schönberger und Norbert Fischer bestechen mit ihren Beiträgen über die Lehre von der Anamnesis – im Erkennen erinnern wir uns an vormals schon Geschautes – sowie der Erläuterung des Zusammenhangs von Erkenntniskritik, Sittengesetz und Gottesfrage bei Immanuel Kant. Schönberger deutet nicht nur die platonische Lehre von der Wiederkennung im Erkennen – „der Akt der Identifikation beruht auf einer Komparationsleistung“ –, sondern verallgemeinert die platonische These, wenn er schreibt: Erinnerung ist „eben kein bloßes Vermögen des Geistes neben anderen Leistungen, sondern gehört selbst schon zu Bedingungen, um überhaupt Geistiges von Materiellem zu unterscheiden“. Fischers kenntnisreiche und quellennahe Deutung der kritischen Philosophie Kants gipfelt in der Feststellung: „,Erkenntniskritik‘ ist der Anfang von Kants Philosophie; ihr Ziel aber ist der vernünftige Glaube an ,Gott, Freiheit und Unsterblichkeit‘ ... Die Vernachlässigung der metaphysischen und religiösen Fragen in der neueren Kantforschung ... könnte als nachträgliche Rechtfertigung des verfehlten katholischen Widerstands gegen die Kantische Philosophie gelten ... Heute droht erneut die Gefahr, dass die Auslegung von Kants Philosophie hinter die sachgemäße, mühsam errungene ... ,metaphysische Kantauslegung‘ zurückfällt, weil offenbar der Sinn für die zentralen Fragen der Protagonisten der abendländischen Philosophie schwindet.“ Dieser Feststellung, die den Nagel auf den Kopf trifft, ist nichts hinzuzufügen. Wer die Kantische Philosophie kennenlernen möchte, sollte diese Ausführungen Fischers lesen!

Erkenntnislehre im Spannungsfeld von Metaphysik und Ethik

Der zweite Teil, der sich Fragen der Erkenntnislehre im Spannungsfeld von Metaphysik und Ethik zuwendet, wird eröffnet mit einem bemerkenswerten Aufsatz von Josef Schmidt über die „Erkenntnis von Intersubjektivität und ihre transzendental-metaphysische Begründung“ – mit einer eindrucksvollen Interpretation des cartesischen „Cogito sum“ und einer schönen Würdigung der Beiträge des Jubilars, der in seiner Erkenntnislehre zu diesem Thema festhält: „Nur in der Gegenseitigkeit kann ich den anderen Menschen als meinesgleichen und mich als seinesgleichen erkennen. Beides ist nur gemeinsam möglich.“

Einem nur scheinbar randständigen, tatsächlich aber zentralen Thema der Philosophie wendet sich Dennis Stammer zu, wenn er über das „Problem der Analogie im Kontext philosophischer Theologie der Gegenwart“ nachdenkt und dabei – besonders erfreulich – auch die Schriften Béla Weissmahrs würdigt; analoges Denken – man muss es heute neu in Erinnerung rufen – denkt „das Gemeinsame in den unterschiedlichen Weisen des Seienden als Ausdruck der transzendentalen Vollkommenheit“. Johannes Herzgsell zielt auf Edith Steins Wesenserkenntnis und Wesensentfaltung in deren Buch „Endliches und Ewiges Sein“, Ruben Schneider erläutert, was unter semantischem Realismus, Janez Percic was unter epistemologischem Realismus zu verstehen ist, Oliver Sensen verteidigt Kants Universalismus in der Moralphilosophie gegen den Erklärungsanspruch einer historisierenden Theorie der evolutionären Ethik und Bernd Goebel führt den Leser zu einer Neuentdeckung der Ethik des allermeist nur als Aristoteles-Experte bekannten schottischen Philosophen William David Ross, der von 1877 bis 1971 lebte, in Oxford lehrte und die These vertrat, dass moralische Intuitionen eine Quelle selbstevidenten Wissens sein können.

Zusammenhang von Erkenntnislehre und Gottesfrage

Der dritte Teil nun zielt auf den Zusammenhang von Erkenntnislehre und Gottesfrage – mit einem sehr klugen Aufsatz von Jörg Disse zur Epistemologie des Wunders bei Richard Swinburne und David Hume, einem nicht minder gewichtigen Beitrag von Felix Resch über die natürliche Gotteserkenntnis bei Jacques Maritain, der von 1882 bis 1973 lebte; Ronald K. Tacelli geht im Anschluss an Blaise Pascal der Frage nach, warum sich Gott verbirgt, obwohl er doch will, dass der Mensch an ihn glaubt; den Abschluss machen Bernhard Knorn mit einem Blick auf die theologische Erkenntnis bei Francisco Suárez, Anselm Ramelow über die „Scientia Media“ Gottes – des göttliches Vorauswissens, das die menschliche Freiheit nicht zerstört –, Christina Schneider zu Anselms Beweisauffassung unter heutigen, der Formalen Logik verpflichteten Denkweisen und schließlich Jörg Splett über Gott als Geheimnis jenseits aller Theorien, die wir uns über ihn zurechtlegen.

Diese Festschrift ist gelungen und der Bedeutung des Jubilars angemessen, wird man abschließend sagen müssen. Sie verbinden die Erörterungen allgemeiner, grundsätzlicher Fragestellungen mit Fallstudien zu einzelnen Autoren und Problemen – ausnahmslos auf einem hohen wissenschaftlichen Niveau. Und der Leser muss nicht das ganze Buch von der ersten bis zur letzten Seite durcharbeiten, sondern kann sich jene Aufsätze vornehmen, die am ehesten Antwort auf seine eigenen Fragen versprechen. Denn das gehört zu den großen Verdiensten dieses Buches: Seine Verfasser verlieren sich nicht im Unverbindlichen, sondern lassen – soweit das in der Wissenschaft möglich, ja vielleicht sogar geboten ist – Überzeugungen erkennen. Dieser Mut ist immer und grundsätzlich zu begrüßen – besonders aber im vorliegenden Fall; denn der Gegenstand des Buches – die Möglichkeit einer Erkenntnis von Wahrheit durch das Wort – gehört zu den strittigsten Fragen der Philosophie nicht nur der Gegenwart.

Ulrich L. Lehner/Ronald K. Tacelli (Hrsg.): Wort und Wahrheit. Fragen der Erkenntnistheorie. Harald Schöndorf zum 75. Geburtstag. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2019, ISBN 978-3-

17-034987-2, 255 Seiten, EUR 29,–

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