Würzburg

Wie ein katholischer Donner

Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg veröffentlichte Hilaire Belloc sein Buch über die "großen Häresien". Noch heute erscheinen seine prophetischen Thesen wie ein reinigendes Gewitter.

Hilaire Belloc im Gespräch mit G.K Chesterton.
Es hängt von der Kirche ab, ob sie die "Welt erneuern" wird: Hilaire Belloc (links) im Gespräch mit G.K Chesterton. Foto: IN

Er steht etwas im Schatten seines Freundes G.K. Chesterton, mit dem zusammen er die Wirtschaftsphilosophie des Distributismus entwickelte: der französisch-britische Universalgelehrte Hilaire Belloc (1870–1953). Schon zu Lebzeiten trug der Sohn einer Frauenrechtlerin den Spitznamen „old thunder“ (alter Donner), und tatsächlich muten die Reflexionen seines Werkes „Die großen Häresien“, das in diesen Wochen im Renovamen-Verlag endlich auf Deutsch erschienen ist, an wie ein reinigendes Gewitter. Ein reinigendes katholisches Gewitter.

Geht es dem umtriebigen Autor, Journalisten, Historiker, Redner und Politiker in diesem Buch, das im Original kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs in England erschien, doch darum, die Spreu vom Weizen zu trennen, die Kraft, Wahrheit und Schönheit des Katholizismus deutlich zu machen in Abgrenzung von den wesentlichen Verfälschungen und Verwässerungen, die im Laufe der Jahrhunderte in und um Europa auftraten und sowohl das kulturelle wie auch das religiöse Leben prägten.

„Alle Häresien“, so lautet Bellocs These, „scheinen durch die gleichen Phasen zu gehen. Zunächst steigen sie mit großer Gewalt auf und kommen in Mode. Sie tun das, indem sie auf eine der großen katholischen Lehren in übertriebener Form bestehen, und weil die großen katholischen Lehren zusammen die einzige volle und befriedigende Philosophie darstellen, die der Menschheit bekannt ist, muss auch jede einzelne ihrer Lehren ihren besonderen Reiz haben.“

Der Islam als katholische Häresie

Erstaunlicherweise stuft Belloc unter Häresien aber nicht nur die üblichen Verdächtigen und Schuldigen (Arianismus, Albigenser) ein, er scheut sich auch nicht, die Weltreligion des Islam als externe, aber dennoch katholische Häresie zu bezeichnen. „Der Mohammedanismus war eine Häresie: das ist der entscheidende Punkt, der vor allem anderen verstanden werden muss. Er begann als Häresie, nicht als neue Religion. Er war kein heidnischer Gegensatz zur Kirche, er war kein fremder Feind. Er war eine Perversion der christlichen Lehre. Seine Vitalität und Beständigkeit gaben ihm bald den Anschein einer neuen Religion, die Zeitgenossen seines Aufstiegs aber sahen ihn als das, was er war – keine Verleugnung, sondern eine Adaption und ein Missbrauch der christlichen Sache.“ Aus Sicht Bellocs lehrte Mohammed „in der Hauptsache katholische Lehre in übervereinfachter Form... Er lehrte, dass unser Herr der größte aller Propheten war, aber doch nur ein Prophet: ein Mensch wie andere Menschen auch. Er eliminierte die Dreifaltigkeit vollständig“.

Erstaunlich ist aber nicht nur Bellocs Islam-Kategorisierung, auch seine Islam-Prognose. So schreibt der bullige Autor zu einer Zeit, da der Islam zivilisatorisch brach zu liegen scheint und in Europa so gut wie gar nicht mehr vertreten ist: „... ich für meinen Teil kann nicht anders als zu glauben, dass das wichtigste unerwartete Ereignis der Zukunft die Rückkehr des Islam sein wird. Da Religion an der Wurzel aller politischen Bewegungen und Veränderungen liegt und wir hier eine sehr große Religion vor uns haben, die physisch gelähmt, aber moralisch sehr lebendig ist, befinden wir uns gegenwärtig in einem labilen Gleichgewicht, das nicht permanent labil sein kann.“

Und weiter: „Mir schien es immer möglich und sogar wahrscheinlich, dass es eine Auferstehung des Islam geben könnte und unsere Söhne oder unsere Enkel die Erneuerung dieses gewaltigen Kampfes zwischen der christlichen Kultur und derjenigen sehen könnten, die für mehr als tausend Jahre ihr größter Widersacher gewesen ist.“ Der fünffache Familienvater Belloc, der einen Sohn im Ersten Weltkrieg verlor und einen weiteren im Zweiten Weltkrieg verlieren sollte, schrieb diese Zeilen sicherlich nicht leichtfertig.

Warnung vor der atheistischen Selbstgenügsamkeit

Luzide, wenn auch wohl zu optimistisch sind Hilaire Bellocs Reflexionen zum Protestantismus, insbesondere zum Calvinismus, den er – undenkbar in der gegenwärtigen Kirchen-Epoche – als Häresie einordnet. Und noch dazu als eine im Zustand der „autotoxischen“ Selbstauflösung Befindliche. Warum? Die Antwort ist vielschichtig. „So ging zum Beispiel das geistige Fundament des Protestantismus durch das Wegbrechen der Bibel als höchster Autorität in Stücke. Diese Auflösung war das Ergebnis des Geistes derselben skeptischen Forschung, auf die der Protestantismus immer gegründet war... Die protestantische Kultur begann, zum anderen Extrem zu wechseln. Nach der Anbetung des Textes der Bibel selbst als etwas Unveränderbares und als deutliche Stimme Gottes, ging sie dazu über, fast alles anzuzweifeln, was die Bibel enthielt.“ Und: „Die protestantische Kultur begann durch die Übertreibung der Kraft menschlicher Vernunft und endete darin, die menschliche Vernunft aufzugeben. Sie rühmte sich ihrer Abhängigkeit vom Instinkt und selbst vom Glück.“

Im Schlusskapitel des Buches geht Belloc auf die „moderne Phase“ ein und bringt den Grundkonflikt für sich so auf den Punkt: „Der Kampf findet nun ganz klar zwischen der Beibehaltung katholischer Moral, Tradition und Autorität auf der einen Seite und dem aktiven Versuch, sie zu zerstören, auf der anderen Seite statt.“ Doch wer ist dieser Feind, was für ein Angriff bedroht die Kirche und die katholische Kultur in der Moderne?

Belloc legt sich ideologisch nicht fest, was seine Analyse ausgesprochen aktuell macht. „Er ist im Wesentlichen atheistisch, auch wenn dieser Atheismus nicht übermäßig betont wird. Er sieht den Menschen als sich selbst genügend an, das Gebet als bloße Autosuggestion und – der fundamentale Punkt – Gott als nichts anderes als eine Ausgeburt der Phantasie, ein Selbstbildnis des Menschen, vom Menschen ins Universum geworfen, als ein Hirngespinst und nicht als Wirklichkeit.“ Wie wird der Kampf ausgehen? Belloc hält eine „Vorherrschaft der Grausamkeit“ für denkbar, ebenso das „Wiederaufleben der Sklaverei“. Doch galt für Belloc auch: „Die geistesmächtigeren, subtileren und feinfühligeren Geister unserer Zeit neigen klar zur katholischen Seite.“ Viel, wenn nicht alles hänge von der katholischen Kirche ab und ob sie „von neuem als Führerin der Zivilisation, die sie geschaffen hat, hervorgehen und so die Welt retten und erneuern“ wird.

Nachdem der von Philipp Liehs geführte Renovamen-Verlag bereits im vergangenen Jahr mit der Veröffentlichung von Bellocs „Der Sklavenstaat“ einen beachtlichen Griff in die Schatzkiste der katholischen Klassiker gemacht hat, setzt sich dies mit „Die großen Häresien“ fort. Man kann die Lektüre des Buches sehr empfehlen, weil Hilaire Bellocs Stil und Analysekraft nichts an Aktualität verloren hat. Es ist ein Buch, das geradezu wie für unsere Zeit geschrieben zu sein scheint, da auch in der Kirche keineswegs mehr sicher ist, wer noch katholisch ist und was Katholisch-sein überhaupt bedeutet. Auf die geplante Veröffentlichung von Bellocs „Gegen Mächte und Gewalten“ im September darf man gespannt sein.

Hilaire Belloc: Die großen Häresien. Der Kampf gegen Europa.
Renovamen-Verlag, 2019, 218 Seiten, ISBN 978-3-95621-136-2, EUR 16,–