Würzburg

Wer einen Staat aufbauen will, muss kein Menschenfreund sein

Ein britischer Historiker liefert eine neue Sicht auf Friedrich II. von Preußen.

Friedrich II.
Friedrich hinterließ ein als Großmacht anerkannes Preußen. Ein sympathischer Mensch war der Egozentriker mit düsterer Kindheit jedoch nicht. Foto: Adobe Stock

Sympathischer wird er einem nach der Lektüre dieses Buches nicht: Friedrich II. von Preußen (1712–1786), der Große genannt (wenn auch nicht im Nachbarland Österreich). Der in Cambridge lehrende Historiker Tim Blanning hat ihm eine sehr gründliche Biographie gewidmet, die mit alleine 130 Seiten Literaturverzeichnis und Anmerkungen die Summe aus der bisherigen, bereits umfangreichen Friedrich-Literatur zieht und wohl als neues Standardwerk zu gelten hat. Umfangreicher als bisher berücksichtigt er nicht nur die Vita und den Lauf der politischen Ereignisse, sondern will auch „weiche“ Faktoren wie die Beziehung des Königs zu Literatur und schönen Künsten berücksichtigen, will vor allem ergründen, wie der schroffe, alles andere als leutselige Monarch im Innersten war.

Düstere Kindheit unter einem brutalen Vater

Zwei Erklärungsstränge hat Blanning durch das ganze Werk gespannt, man entkommt ihnen nicht bei der Lektüre: Die Zuneigung des Herrschers zum eigenen Geschlecht, die in einem ausschließlich männlichen Hof Ausdruck fand, dessen Atmosphäre der Autor als „homosozial“, wenn auch nicht notwendig als homosexuell beschreibt, sowie der Hass auf praktizierte Religion, insbesondere die christliche und noch einmal besonders die katholische. Der Katholizismus war für ihn nur mittelalterlicher Mummenschanz und „faux mystique“.

Wer sich mit dem  Alten Fritz  beschäftigt, kommt zunächst nicht umhin, sich ausführlich auch dem Verhältnis zum Vater, Friedrich Wilhelm I. (1688–1740), zu widmen, dessen erdrückender Einfluss wie eine schwarze Wolke über Kinder- und Jugendzeit steht. Jochen Klepper hat in seinem klassischen Roman „Der Vater“ von 1937 Maßgebliches dazu ausgesagt, aber die Wirklichkeit, belehrt uns Blanning, war noch viel schlimmer. Die krankhafte Abneigung des soldatischen Vaters gegenüber jeder höheren Bildung, seine jederzeit gewalttätige Wut bei der geringsten Widersetzlichkeit, der Versuch, Religion gleichsam in den Thronfolger hineinzuprügeln, kann nur schlimmste Folgen gehabt haben. Dass der spätere Atheismus des Sohnes kein achselzuckendes Abschiednehmen von einem abhanden gekommenen Gott war, sondern sich in beißendem Hohn und Verachtung äußerte, ist wohl darauf zurückzuführen. Allerdings sind wir in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auch nicht mehr in der Epoche gottesfürchtiger Monarchen; der Einfluss des aufklärerischen Weltbildes ist bei vielen von ihnen nachzuweisen. Der junge Friedrich tut einem jedenfalls einfach leid, wenn man zu lesen bekommt, dass der Vater den beim heimlichen Flötenspiel Erwischten nicht nur sofort verprügelt – das vermaledeite Instrument ins Feuer werfen lässt – sondern schließlich mit Gegengewalt davon abgehalten werden muss, auf den am Boden Liegenden weiter einzutreten.

Friedrich begründete den Ruf des preußischen Militarismus

Preußen war ein „zu spät gekommener“ Staat, noch nicht ernst genommen von den Konkurrenten; so richtete sich das Wollen zunächst auf den Erwerb militärischer Durchschlagskraft. Der gerade auf den Thron gekommene Friedrich, der wenige Wochen nach der Veröffentlichung seines hehre Ziele beschreibenden „Anti-Machiavell“ 1740 aus heiterem Himmel das österreichische Schlesien angriff und an sich riss, machte sich dabei die ausschließlich auf das Heer gerichtete Aufbauarbeit des Vaters gerne zu Nutze. Er trat als skrupelloser Aggressor auf, wie der Autor festhält: „Dieser Krieg ließ sich weder als Verteidigungs- oder Präventivkrieg noch als Krieg zur Unterstützung von Alliierten bezeichnen.“ Der wieder zum Flötenspiel und französischer Konversation zurückgekehrte junge König fand nichts dabei, einen Angriffskrieg zu beginnen und so den Ruf des preußischen Militarismus zu begründen. Der Eroberer sei ein „erlauchter Räuber“, hatte er geschrieben, der gewöhnliche Straßendieb aber nur ein „Spitzbube“. Mit dieser nonchalanten Haltung konnte man also die Abkehr von zuvor vertretenen philosophischen Idealen rechtfertigen; dass er sich früher einmal ganz anders dazu geäußert hatte, reute Friedrich später allerdings. Blanning findet als Erklärung, nicht als Entschuldigung, das Bild, Preußen habe noch seine „Männlichkeit“ beweisen müssen.

Das Krieg-Führen sollte die preußische Monarchie für eine ganze Reihe von Jahren beschäftigen. Es gelang nicht nur, Schlesien zu halten, sondern das Gesamtterritorium des Staates nach Westen und Osten hin weiter zu arrondieren. Doch rückt Tim Blanning das Image vom großen Heerführer ein wenig zurecht: Von 16 großen Schlachten verlor Friedrich acht. Der Autor analysiert die Gründe genau und kenntnisreich. Er hält allerdings fest, dass in der Schlussbilanz die friderizianische Kriegsführung triumphierte. Die Qualität insbesondere der Infanterie, der das Standhalten mit allen Mitteln eingepaukt worden war, gab den Ausschlag und brachte den Mythos der unaufhaltsam vorrückenden Phalanx in den blauen Uniformröcken hervor. Die einheitliche Kommandoführung und die persönliche Anwesenheit des Königs bei jedem Feldzug – durchaus keine Selbstverständlichkeiten – taten ein übriges. Wenn er etwas lernen konnte, kopierte Friedrich bereitwillig auch den Gegner. Von den Österreichern übernahm er die schnell bewegliche Kavallerietruppe der Husaren, die es zuvor bei den Preußen nicht gegeben hatte.

Intellektueller Austausch und äußere Freiheiten

Am Hof zu Berlin und Potsdam, das er prächtig ausbaute, regierte französische Geistigkeit, die dem Vater so verhasst gewesen war. Von den vielen Geistesmenschen aus dem Nachbarland, die er an sich zu binden suchte, war der gleichfalls gottlose Voltaire wohl der Berühmteste. Blanning: „Das Verhältnis zwischen den beiden Männern war ebenso streit- wie fruchtbar, von all den Beziehungen zwischen einem Intellektuellen und einem Souverän vielleicht die fesselndste.“ In über 650 Briefen tauschte sich der Monarch mit dem bewunderten Spötter aus, der in dem Miteinander seinen Vorteil zu wahren wusste: „Auf einer bestimmten Ebene war dies ein Beweihräucherungsverein auf Gegenseitigkeit.“ Bis zum bitteren Ende; wie viele der Männer-Freundschaften Friedrichs endete auch diese im Streit. Doch blieb man bis zu beider Ende in brieflichem Kontakt. Nach außen hin hielt Friedrich immer die Freiheit hoch und wollte sie in Grenzen auch den Bürgern seines Staates zugestehen. Das meint der berühmte Satz von dem Land, in dem jeder nach seiner Façon selig werden kann. Er ließ für die Katholiken eine neue Kathedrale in Berlin errichten, bestand aber darauf, dass sie dem römischen Pantheon, das allen Göttern geweiht war, glich. In die inner-protestantischen Auseinandersetzungen zwischen Lutheranern und Reformierten, die ihm komplett überflüssig erschienen, mischte er sich nicht ein. Einzig die Juden diskriminierte er, wie schon sein Vater, offen.

Der Staat wurde nach innen planvoll ausgebaut; weit mehr als andere Monarchen nahm Friedrich Anteil auch an den Alltagsgeschäften der Verwaltung. Eine Großtat war die Gesetzesreform ab 1780, entworfen von den fähigen Mitarbeitern Carmer und Suarez. Die Gerichtsordnung und das Allgemeine Landrecht prägten Preußen auf Jahrzehnte, wenngleich wegen fortbestehender Sonderrechte ein zwiespältiger Eindruck blieb. Immerhin: „Es gab genügend fortschrittliche Elemente, um gebildeten Preußen den Glauben an einen Staat zu vermitteln, der die Herrschaft des Gesetzes verkörperte.“ Es war ein Anfang gemacht, für den es in Frankreich einer Revolution bedurfte.

Friedrich wurde noch zu Lebzeiten zur Ikone

Gemeinsam mit der Kriegsgunst verhalfen solche Maßnahmen dem König zu großer Popularität in Deutschland und darüber hinaus. Damals gab es hunderte britische Pubs – und immer noch gibt es einige – die King of Prussia hießen. Ein Souverän, der seine Untertanen durch Abnehmen des Dreispitzes grüßte, der jederzeit bereit war, Petitionen entgegenzunehmen, der schließlich, in einer zu Ende gehenden konfessionellen Epoche, als Verkörperung des Protestantismus galt (ohne es zu sein): Friedrich II. wurde noch zu Lebzeiten, wie man heute sagen würde, zur Ikone.

Auf der Negativseite steht das abscheuliche Verhalten dem Großteil seiner Verwandten, insbesondere seiner Frau, gegenüber, indem er sozusagen die schlechte Behandlung, die er durch seinen Vater erlitten hatte, kopierte. Königin Elisabeth Christine, mit der er natürlich keine Kinder hatte, musste jahrzehntelang isoliert am Rande von Berlin leben und sah ihren Gatten nur zwei-, dreimal im Jahr. Dessen Bruder Prinz Heinrich, der wohl der begabtere, weil vorsichtigere Heerführer war, hasste Friedrich leidenschaftlich; immer musste er um Erlaubnis bitten, wenn er nur das ihm zugewiesene Schloss Rheinsberg für einen Besuch in Berlin verlassen wollte. Auch mit Friedrichs Lieblingsschwester Wilhelmine in Bayreuth kam es schließlich zum Zerwürfnis. So verwundert nicht, dass der Tod Friedrichs im Sommer 1786 – die Gattin oder ein Geistlicher waren nicht benachrichtigt worden – mit allgemeiner Erleichterung aufgenommen wurde. Der neue König und Neffe Friedrich Wilhelm II. wollte nun alles anders machen. „41 Jahre lang war er von seinem missbilligenden, um nicht zu sagen verachtungsvollen Onkel an der Kandare gehalten worden“ (Blanning).

Es ist kein Widerspruch, dass sich direkt nach dem Ableben ein Friedrichskult entwickelte, der 150 Jahre anhalten sollte. Die Bedeutung des Monarchen, der ein als Großmacht anerkanntes Preußen hinterließ, war offenkundig. Aus der Nähe betrachtet war Friedrich kein sympathischer Zeitgenosse, Humor kannte er nur als Spott über andere. Aber bei aller Egozentrik wollte er letztlich doch seinem Land dienen. So konnte er seinen Untertanen die Überzeugung vermitteln, „dank Friedrichs Leistungen in einem Staat zu leben, auf denen sie stolz sein konnten“: Die Schlussworte des Biographen, der Brillanz und Versagen des großen Königs mit lebendigem Atem und unter Neu-Bewertung der Quellen unparteiisch nacherzählt, ohne dem Mythos zu erliegen oder den Respekt zu verlieren. Vielleicht muss man dafür Engländer sein.

Tim Blanning: Friedrich der Große – König von Preußen.
Verlag C.H. Beck, München 2018, 718 Seiten, ISBN 978-3-406-71832-8, EUR 34,–