Würzburg

Was ein „toter Hund“ bewirken kann

Was war dran an Karl Marx? Eine Untersuchung fragt nach den Strukturen seiner Methode.

Karl Marx
Karl Marx wollte nicht an der Dialektik Hegels festhalten. Foto: Adobe Stock

Das bürgerliche Lager ist hierzulande orientierungslos geworden, heißt es dieser Tage in den Medien. Liegt es daran, dass die linke Revolution noch nicht abgeschlossen ist? Und worin besteht diese überhaupt? Michael Quante, Professor für Philosophie in Münster, hat zur Klärung dieser Frage den ersten Band des „Kapitals“ von Karl Marx kommentiert herausgegeben und darin pünktlich vor dem 250. Geburtstag des Philosophen Hegel gezeigt, wie der idealistische Denker auf Marx gewirkt hat.

Dass Marx die Dialektik aufgegriffen hat, ist bekannt. Interessant ist, wie er das getan hat und wie er sich dabei auf Hegel bezieht. In einem Manuskript zum zweiten Buch des „Kapitals“ schrieb Marx: „In einer Recension des ersten Bandes dieses Werks bemerkt Dr. Dühring, daß meine treue Anhänglichkeit an das Skelett der hegelschen Logik so weit geht, daß ich sogar in den Circulationsformen Hegelsche Schlussfiguren entdecke. Mein Verhältnis zu Hegel's Dialektik ist sehr einfach. Hegel ist mein Lehrer u. das klugthuende Epigonen-Geschwätz, das diesen eminenten Denker beseitigt zu haben meint, ist mir einfach lächerlich. Ich habe mir die jedoch Freiheit genommen, mich zu meinem Lehrer kritisch zu verhalten, seine Dialektik ihres Mysticismus zu entkleiden u. sie dadurch wesentlich zu verändern. etc. etc.“ Fünf Jahre später verschärft Marx seine Aussage: „Meine dialektische Methode ist der Grundlage nach von der hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil.“ Bei Hegel stehe die Dialektik „auf dem Kopf. Man muss sie umstülpen, um den rationellen Kern der mystischen Hülle zu entdecken“.

Wie die Wirklichkeit adäquat erfasst werden kann

Was aber ist es nun genau, was Marx in seiner Dialektik anders machen wollte als bei Hegel? Den Hauptfehler sah Marx darin, dass bei Hegel die Darstellung der in sich widersprüchlichen Wirklichkeit mit dieser identisch sei. Das heißt, wenn Hegel einen historischen Prozess darstellt, etwa den der bürgerlichen Gesellschaft, dann sind die Begriffe, die von dieser Bewegung handeln, diese Bewegung selbst, die Sache selbst, wie er sagt. Er dachte so, um einen Vorgang völlig immanent nachweisen zu können, ohne begriffliche Zutat von außen und ohne zusätzliche empirische Befunde. Für Marx ist das Mystizismus, er trennt Darstellung und Dargestelltes, den Gang der Forschung und den Gang der Darstellung der Forschungsresultate. Quante spricht hier vom marxschen Kern der Dialektik. Seine Kritik an Hegel brachte Marx schließlich dazu, ihn als „toten Hund“ zu bezeichnen; weiterhin aber hielt Marx nach Quante daran fest, seine eigene Methode sei dialektisch. Das ist insofern entscheidend, weil ja beide Denker darauf beharren, die „inneren“ Entwicklungen der Wirklichkeit zu zeigen. Bezüglich Marx heißt das nach Quante: „Diese dialektisch-logische Entwicklung entspricht nicht zwingend den konkreten empirischen Abläufen, wird aber insgesamt durch Letztere empirisch gestützt: Die empirischen Daten belegen die Plausibilität der dialektischen Darstellung und die dialektische Darstellung macht uns die Realität in ihrer dialektischen Wirklichkeit verständlich.“ Nach Quante jedenfalls ist die Dialektik von Marx ihrem Gegenstand nicht äußerlich, was für den Gedanken wichtig ist, ob die Methode Marx' stringent ist oder nicht.

Das Verhältnis von Wissen und Wirklichkeit ist entscheidend

Allerdings ist die „Wissenschaft der Logik“, das Hauptwerk Hegels, auf das sich Marx bezieht, eine Theorie des absoluten Wissens im Sinne des Wirklichkeits-Begriffs von Aristoteles – einer Wirklichkeit, die sich über ihre Bestimmungsmerkmale prozesshaft definiert. Was hier verhandelt wird, ist also die begriffene Wirklichkeit, wobei Begriff und Wirkliches zur Einheit gekommen sind. Bei Marx hingegen ist der Maßstab seiner Fundamentalkritik der kapitalistischen Gesellschaftsformen nach Quante „die entfremdete Realisierung der menschlichen Lebensform“, die sich in der „Inhumanität des Kapitalismus“ ausdrücke – für Quante ein philosophischer Anspruch: „Schließlich beruht die marxsche Kritik an den zentralen bürgerlichen Normen und Werten (wie Freiheit oder Gleichheit) auf der philosophisch begründeten Konzeption der Ideologie“ – einer Ideologie, die im Selbstverständnis des „kapitalistischen Gesellschaftssystems“ „konstitutiv“ und deren Momente „im Warentausch auch allesamt respektiert“ werden.

Die vorliegende Ausgabe stellt sich die Aufgabe zu untersuchen, ob eine Kontinuität der philosophischen Grundeinstellung von Hegel zu Marx vorliegt. Quante legt nahe, dass er zu dieser Kontinuität neigt, Hegel würde wohl von äußerer Reflexion sprechen, welche Redeweise für Marx wiederum ein Zeichen von Entfremdung wäre. Es bedarf also einer grundsätzlichen Entscheidung, in welchem Verhältnis Wissen und Wirklichkeit zueinander stehen.

Karl Marx: Das Kapital: Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Mit einer Einleitung und einem Kommentar herausgegeben von Michael Quante. Felix Meiner Verlag, Hamburg 2019, 892 Seiten, ISBN-13: 978-378731-959-6, EUR 68,–

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