Würzburg

Vom objektiven Sein angesprochen

Gedanken zu einer posthum erschienenen Vorlesung des Religionsphilosophen Richard Schaeffler.

Wells Cathedral inside, Nave HDR
Religiöse Erfahrungen spiegeln die Frage nach dem Heiligen. Foto: Adobe Stock

Nach der „Philosophischen Anthropologie“, erschienen 2019 im Verlag Springer, ist nun schon das zweite Buch posthum nach dem Tod des bedeutenden deutschen Philosophen Richard Schaeffler erschienen. Es handelt sich um ein Vorlesungsmanuskript – mit der Folge, dass manche Gedanken nur mit Stichworten angedeutet werden; das ist jedoch mitnichten ein Nachteil. Denn das Anliegen Schaefflers, seine Zuhörer und seine Leser zum Mit- und Nachdenken zu verleiten, kann so vielleicht viel besser erreicht werden als durch die Darstellung eines geschlossenen Gedankengebäudes, bei dem alle Steine säuberlich verfugt sind und dem eigenen Denken kaum Freiräume eröffnen. Das Thema des Buches berührt den Kern eben der Auseinandersetzungen, wie sie die Philosophie der Moderne bis zum heutigen Tag prägen.

Sich im Dialog mit der Wirklichkeit verändern

Zu den zentralen Aussagen der Schaefflerschen Philosophie gehört die Einsicht, dass wir der Wirklichkeit in ihrem Selbststand begegnen – einer Wirklichkeit, die uns unter ihren Anspruch stellt, so dass durch menschliches Erkennen – in der Begrifflichkeit Schaefflers: durch antwortendes Gestalten – unser augenblickliches Erlebnis zur fortdauernden Erfahrung reift. Der Mensch greift im Erkennen den Gegenstand, der sich ihm in den Weg stellt und so ein Erkennen herausfordert. Dabei entwickelt sich ein Dialog zwischen Erkennendem und Erkanntem. In diesem Dialog verändern sich beide Seiten: Im Erkennen muss der Mensch den objektiv gültigen Anspruch der Dinge von seinen Vormeinungen unterscheidbar machen, während die Dinge sich prüfend auf ihre tatsächliche Gestalt abtasten lassen müssen.

In drei Teilfragen geht Schaeffler diesen Zusammenhängen nach: der Frage nämlich zunächst nach dem Guten und der ihm zugeordneten sittlichen Erfahrung, sodann der Frage nach dem Schönen und der ästhetischen Erfahrung sowie schließlich der Frage nach dem Heiligen und der ihm entsprechenden religiösen Erfahrung: drei Sphären menschlicher Erfahrung, für die allesamt gilt, was oben gesagt wurde: Es kommt darauf an, den Anspruch der Dinge zu unterscheiden von den Vormeinungen der Erkennenden, also Subjektivität und Objektivität kritisch voneinander zu scheiden.

Das gilt allem voran für das „Gute“, das allen übrigen „Gütern“ vorangeht: als Zweck und nicht als Mittel. Dieses Gute ist die Quelle allen Seins und aller Wahrheit – gleichsam der Zweck aller Zwecke: „So verstanden ist die Lehre vom Guten nicht nur das Zentralstück aller Ethik, sondern zugleich aller Metaphysik und Erkenntnistheorie.“ Immanuel Kant erläutert das enge Verhältnis des Guten mit der Freiheit und dem Gewissen: „Das ursprünglich Gute, aus dem alle Menschen und Dinge die Eigenschaft, ,gut‘ zu sein, empfangen, ist die sich selbst bestimmende Vernunft. Freiheit ist die Fähigkeit zu dieser Selbstbestimmung, die wir immer wieder unserer Neigung abringen müssen, das Sittengesetz unter Bedingungen zu stellen, die durch unsere Bedürfnisse definiert werden. Das Gewissen aber ist die erstaunlich erscheinende Fähigkeit des Individuums, über sich und die Unreinheit seiner Gesinnung ein unbestechliches Urteil zu sprechen.“

Anspruch zur Selbsthingabe um des Guten willen

Alles in allem kann man sagen: Das „Gute“ ist „jener berechtigte Anspruch des Wirklichen, dessen Recht in jenem kritischen Dialog mit der Wirklichkeit zutagetritt“, der – im Ausgang vom sittlichen Erlebnis – „sittliche Erfahrung“ heißt. Erst in dieser Auseinandersetzung zwischen dem Anspruch des Wirklichen und der Antwort des Erkennenden kommt die Fähigkeit zur sittlichen Entscheidung – also menschliche Freiheit – zustande. Sittliche Freiheit verwirklicht sich in Akten der Selbsthingabe. Dafür ist Voraussetzung, dass der Mensch einen Anspruch der Wirklichkeit – eine Aufforderung zur Selbsthingabe – zunächst verspürt und sodann mittels seiner Vernunft prüft, ob dieser Anspruch, den die Wirklichkeit erhebt, begründet ist oder nur seiner eigenen Einbildung entspringt.

Die Aufgabe, im Dialog mit der Wirklichkeit deren Anspruch zur Selbsthingabe um des Guten willen zu prüfen, ist alles andere als ein Kinderspiel. Den Eigenschaften von Dingen und Menschen sieht man nämlich nicht durch bloßes Hinsehen an, ob sie zu Recht den Anspruch des „Guten“ erheben. Dieser Anspruch wird nur in einem Dialog mit der Wirklichkeit zur Gewissheit. Gefordert ist also eine Objektivierung der zunächst bloß in der Subjektivität des Erlebnisses verhafteten Erkenntnis, eine Unterscheidung zwischen irreführendem Schein und objektiv gültiger sittlicher Erfahrung – unter anderem durch die Prüfung, ob das eigene Tun auch von allen anderen erwartet werden darf, also verallgemeinerbar ist, sowie mittels der Beteiligung Dritter. Ohne kluge und erfahrene Ratgeber führt die Suche nach dem Zweck aller Zwecke, dem Guten, oft in die Irre, weil der Mensch im Käfig seiner Vormeinungen gefangen bleibt; leicht unterliegt er – samt seiner Vernunft – Selbsttäuschungen. Andererseits gilt hinsichtlich der Einbeziehung Anderer: Dritte können niemals das eigene Gewissensurteil ersetzen. „Denn wer sich das Urteil über sich selbst von anderen abnehmen lässt“ – sei es freiwillig oder unfreiwillig – „und dadurch sein Gewissen zum Schweigen bringt, kann auch im Handeln nicht zu freier Selbstbestimmung gelangen.“

Ein Gewissensurteil kann nie im Namen eines Dritten gesprochen werden. Traditionell wurde es oft verstanden als sittliche Urteilskraft; das Gewissen ist aber ebenso „die Fähigkeit, sittliches Erleben in sittliche Erfahrung zu verwandeln“. Nur durch die Tätigkeit des Gewissens „baut sich vor unseren Augen die ,sittliche Welt‘ auf, das heißt der Gesamtzusammenhang aller Gegenstände, die mit Recht von uns Hingabe verlangen und die Hoffnung auf Selbstfindung begründen“.

Schaeffler versucht, „das Sein“ neu zu deuten

Der Titel von Schaefflers Buch erinnert an die alte, wirkmächtige Lehre von den Transzendentalien, die von Platon und Aristoteles ihren Ausgang nimmt und dann im Hochmittelalter zu voller Blüte gelangte. Sie verband das Gute, Wahre, Schöne und Heilige mit dem „Sein“ als dem Inbegriff aller anderen sogenannten „allgemeinen Seinsbestimmungen“. Seitdem ist eine lange Zeit vergangen und die Moderne wollte – und konnte – mit solchem Denken nichts mehr anfangen. Schaeffler unternimmt den klugen und gelungenen Versuch, das, was heute unter „allgemeinen Seinsbestimmungen“, den Transzendentalien, begriffen und gedacht werden kann, neu zu deuten. Das Gute, das Schöne und das Heilige sind nicht zu begreifen, wenn sie nicht aus der Subjektivität des Denkens – seinen Erlebnissen und Erfahrungen – gedacht werden. Aber „Sein“ ist dennoch keine bloß subjektive Einbildung. Es zeigt sich in jenem objektiven Anruf der Wirklichkeit gegenüber dem Erkennenden, der im Erleben laut wird und auf den Wegen der Vernunft zu einer Erfahrung gewandelt werden kann. Der objektivierte Anspruch einer Erfahrung geht über alles subjektive Erleben hinaus; in ihm zeigt sich das Sein der Wirklichkeit, dem der Mensch in Erlebnis und Erkenntnis als einem Sein im Eigenstand begegnet – anderenfalls wäre Erkennen kein Ringen mit dem sperrigen Widerstand der Wirklichkeit im Wechselspiel ihres Sich-Entbergens und ihres Sich-Entziehens: Beides ist Erweis und Folge ihres Eigenstandes.

Ohne Urbild gibt es kein Abbild, ohne Sein nur Schein

Dass Schaeffler den klassischen Transzendentalien, anders als Thomas von Aquin, aber ganz so, wie Hans Urs von Balthasar, die des „Heiligen“ hinzufügt, hat einen tiefen Grund, der für die Scholastik so selbstverständlich war, dass man ihn gar nicht ausdrücklich erwähnen musste: Ohne jene Freiheit im Ursprung, „die im Anfang aller Dinge die Alternative von Sein und Nichtsein entschieden hat und diese Entscheidung immer neu abbildhaft wiederkehren lässt“, kann sich kein Bild von Wirklichkeit vor unseren Augen aufbauen. Das Bild bleibt immer ein Abbild und darf nicht mit dem Sein selbst verwechselt werden, aber ohne das Urbild – das Sein – gäbe es gar kein Abbild, sondern nur trügerischen, wahnhaften Schein.

Was auf den ersten Blick wie eine Vorlesung für Fachleute erscheinen mag, stellt sich beim zweiten Blick als eine neue, den Zeitbedürfnissen angemessene Neubestimmung des Denkens heraus – gegen jenen Zeitgeist, der uns weismachen will, alles sei – nur – subjektiv, also immer bloß relativ. Dagegen wendet Schaeffler ein: In jedem subjektiven Erlebnis findet sich ein Anruf der objektiven Wirklichkeit. Es kommt darauf an, diesen Anruf wahr- und aufzunehmen. Wie man sich das vorstellen kann, zeigt Schaeffler auf eine gut lesbare Weise – und erweist sich damit als Pionier bei der Bewältigung der Aufgabe, uns Zeitgenossen zu helfen, den Menschen und sein Denken besser verstehen zu lernen.

Richard Schaeffler: Das Gute, das Schöne und das Heilige. Eigenart und Bedingungen der ethischen, der ästhetischen und der religiösen Erfahrung.
Alber Verlag, Freiburg/ München 2019, ISBN 978-3-495-49067-9, 158 Seiten, EUR 29,–