Berlin

Scheinbar selbstbestimmt

Das klassische Fernsehen hat Zuschauer fremdbestimmt, beim Streamen lässt sich der Inhalt selbst wählen: „Die Netflix-Revolution. Wie Streaming unser Leben verändert“.

Streamingdienst Netflix
Die Streamingdienste lassen den Nutzer entscheiden, was er wann wo sehen will. Die Kehrseite der Entwicklung: die Vereinzelung der Gesellschaft. Foto: Adobe Stock

Noch keine 20 Jahre ist es her, seit das Internet die technischen Voraussetzungen bietet, Filme in annehmbarer Geschwindigkeit und guter Qualität zu übertragen – neudeutsch „streamen“ oder „streaming“ genannt. Seitdem haben sich „Streamingdienste“ etabliert, etwa Netflix und Amazon, die inzwischen Millionen Abonnenten auf der ganzen Welt und außerdem Milliarden in die Entwicklung von Eigenproduktionen ebenfalls rund um den Erdball investieren. Was für gesellschaftliche Folgen zieht eine solche Entwicklung nach sich?

Oliver Schütte, der nicht nur als Autor für Film und Fernsehen, sondern auch als Dozent an Filmhochschulen, Dramaturg und Filmproduzent arbeitet, nähert sich der dritten „Disruption“ – wie er diese Zäsur nennt – seit der Erfindung der Wiedergabe von bewegten Bildern an. Nach der Erfindung des Kinos und des Fernsehens sei das Streamen ein dritter Neubeginn für das Erzählen von Geschichten mittels bewegter Bilder.

Nach einem kurzweiligen historischen Überblick, der auch eines deutlich macht – wie schnell diese revolutionären Entwicklungen vonstatten gehen: Was erst 2015 geschah, scheint inzwischen lange zurückzuliegen –, konzentriert sich Schütte zunächst einmal auf die Gegenwart und nahe Zukunft: „Die Jahre 2019 und 2020 stellen dabei einen wichtigen Wendepunkt in der Geschichte der Streamingplattformen dar, denn mehrere neue Anbieter gehen an den Start und erweitern das Feld der Mitbewerber. Es wird spannend sein zu sehen, wer in fünf oder zehn Jahren noch existiert, und welches Modell die Zukunft bestimmt.“

Streaming löst das Fernsehen als Leitmedium ab

Über die technischen Aspekte hinaus, die das Sich-Durchsetzen des einen oder anderen Modells mit sich bringen wird, fragt der Autor nach den damit einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen. Lineares Fernsehen sei obsolet: „Sicher ist, dass Streaming das klassische Fernsehen als Leitmedium ablösen wird. Die Frage ist nur, was wird sich dadurch ändern, für uns und für unsere Welt.“ Entgegen der Voraussage von Netflix-Gründer Reed Hastings – „In einigen Jahren werden wir auf das Fernsehen zurückblicken wie heute auf das Faxgerät“ – geht Oliver Schütte davon aus, dass das lineare Fernsehen nicht verschwinden wird. Womöglich werde es allerdings zu einem „Nebenbei-Medium“ – so wie heute „die Mehrzahl Radio im Auto, beim Kochen oder bei sonstigen Beschäftigungen“ hörten.

Welche Konsequenzen hat das Streaming für das Kino, das schon mehrfach etwa bei der Einführung des Fernsehens für tot erklärt wurde? Der Autor meint, Kino werde nicht verdrängt werden, müsse sich aber reformieren. „Die große Leinwand wird also sehr wahrscheinlich überleben, aber die Veränderungen sind schon heute spürbar. In Hollywood dominieren die monumentalen (und teuren) Filme, die mit einem enormen technischen Aufwand hergestellt werden.“ Als weitere Folge der bislang samt und sonders aus den Vereinigten Staaten stammenden „Online-Videotheken“ könnte eine kulturelle US-Amerikanisierung in Erwägung gezogen werden. Der Vorwurf sei aber angesichts der Dominanz der Filme aus diesem Land in den europäischen Kinos kaum ernst zu nehmen. Darüber hinaus lassen Streamingdienste in der ganzen Welt auch in Europa produzieren. „Zwar produzieren die Online-Videotheken lokal und mit heimischen Drehbuchautoren und Regisseuren, aber grundsätzlich wenden sich die Produkte nicht mehr nur an die 80 Millionen Deutschen, sondern an Zuschauer in mehr als 190 Ländern.“ Die Konsequenz sei vielmehr eine „Professionalisierung und Internationalisierung der hiesigen Fernsehproduktionen“, weil diese Serien „einem breiten, internationalen Publikum zugänglich“ sein sollten.

Als wichtiger nimmt sich die Veränderung in den Sehgewohnheiten der Zuschauer aus. Denn „das klassische Fernsehen war und ist fremdbestimmt. Zwar beeinflusst der Zuschauer, wann er den Knopf drückt, aber er kann nicht festlegen, was er zu sehen bekommt. Das Streamen gibt dem Nutzer dieses sehr wichtige Element in die Hand; die eigene Entscheidung, was er wann schauen will.“

„Je mehr die Maschine uns Zuschauer
kennengelernt hat, desto abhängiger werden wir
vom Algorithmus. Wir begeben uns in eine
Scheinfreiheit, die uns möglichst schnell zufriedenstellt“
Oliver Schütte

Allerdings ist diese Freiheit nicht uneingeschränkt. Denn die Vorschläge, die etwa Netflix den Zuschauern unterbreitet, basieren auf einem Algorithmus. Der bestimmt, was wir sehen. Statistisch gesehen heißt dies, dass die Zuschauer mehr als 80 Prozent aller Filme- und Serientitel aufgrund dieser Vorschläge entdecken. Die Kehrseite: „Je mehr die Maschine uns Zuschauer kennengelernt hat, desto abhängiger werden wir vom Algorithmus. Wir begeben uns in eine Scheinfreiheit, die uns möglichst schnell zufriedenstellt.“ Ein auf Algorithmen aufgebautes System führt darüber hinaus zum gläsernen Zuschauer. Für Oliver Schütte wird der Konkurrenzkampf zwischen den Online-Videotheken in naher Zukunft, wenn außer Netflix und Amazon insbesondere auch Disney und Apple ihren jeweiligen Streamingdienst anbieten, in der Kenntnis der Zuschauer bestehen: „In der Zukunft werden wir Zuschauer zu einem Datensatz. Es wird nicht mehr nur darum gehen, die besten Filme und Serien im Angebot zu haben, sondern vor allem, die meisten Informationen über die Nutzer zu besitzen und diese sinnvoll zu verarbeiten.“

Der Autor weist außerdem auf die Gefahr einer weiteren Vereinzelung in der Gesellschaft: „Die Tendenz zur Individualisierung wird noch weiter verstärkt. Der Einzelne und nicht die Verbundenheit rückt in den Mittelpunkt. Dadurch verlieren die Institutionen, die Ausdruck der Gesellschaft sind, immer mehr an Autorität.“

„Die Netflix-Revolution“ bietet einen unterhaltsamen Überblick über die Geschichte des Streamings sowie über die möglichen künftigen Entwicklungen. Ob diese in der Weise unser Leben verändern werden, wie der Autor voraussagt, werden die kommenden Jahre zeigen.

Oliver Schütte: „Die Netflix-Revolution. Wie Streaming unser Leben verändert“. Midas Verlag, Zürich 2019, 224 Seiten, ISBN 978-3-03876-525-7, EUR 24,90