Würzburg

Nach PISA ist vor allen Anstrengungen

Der Buchautor und Journalist Jürgen Kaube hat eine inhaltsreiche Schrift über Schule und Bildung vorgelegt.

Hoch hinaus mit Bildung
Wie kann man in der Schule nach den Sternen greifen? Buchautor Jürgen Kaube behandelt die aktuellen Themen der Bildungsdebatte. Foto: Adobe Stock

Von dem englischen Essayisten Gilbert K. Chesterton stammt die Sentenz, Erziehung sei weder „Theologie“ noch „Kriegshandwerk“ noch „Geologie“. Für diese Disziplinen ließen sich unschwer konkrete Inhalte angeben: Gott, Soldaten oder Steine. Der Umgang mit Menschen sei hingegen kaum festzulegen. Er ist einfach uferlos.

Diese Vielfalt ist einer der Gründe für die stets neu aufbrechenden Bildungsdiskussionen. Angesichts rascher sozialer und technologischer Veränderungen ist es darüber hinaus nicht erstaunlich, dass ein wesentliches Fundament und Spiegelbild der Gesellschaft, die Schule, längst Gegenstand von Endlos-Debatten geworden ist. Der letzte Anlass für Großkontroversen waren vor knapp zwei Jahrzehnten die Ergebnisse der Pisa-Tests und anderer Leistungsmessungen, deren Resultate für Deutschland nicht gerade schmeichelhaft ausgefallen sind. Wie organisiert man Bildungseinrichtungen am besten? Die Frage dürfte heute schwieriger denn je zu beantworten sein. Pädagogische Institutionen befinden sich stets im Spannungsfeld unterschiedlicher weltanschaulicher Sichtweisen. Während die einen die Leistungen und Kreativität der Schüler entfaltet wissen wollen (mit dem Schwerpunkt auf gleiche Ausgangschancen), fordern andere auf, das Ziel der (wenigstens relativen) Egalisierung zu verfolgen.

Diese Konflikte sind altbekannt, andere Herausforderungen hingegen neu. Für viele Elternhäuser hat heute die Schule nur noch den Wert einer Betreuungsanstalt, möglichst rund um die Uhr. Häufig sind beide Elternteile berufstätig. Die Zahl der Kinder hat abgenommen, die der Alleinerziehenden ist gestiegen. Weiter hat der Aspekt der Integration von Migranten in den letzten Jahrzehnten hohe Bedeutung gewonnen. Seit Kurzem wird intensiv über die Digitalisierung des Schulwesens diskutiert. Viele mit der Schule konkurrierende Angebote bestehen heute, die vor zwanzig Jahren noch praktisch unbekannt waren. So stellt sich etwa die Frage nach dem substanziellen Unterschied zwischen einem (Lehrinhalte vermittelnden) Youtube-Video und dem herkömmlichen Unterricht mit Lehrerzentrierung.

Auf der Suche nach der optimalen Schule

Jürgen Kaube, Mitherausgeber der  FAZ  und Verfasser viel diskutierter Sachbücher, ist vor dem Hintergrund solcher und anderer Wandlungen auf der Suche nach der optimalen Gestaltung des Schulwesens. Zu seinen Anliegen zählt, die Ansprüche an die Schule zu reduzieren, die nicht alle Erwartungen, die an sie herangetragen werden, erfüllen kann. Nicht selten sind die Wünsche ja konträr: Die einen fordern mehr Medienkompetenz, andere warnen vor „digitaler Demenz“ (Manfred Spitzer) und Smartphone-Sucht. Überhaupt ist Kompetenzorientierung der pädagogische Schlüsselbegriff der letzten Jahre schlechthin. Kaube überkommen Zweifel, wenn ein solches omnipräsentes Ziel alle erzieherischen Bemühungen überlagere, zumal oft nicht klar ist, was im jeweiligen Kontext darunter zu verstehen sei. Der Druck auf die Kinder hat tendenziell zugenommen, wenngleich auch hier genauer auf die Elternhäuser geschaut werden muss. Die Pubertät setzt ersichtlich früher ein, weswegen manche schon wieder „mehr Kindheit“ fordern. Bei allen Wandlungen, die es gibt, führt dem Autor zufolge nichts an der Vermittlung von Lesen, Schreiben und Rechnen vorbei.

Der Vater zweier Töchter versucht allzu pointierte Erörterungen zu vermeiden, wie sie jüngst häufig zu lesen sind. So tragen beispielsweise der Bestsellerautor Michael Winterhoff („Deutschland verdummt“) und die Publizistin Anke Willers („Geht's dir gut oder hast du Kinder in der Schule? Was der Schulwahnsinn mit uns und unseren Kindern macht und wie wir ihn überleben – Eine Mutter erzählt“) ihre Thesen allzu reißerisch vor. Kaube hingegen stellt die Aufgaben des Unterrichts sachlich dar und nimmt zu diversen Themen Stellung. Er weiß, dass Reformpostulate im großen Stil – wie alle Utopien – kaum oder nur unter großen Nachteilen für alle umzusetzen sind. Die Geschichte der emanzipatorischen Pädagogik legt darüber Zeugnis ab. Gerade im Erziehungswesen sind grundsätzliche Kontinuitäten unabdingbar. Wandlungen im Detail sind damit selbstverständlich nicht ausgeschlossen.

Zentrales Bildungsziel: Elementare Denkprozesse anregen

Kaubes zentrales Anliegen ist, auf der Basis tradierter Wissensfundamente dafür zu sorgen, dass elementare Denkprozesse bei den Schülern initiiert werden. Dieses Ziel gilt ihm als faktisch veralterungsresistent. Fachwissen ist bekanntlich schnell überholt; aber ein solches, grundsätzliche Problemlösungsfähigkeit vermittelndes intellektuelles Training dürfte zukunftssicher sein. Die Basis für ein erfolgreiches Studium oder Berufsleben scheint gelegt. Die sehr alte Weisheit, dass wir nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen sollten – der hier zitierte antike Schriftsteller drückte es bekanntlich umgekehrt aus – mag als Motivationsschub durchgehen. Bei genauerer Betrachtung jedoch ist unschwer die Krux der Pointe zu erkennen: „Leben“ ist zu komplex und zu wandelbar geworden, als dass Schule im Einzelnen entscheidend zu seiner Bewältigung beitragen könnte. Eine derartige Anschlussfähigkeit des Unterrichts an das Leben ist höchstens auf sehr allgemeinem Niveau zu erreichen (einschließlich der Vermittlung des Betragens sowie der Höflichkeit und bestimmter Verhaltensgrundsätze: Das tut „man“, und das tut „man“ nicht!). Auch das bedeutet die von Kaube geforderte Rückkehr zum „Kerngeschäft“ des Lehrens.

Kaube hat eine kluge Studie vorgelegt, die alle Themen der aktuellen Bildungsdebatte, die zwischen zwei Buchdeckeln realistischerweise analysiert werden können, abhandelt. Er setzt (jenseits übergreifender Verordnungen und Gesetze) auf Dezentralisierung und Präsenz von Autorität, an der sich die Schüler orientieren können. Sie muss glaubhaft vertreten, was sie vermittelt. Andernfalls werden ihr die Schüler nicht glauben. Die Beachtung dieses Grundsatzes lässt die zahllose Literatur, die betitelt ist „Wie lehre ich am Besten welche Inhalte?“ als Makulatur erscheinen.

Jürgen Kaube: Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder? Rowohlt- und Berlin-Verlag, Berlin 2019, 336 Seiten, ISBN 978-3737100533, EUR 22,–

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