Würzburg

Lernen aus Verlusten

Ingo Langner wirft im Dialog mit Pater Franz Schmidberger einen kritischen Blick auf Reformversuche der jüngsten Kirchengeschichte und versucht, die Geister zu unterscheiden.

Umnutzung von Kirchen
Die Vision eines zur Kletterhalle umfunktionierten Gotteshauses schwebte den Konzilsvätern wohl kaum vor. Sie veranschaulicht aber, dass kirchliche Versuche, neue Wege zu beschreiten, nicht immer glücken Foto: Roland Weihrauch (dpa)

Von den „Mächten der Finsternis“ spricht Jesus, als er den Fischer und Apostel Simon zum „Petrus der Kirche“ ernennt und damit den Petrusdienst schafft. Das neue Buch „Mächte der Finsternis“ von Ingo Langner, dem bekannten Filmemacher, Publizisten und Konvertiten und Pater Franz Schmidberger FSSPX, Regens und Mitgründer der Piusbruderschaft, widmet sich der Schönheit und dem Drama der heiligen Kirche Christi, ebenso ihrer Unüberwindbarkeit in ihrer langen Geschichte. Muss die Kirche Christi vielleicht gar nicht ständig reformiert, erneuert oder vor einem vermeintlichen Untergang „gerettet“ werden? So der Grundtenor des Buches, das den Rettungsauftrag Christi betonen will, der sich allein an Menschen richtet, die für das ewige Leben und das Himmelreich verloren zu gehen drohen.

Der Titel des Buches stammt aus der Ernennung des Apostels Simons zum „Fels der Kirche“ im Matthäuevangelium. Dort heißt es, dass die Kirche Christi von den Mächten der Finsternis nicht überwunden werden kann, die auf dem Petrus-Amt gründet. Die Autoren weisen sinnigerweise darauf hin, dass dort aber nicht stehe, dass der Teufel es nicht versuchen werde. Schließlich sei das in der Kirchengeschichte, besonders bei häretischen Gemeinschaften, öfters geschehen. Der Widersacher Gottes habe in manchen geographischen Regionen durchaus „Erfolg“ mit seiner Zerstörungsstrategie gehabt, beispielsweise in Nordafrika, wo es bis zum Ansturm des militanten Islam im siebten und achten Jahrhundert noch 300 Bischofssitze gegeben habe. Nur die koptische Kirche Ägyptens überlebte bekanntlich bis heute die islamistische Unterdrückung und Verfolgung.

Fülle von historischen und theologischen Sachkenntnissen

Wie schon in ihrem ersten Dialogbuch „Gott, Kirche, Welt und des Teufels Anteil“ beleuchten Schmidbauer und Langner, in einer Haltung des gegenseitigen Befragens und aufeinander Hörens, die derzeitige Lage der katholischen Kirche. Beide Autoren glänzen – besonders bemerkenswert für einen theologischen Laien wie Ingo Langner – mit einer Fülle von historischen und theologischen Sachkenntnissen. Sie vermitteln im Miteinander die vielfach tragische Reformgeschichte der katholischen Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Der „Rauch Satans“ sei in die zur „Welt“ geöffneten Fenster der Kirche eingedrungen ist, wie selbst Papst Paul VI. geäußert habe. Mit Paul VI. habe eine „sehr problematische Phase der Kirche begonnen“. Der Papst selbst habe sogar von der „Selbstzerstörung der Kirche“ gesprochen. Diese tragische Epoche würden wir jetzt durchleben, so Schmidberger, die „ohne Zweifel mit Johannes XXIII. begonnen und sich dann massiv mit Paul VI. fortgesetzt“ habe.

Kritisch bewerten die Autoren die Einführung des Novus Ordo Missae am 3. April 1969 von Paul VI.. Die Analysen der Autoren, hauptsächlich zu liturgischen und  dogmatischen Fragen, stehen etwas quer zur Catholic Correctness. Möglicherweise lösen sie beim Leser Ärger oder Unverständnis aus, der dann gut beraten wäre zu fragen, von welchem „Geist“ dieser Ärger eventuell verursacht sein könnte? Die umgangssprachliche Frage, „wes Geistes Kind“ jemand ist, führt in der Regel auf eine interessante, auch selbstkritische Fährte, von welchen Antrieben jemand ursächlich motiviert sein könnte?

Die theologische Wissenschaft der „Unterscheidung der Geister“ bietet dazu interessante Instrumentarien an. Sie lehrt einen mindestens dreifachen Blick auf die Motive/ den „Geist“, der Menschen antreibt, verwirrt oder inspiriert: Entweder ist dies der Geist Gottes oder der Zeitgeist, der Geist der Welt, oder drittens der satanische Geist des Diabolos, so die meist mönchischen Lehrer seit dem 3. Jahrhundert.

Erklärungen für den Niedergang der Kirche

Gelingt dem Leser die Unterscheidung dieser drei Ebenen beziehungsweise „Geister“, dann lassen sich aus diesem Buch Einsichten gewinnen. Ihre Analysen führen möglicherweise dann auch zu konstruktiven Erkenntnissen, warum die Kirche Christi in den deutschsprachigen Landen in den letzten 60 Jahren – trotz oder wegen der Reformen? – einen so gewaltigen Niedergang erlebt hat und noch erlebt. Welcher Geist oder Regisseur steckt eigentlich hinter den Reformversuchen, die Struktur der Kirche zu verändern oder das Weihepriestertum abzuschaffen? Welcher Geist wirkte im sogenannten „Geist des Konzils“ oder im jüngst aus der Taufe gehobenen „Geist des Synodalen Weges“?

Im Gründungsjahr der Piusbruderschaft, 1970, schrieb der Theologe Norbert Haag ein Buch mit dem bezeichnenden Titel „Abschied vom Teufel“. Bekannt ist, dass dem Autor dabei ein entscheidender Denkfehler unterlief, denn „Abschied“ setzte ja voraus, dass es den Teufel samt seinen bösen Geistern zumindest bis zum Jahr 1970 gegeben haben müsste. Hat sich der Teufel nun dem Wollen von liberalen oder modernen Theologen gebeugt und sich verabschiedet, weswegen die Hölle dann „leer“ sein müsste? Oder führte seine nun verheimlichte Existenz zu einem verstärkten Wirken der Mächte der Finsternis, wie C.S. Lewis in seinen „Anweisungen an den Unterteufel“ so schön wie humoristisch schilderte?

Ingo Langner/Franz Schmidberger: Die Mächte der Finsternis.
Patrimoniumverlag, broschiert, 236 Seiten, ISBN: 978–3864171253, EUR 14,80

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