Würzburg

"Kritik an Ersatzreligionen"

Mit seinem neuen Roman "Rückwind" legt Burkhard Spinnen eine moderne Hiob-Geschichte vor. Die Hauptfigur verliert an einem Tag alles: Unternehmen, Haus, Frau und Kind.

Schriftsteller Burkhard Spinnen
Er hat ein Buch über die Hiob-Thematik geschrieben, sieht sich selbst aber als säkular und Skeptiker: Burkhard Spinnen. Foto: dpa

Herr Spinnen, warum trägt der Roman den Titel „Rückwind“ und nicht „Rückenwind“?

Der „Rückenwind“ bringt einen dorthin, wohin man will. Der „Gegenwind“ macht es einem schwer. Das Präfix „Rück-“ bezeichnet nicht etwas, das man im Rücken hat, sondern ein Zurück, wie etwa in „Rücksturz“, „Rückfall“ oder „Rücktritt“. Die Situation meiner Hauptfigur Hartmut Trössner wäre mit „Rückenwind“ zu positiv und mit „Gegenwind“ zu schwach negativ ausgedrückt. Ihn weht ein „Rückwind“ zurück durch sein Leben. Die Neuschöpfung empfand ich als stimmig.

Wie kamen Sie auf das Hiob-Motiv? Hatten Sie schon länger Pläne, einen Roman vor dem Hintergrund dieser alttestamentlichen Erzählung zu schreiben?

Bereits Ende der 90er Jahre habe ich mit Überlegungen zu diesem Buch begonnen und den Anfang geschrieben. Ich selbst bin zwar lediglich mit einer eher oberflächlichen katholischen Sozialisation aufgewachsen. Doch wer käme am Buch Hiob vorbei, wo es doch dauerhaft aktuelle Fragen stellt: Wie verhält der Mensch sich nach einem furchtbaren Verlust? Warum ereilt selbst den Gerechten ein schlimmes Schicksal? Ist die Religiosität eines Menschen letztlich abhängig von seiner Lebenssituation?

Hiobs Freunde deuten den Schicksalsschlag als Strafe Gottes ...

Ja, und ihr Vorwurf lautet: Du weißt noch nicht einmal, was du falsch gemacht hast. Du bist unbewusst schuldig geworden. Oft wird vergessen, dass lange philosophisch-theologische Gespräche den Hauptteil des alttestamentlichen Buches bilden. Daran knüpfe ich gegen Ende meines Romans an und lasse Hartmut Trössner einen Dialog mit seinen Freunden führen, der das Buch Hiob diskret zitiert. In welchem Verhältnis stehen die persönliche Rechtschaffenheit eines Menschen und sein Schicksal zueinander? Das ist und bleibt eine sehr wichtige Frage. Selbst im Christentum muss das Individuum im Bermudadreieck von Selbstbestimmtheit, Vorbestimmung und schierem Zufall leben. Mich interessierte allerdings besonders die Haltung eines modernen Hiob, der gar keinen Gott mehr kennt.

Ihre Hauptfigur Hartmut Trössner hat ein Alter Ego, das ständig mit ihm in Dialog steht und das Sie unter anderem als „Geist, der stets bejaht“ bezeichnen. Ist dieses Alter Ego Trössners Schutzengel oder gar Gott?

Nennen Sie diese Stimme, wie Sie mögen. Tatsache ist doch, dass wir uns unablässig mit uns selbst unterhalten. Denken ist nichts anderes als Sprechen mit sich selbst. Bei Trössner kommt hinzu, dass er stark traumatisiert ist, und das darf ich als Autor nicht nur behaupten, sondern muss es auch anschaulich machen. Die Stimme ist Teil der Darstellung eines geschundenen, geschädigten und zutiefst verunsicherten Bewusstseins. Womöglich wäre der Text auch als innerer Monolog denkbar, aber ich war mir sicher, dieses Darstellungsmittel würde ihn zu sehr einengen; es würde die Zerrissenheit der Figur weniger zur Erscheinung bringen.

Georg Büchner hat behauptet, das Leid sei der Fels des Atheismus. Würden Sie das unterstreichen?

Ich setze den Akzent einmal versuchsweise anders: Das Leid ist womöglich ein Argument für Gott, denn es stiftet mehr Identität und Sinn als das Glück. Denken Sie nur an eine Fußballmannschaft, die irgendeinen Pokal gewonnen hat: Die Sieger hüpfen hinterher bloß herum; die Gesichter der Verlierer aber lassen erkennen, wie ein Mensch in der Niederlage zum unverwechselbaren Individuum wird. Leid und Schmerz lassen Fragen nach dem Sinn stellen. Religionen haben sich aus dem Verlust entwickelt, insbesondere aus der Frage danach, was der größte Verlust bedeutet: der Tod.

Apropos Verlust: „Alles verloren“ – diese Formulierung zieht sich wie ein roter Faden durch Ihren Roman …

„Alles verloren“: Das ist die Sichtweise Hartmut Trössners, die durch die Stimme immer wieder ironisch auf- und angegriffen wird. Die Formulierung zeigt seine Verabsolutierung des Verlustes; er macht sich selbst zu einem Über-Hiob. Tatsächlich ist er noch am Leben und gesund und nicht einmal arm. Aber er will im Verlust so bedeutend sein wie im Glück und im Gewinn.

Die junge Frau, die Trössner zufällig trifft und der er seine ganze Lebensgeschichte erzählt, wirkt wie ein kleines, flatterhaftes, unsicheres Mädchen, dem der alte, weise Trössner ständig zeigt, wo es langgeht.

Nun ja. Trössner ist kein Heiliger, sondern ein Glückskind seiner Epoche, ein begnadeter Surfer auf der Windkraft-Welle und ein großer Redner. Er instrumentalisiert die junge Frau für die Aufarbeitung seiner Biografie und gibt ihr verschiedene Rollen. Tatsächlich aber macht sie all dies mit, weil sie ihrem selbst gestellten Auftrag folgt, nämlich dafür zu sorgen, dass ihm nichts passiert. Am Ende rettet sie ihm das Leben. Man könnte sie seinen Schutzengel nennen.

Eine hochinteressante Figur in Ihrem neuen Roman ist Siblenski, ein Schauspieler, der einen Priester mimt, an den Trössner sich in seiner existenziellen Not aber hilfesuchend wendet, als wäre er ein richtiger Priester ...

Es geht noch darüber hinaus: Siblenski spielt einen Geistlichen, der sich von Gott losgesagt hat, um ein Christentum ohne Gott zu propagieren. Genau deshalb ist er der Richtige für Trössner, der nicht an Gott glaubt, aber mit jemandem über Sinn und Bedeutung reden möchte. „Above us only sky“: „Über uns ist nur der Himmel“, lautet seine Überzeugung mit einer Liedzeile von John Lennon.

Kann es das überhaupt geben – ein Christentum ohne Gott? In den 60er und 70er Jahren hat man eher umgekehrt gesagt: „Jesus ja, Kirche nein“.

Darüber habe ich mit meiner Frau gestritten, die studierte Theologin ist. Man muss natürlich bedenken, dass es sich bei der Partei „PPC“ in meinem Roman um eine fiktive Partei in einem fiktiven Text handelt. Wenn Sie so wollen, um eine Art AfD, die sich bei den Bibeltreuen Christen und beim Zentrum bedient, um eine spektakuläre Marketingstrategie zu entwickeln. Ich erinnere aber daran, dass der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck sich unlängst selbst als „säkularen Christen“ bezeichnet hat. Habeck signalisiert damit: Bewahrung der Schöpfung und Nächstenliebe, also die alten christlichen Werte: ja, aber bitte ohne Transzendenz. Waren die Revolutionäre früher radikale Atheisten, so wird heute die christliche Tradition mit ihrer emotionalen Kraft für die Politik in den Dienst genommen. Mit dem Niedergang der Amtskirchen verziehen sich die alten christlich-konservativen Werte in andere Regionen. Denken Sie nur an die Klimabewegung! Dort findet die Sehnsucht nach Erlösung und Heil momentan eine neue Heimat.

Im Laufe Ihres 400 Seiten starken Buches gewinnt der Leser den Eindruck, dass Sie eine Satire über den grünen Zeitgeist und den Glauben an die Möglichkeiten der Windenergie geschrieben haben. Ist das so?

Ich würde sagen, es schwingt eine Kritik an Ersatzreligionen mit. Ich bin ein säkular denkender Mensch und ein Skeptiker. Ich glaube nicht unbesehen einer und nur einer Welterklärungstheorie, und ich kann auch nicht vorbehaltlos einem 16-jährigen Mädchen folgen, das wie eine moderne Jeanne d'Arc auftritt. Ich versuche, ohne die Gewissheit zu leben, dass ich auf der garantiert richtigen Seite stehe. Wenn das auch manchmal schwerfällt.