Würzburg

Katechese mit Profil

Töne machen Musik und Glaubenswissen die Verkündigung: Ein bischöfliches Grundlagenwerk zur Katechese.

Katechese beim WJT 2016
Eine Gruppe bayerischer Jugendlicher bei einer Katechese während des Weltjugendtags 2016 in Krakau. Foto: Harald Oppitz (KNA)

Zu den Worten, die man in der dahindümpelnden deutschen Kirche besser nicht verwendet, gehört Neuevangelisierung. Noch schlimmer freilich ist das M-Wort, das Mission bezeichnet. Die Zahlen der Mitglieder, der aktiv Gläubigen, der Berufungen in die verschiedenen Dienste der Kirche mögen jedes Jahr schlechter ausfallen, die tonangebenden Kreise in der Theologie und bei den Laien-Vertretungen werden nicht müde, die ausbleibenden „Strukturreformen“ dafür in Haftung zu nehmen, die mangelhafte Glaubensvermittlung und -weitergabe kann es jedenfalls nicht gewesen sein.

Franz-Peter Tebartz-van Elst, gewesener Bischof von Limburg und seit 2014 beim Päpstlichen Rat zur Förderung der Neuevangelisierung, weiß darum und verwendet lieber den Begriff Katechese. Er ist als gelernter Pastoraltheologe Experte und hat sich besonders mit dem Erwachsenenkatechumenat beschäftigt. Sein neues Buch zieht eine erste Bilanz der in Rom im Austausch mit den Vertretern der Weltkirche gemachten Erfahrungen und präsentiert sich geradezu als Kompendium der Neuevangelisierung.

Vorwort von Erzbischor Rino Fisichella

Erzbischof Rino Fisichella, der dem römischen Neuevangelisierungs-Rat vorsteht, schreibt etwas scheinbar Selbstverständliches in seinem Vorwort, wenn er daran erinnert, dass sich die Katechese am Kerygma der Kirche, also an der christlichen Botschaft, auszurichten hat. Umso trauriger, wenn Bischof Tebartz aus einer deutschen Regionalzeitung zu zitieren weiß: „Eine Kartoffelmesse findet am Sonntag um 11.15 Uhr in St. Joseph statt. In diesem Familiengottesdienst wird in einem Spiel der Kindergarten die Herkunft und Bedeutung der Kartoffel vorstellen.“ Um es anders und besser zu machen, schlägt der Autor vor, Katechese in fünf Weisen zu deuten und anzugehen: Als praktische Dimension in der Motivation für eine bestimmte Lebenspraxis, die den anderen fragen lässt: Warum lebt der so?, sodann als narrative Erzählgemeinschaft der Generationen, in die besonders auch die Großeltern eingebunden werden, als allegorische Dimension unter Verwendung der Bilder der Bibel und der Riten der Liturgie.

Der explikative Aspekt betrifft die fides quaerens intellectum, will also die verstandesmäßige Durchdringung fördern; konfessorisch soll über große Vorbilder des Glaubens, insbesondere die regionalen Märtyrer, der Boden bereitet werden. Der Bischof erinnert daran: „Ohne katechetische Kenntnis des Glaubens kann es keine freie Zustimmung im Sinne des Bekenntnisses geben.“ Und das heißt ja, ohne Glaubenswissen, ein Vokabular der gemeinsamen Verständigung und eine Grammatik des kirchlichen Beziehungsgefüges kommt die Botschaft nicht an den Mann und an die Frau: Glaubenswissen und das Wissen um die Notwendigkeit und die Aufgabe der Kirche gehören dazu.

Katechismus: In vielen Ländern unverzichtbares Instrument

Womit man bei einem weiteren, in unseren Breitengraden heiklen Thema gelandet ist: Der Katechismus als Möglichkeit, den Glauben in verbindlicher Schriftform nachlesbar zu machen, ist trotz prominenter Mitwirkender beim Editionsprojekt (Ratzinger, Schönborn) nicht wirklich nördlich der Alpen gelandet. Zu satzhaft, zu autoritär in der Vermittlung? Darüber wird man diskutieren können, aber er wurde bei uns eben auch nie als verbindliches Schul- und Lehr-Medium eingesetzt und ausprobiert. Tebartz gibt zu bedenken, es „braucht geradezu einen Mut zum Inhalt und ein Interesse am Kerygma der Kirche, ohne die es zu einem Relativismus kommen muss, der Menschen letztlich Meinungen überlässt und sie damit im wirklichen Glauben allein lässt“.

Der Katechismus liegt seit fast drei Jahrzehnten vor und ist in vielen Ländern ein unverzichtbares Instrument geworden: „Der Halt, den viele Ortskirchen der Welt im Katechismus der Katholischen Kirche von 1992 finden, zeigt, wie sehr eine Verkündigung in den Stürmen gesellschaftlicher beziehungsweise politischer Bedrängnis verbürgte Verlässlichkeit braucht. Ein Buch, das vor 25 Jahren in einigen wenigen Ländern kaum zur Welt kommen durfte und schon heruntergeschrieben war, bevor es überhaupt erschien, hat in anderen Teilen der Weltkirche eine breite Aufmerksamkeit gefunden und ist dort zum Referenztext geworden.“

Mehr Identität durch Inhalt gefordert

Mehr Identität durch Inhalt fordert Tebartz-van Elst und wendet sich gegen die aus dem zeitgenössischen Religionsunterreicht sattsam bekannte Methode, Inhalte eher als Mittel zum Zweck anzusehen oder sie obsolet werden zu lassen, wenn die Teilnehmer nur genug ,Eigenes‘ einzubringen haben. Dem verschrifteten Glauben im Form des Katechismus eine neue Chance bei uns zu geben, scheint schon deswegen angemessen, weil der YouCat als Initiative um den Augsburger Publizisten Bernhard Meuser ein weiteres Mal gezeigt hat, dass Glaubensbücher notwendig sind und „funktionieren“. Mehrfach kommt Bischof Tebartz auf dieses besonders für Jugendliche gedachte, mittlerweile in fast achtzig Sprachen und vielen medialen Formen vorliegende Erfolgswerk zu sprechen.

Franz-Peter Tebartz-van Elst mustert die Grunddokumente des Lehramtes zur Katechese. Vom damals weithin unterschätzten Schreiben Pauls VI. „Evangelii nuntiandi“ von 1975 angefangen. Der Papst hatte damals schon die Bandbreite der Probleme bei der Vermittlung des Glaubens vor Augen, nannte sie beim Namen und betonte das „Zeugnis des Lebens“, wo Worte schal geworden sind. Die Reihe der Dokumente führt weiter zu Johannes Paul II., der 1997, ausgerechnet bei einem Besuch in seiner polnischen Heimat, zum ersten Mal den Begriff Neuevangelisierung verwendete, verweilt bei Benedikt XVI., der 2010 die Aufgabe durch die Gründung des dafür bestellten Päpstlichen Rates institutionalisierte und endet bei Papst Franziskus, der praktisch in jedem seiner großen Texte das Ziel aufnimmt, es immer wieder biblisch auflädt und mit der Mahnung verbindet, an die Ränder zu gehen.

Ein vollständiger Atlas der Neuevangelisierung

Ein weiteres Mal plädiert der Autor dafür, den Erwachsenen-Katechumenat, der denen auferlegt wird, die nach der Kindheit die Taufe wünschen, ernst zu nehmen und als Muster der erwünschten Korrelation von Satzglauben und Lebenswirklichkeit zu deuten. Papst Franziskus hat ja die Möglichkeit einer Katechumenats-Phase auch vor der kirchlichen Eheschließung ins Spiel gebracht. Die angezielte Sprachfähigkeit soll aus dem Wechselspiel von inhaltlichem Profil (Glaubenswissen), Empathie (Aufmerksamkeit für Biographien) und einem differenzierten Prozess (Pastoral des Wartens und Wachsens) entstehen. Große Gestalten der Katechese aus der Kirchengeschichte werden vorgestellt und runden das Buch zu einem vollständigen Atlas der Neuevangelisierung, die für die Kirche (nicht nur) im Westen – mag sie sich dessen bewusst sein oder nicht – zur Existenzfrage geworden ist. Katechese als Deutung im Dialog ist das Angebot, das Bischof Tebartz-van Elst in seinem großen Grundlagenbuch macht.


Franz-Peter Tebartz-van Elst: Der Ton macht die Musik – Katechese als Stimme der Kirche. Verlag Butzon & Bercker, Kevelaer, 2019, 296 Seiten, ISBN 978-3-7666-2532-8, EUR 25,–

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