Würzburg

In grenzenlosem Hochmut befangen

Klaus Bergdolt legt ein differenziertes Bild der deutschen Vorurteile gegenüber Italienern vor.

Blick auf Portofino
Blick auf Portofino: Deutsche mögen zwar italienische Momente, aber gegenüber den Italiener gab und gibt es viele Vorurteile, meint der Historiker Klaus Bergdolt. Foto: Adobe Stock

Brillant geschrieben ist dieses Buch und gleichzeitig hochgelehrt! Da kennt einer nicht bloß all die verqueren Vorurteile, die Deutsche jahrhundertelang über Italiener pflegten, sondern auch die Verletzungen und Gegenreaktionen, die das jenseits der Alpen ausgelöst hat. Vor allem aber gelingt es dem Autor immer wieder, überzeugend verständlich zu machen, was deutsche Geschichtsvergessenheit oder schlichte Unbildung in der aktuellen Politik so alles anrichten können. Locker und sprachlich elegant präsentiert Klaus Bergdolt nicht weniger als eine Bilanz deutsch-italienischer Missverständnisse von auf grotesken Vorurteilen beruhender deutsch-protestantischer Verachtung katholischer Lebensformen bis hin zu hemmungslosen rassistischen Rüpeleien hochintellektueller Exemplare des Volkes der Dichter und Denker. Man erfährt erstaunt, dass viele Italienschwärmer sich für die Schwäche, die sie für das Land hegen, wo die Zitronen blühn, dadurch rächen, dass sie die Bewohner des Sehnsuchtslandes mit tiefster Verachtung strafen.

Klaus Bergdolt ist nicht irgendwer, er ist angesehener emeritierter Professor für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität Köln, vor allem aber einer der besten deutschen Italienkenner, hat selber lange in Italien gelebt als Direktor des deutschen Studienzentrums im Palazzo Barbarigo della Terrazza in Venedig und Mitglied anderer Institutionen. So gelingt es ihm, aus unglaublicher Belesenheit schöpfend ein wirklich differenziertes Bild des fatalen deutsch-italienischen Missverhältnisses zu zeichnen, das den Leser immer wieder staunen lässt, Aha-Effekte zur derzeitigen politischen Situation eingeschlossen.

„Was für ein Unterschied ist zwischen
Römern und Deutschen? Jener schafft nicht und
lebt, dieser ... lebt nicht und schafft“
Wilhelm Waiblinger, 1829

Der jung in Rom gestorbene schwäbische Dichter Wilhelm Waiblinger schlägt 1829 den Grundakkord an, wenn er schreibt: „Was für ein Unterschied ist zwischen Römern und Deutschen? Jener schafft nicht und lebt, dieser ... lebt nicht und schafft“. Man fühlt sich vor allem moralisch überlegen. Bergdolt: „Der Kaiser Wilhelm II. zugeschriebene Satz vom ,deutschen Wesen‘, an dem die Welt ,genesen‘ sollte, lässt sich ... selbst heute noch an der kaum zu übersehenden Vorliebe gewisser Berliner Politikerinnen und Politiker erkennen, Regierungen anderer Völker geradezu reflexartig moralisch zu belehren.“ In der Finanzkrise 2012 habe Angela Merkel sinngemäß erklärt, die Italiener müssten halt „mehr arbeiten“, Äußerungen, die Italiener aus leidvollen historischen Erfahrungen besonders empörten.

Dieses Herabschauen auf die Italiener ging 1963 sogar so weit, dass sich der deutsche Dichter Rolf Hochhuth nicht scheute, dem Italiener Eugenio Pacelli, der als Papst Pius XII. hieß, in einer tollkühnen Volte vorzuhalten, er hätte doch „Millionen von Juden vor dem Holocaust bewahren können“, eine These, die, abgesehen von der Tatsache, dass sie niemals bewiesen werden kann, auch unter jüdischen Historikern und Politikern höchst kontrovers diskutiert wird. Auch die abwegige Papstschelte Angela Merkels 2009 habe der Journalist Peter Scholl-Latour auf deren vorurteilsbeladene Ahnungslosigkeit gegenüber der lateinisch-katholischen Welt zurückgeführt. Im Kapitel „Antikatholizismus als Programm“ erfährt man viel von den Quellen solcher Ressentiments. Schon Luther hatte diesen Vorurteilen präludiert, indem er in seinem Pamphlet „Wider das Papsttum zu Rom, vom Teufel gestiftet“ gleich gegen die ganze italienische Nation zu Felde zog. In der Goethezeit und im ganzen 19. Jahrhundert galt der Katholizismus „als verkommene, durch und durch undeutsche Ideologie, die sich überlebt hatte“. Gegenüber dem geradezu schwärmerisch positiv konnotierten Islam galten vor allem die Kreuzzüge kontrafaktisch als barbarische papistische Angriffskriege, „eine Ansicht, die bis heute im deutschen Gymnasialunterricht populär blieb“. Deutsche Hybris spricht sich programmatisch im Urteil des deutschen Großdenkers Georg Friedrich Wilhelm Hegel aus, wenn er dem deutschen Volk den ersten Platz in der Welt zuweist: „Gegen dieses sein absolutes Recht, Träger der gegenwärtigen Entwicklungsstufe des Weltgeistes zu sein, sind die Geister der anderen Völker rechtlos.“ Kein Wunder also, dass sich die Deutschen in Italien von den Italienern nach Möglichkeit absonderten, auch Goethe knüpfte während seiner monatelangen Italienreise keinen einzigen freundschaftlichen Kontakt mit Italienern.

Deutsche Arroganz und alte Klischees

Natürlich gab es auch die Verachtung der Deutschen durch Italiener. 1530 berichtet bekanntlich der Kardinal Cajetan vom Reichstag in Augsburg, mit den deutschen Fürsten könne man nur vormittags verhandeln, da sie ab mittags alle betrunken seien. Deutsche Herbergen galten den fein gebildeten Italienern der Renaissance als schmuddelig und später waren römische Inquisitoren entsetzt über die abergläubischen Hexenverfolgungen jenseits der Alpen.

Doch wie sehr kehren sich die Klischees wenig später ins Gegenteil um. In den schönsten Farben wurde zwar jenseits der Alpen die Vergangenheit Italiens geschildert, vor allem die Kunst, aber man war in grenzenlosem Hochmut der Auffassung, nur die Deutschen, jedenfalls nicht die Italiener, könnten diese reiche Vergangenheit angemessen würdigen. Man gefiel sich in der grotesken „Kunst, zu sich selber aufzublicken“. 1860 schreibt Ferdinand Gregorovius, dem wir eine glänzende „Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter“ verdanken, aus Italien: „In diesem Sumpf pervertierter Menschheit, wo Unsittlichkeit und Verdorbenheit in tausendfacher Gestalt stündlich einem gegenübertritt, hier erst lernt der Deutsche sich selber schätzen.“ Die arrogante Ignoranz protestantisch-deutscher Praeceptores Germaniae fühlte sich den „sinnlichen“ Italienern vor allem moralisch haushoch überlegen. Der gesittete Norden und der laszive Süden, das sind die Klischees, die im 19. Jahrhundert hemmungslos blühten. Jakob Burckhardt kommt dabei zur interessanten Beobachtung, dass in Italien die Frau dem Manne auch an Bildung schon seit der Renaissance auf Augenhöhe begegnete – und dass so etwas für eine rechtschaffene Ehe nicht gut sei!

Man verachtet nicht bloß die Italiener, man verdammt sogar ihr Essen. Seume schreibt in seinem berühmten „Spaziergang nach Syrakus“, dass in Italien „jährlich ... eine Million Menschen an der verdammten Pasta sich zu Tode kleistern“. Man aß als Deutscher in Italien nach Möglichkeit deutsche Hausmannskost. Wenigstens da gibt es eine unübersehbare Wendung zum Besseren. Und so legt man ein Buch zurück, das Geist und Herz erfreut und das zeigt, dass wahre Bildung nur ohne Selbstüberschätzung zu haben ist.

Klaus Bergdolt: Kriminell, korrupt, katholisch? Italiener im deutschen Vorurteil.
Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2018, 243 Seiten, EUR 32,–

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