Würzburg

Immer das tun, was das Gewissen fordert

Wie Kant durch die Einschränkung der Vernunft den Platz für den Glauben sicherte. Eine neue Analyse setzt Maßstäbe.

Immanuel Kant
Der deutsche Philosoph Immanuel Kant, hier dargestellt auf einem Stich von Johann Leonhard Raab nach einem Gemälde von Gottlieb Döbler aus dem Jahr 1781. Foto: Bertelsmann Lexikon Verlag

Zu den vielen Vorzügen der eindrucksvollen, im Fach Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Eberhard Karls Universität Tübingen gefertigten Arbeit von Burkhard Nonnenmacher gehört ihre klare, nachvollziehbare und durchdachte Gliederung, die dem Leser eine große Hilfe ist; gleich zu Beginn bestimmt Nonnenmacher den Gegenstand und das Ziel seiner Untersuchung: nämlich die Philosophie Immanuel Kants in ihrer „programmatischen Relevanz für die Systematische Theologie zu vergegenwärtigen“.

Nonnenmacher geht dieser Frage Schritt für Schritt nach – ohne Gedankensprünge, eher mit gelegentlichen Wiederholungen. Das hat den Vorzug, dass dieses Buch – obwohl ganz der Wissenschaft verpflichtet – nicht nur für Theologen und Philosophen von Profession mit großem Gewinn gelesen werden kann. Ja, man kann sagen: Wer sich über das Verhältnis von Glaube und Vernunft im Denken Kants verlässliche Kenntnisse verschaffen will, ist gut beraten, zu diesem Werk zu greifen. Es wird – so die Prognose des Rezensenten – auf lange Zeit den Standard festlegen, an dem sich nachfolgende Arbeiten werden messen lassen müssen.

Das Buch gliedert sich – grob gesagt – in zwei Teile: Der überwiegende, rund zwei Drittel umfassende erste Teil widmet sich einer textnahen Darlegung von Kants Position, die auch Widersprüche und Unstimmigkeiten nicht glattbügelt. Dieser Teil – „Kants Verhältnisbestimmung von Vernunft und Glaube“ – zeugt von einer nachgerade stupenden Kenntnis des über viele Jahre nach 1781 entstandenen Kantischen Textkorpus, auf das der Verfasser souverän ausgreift und sorgfältig darlegt – bevor er es deutet. Die Lektüre ist ein Genuss und ein Gewinn. Denn Nonnenmacher bringt Kant selbst zur Sprache, bevor er in eigenem Verständnis zusammenführt, was Kant über zahlreiche Schriften verstreut zum Thema geschrieben hat. Der zweite Teil – „Was ist von Kants Verhältnisbestimmung von Vernunft und Glaube zu halten?“ – bringt sodann Nonnenmachers Position zur Geltung, indem er kritisch beleuchtet und prüft, was er zuvor als Befund aus Kants Texten geborgen hat. Ihren Abschluss findet die Arbeit mit einer Diskussion der Möglichkeiten einer „Theologie nach Kant“.

Kämpfer gegen den Vernunftunglauben

Der Verfasser erläutert aus der Sicht des Referenten die entscheidenden Weichenstellungen Kants mit großer Treffsicherheit, namentlich vor allem Kants „Lehre vom Primat des Praktischen“, seine Zurückhaltung gegenüber der Erkenntniskraft der theoretischen Vernunft, deren Leistungsvermögen auf das Erfassen von sinnlich Erfahrbarem begrenzt ist, um dann angesichts dieser beiden Grunddispositionen der Erkenntnislehre Kants zu fragen, an welchem Ort der Platz des Glaubens ausfindig zu machen ist. Ein vorläufiges – ganz zutreffendes – Resumée findet sich dann schon auf halbem Weg, ungefähr in der Mitte des Buches: „Die Wirklichkeit des Glaubens besteht für Kant … letztlich darin,“, schreibt Nonnenmacher, „dass sich die ,eine Vernunft‘ diszipliniert, praktisch orientiert und architektonisch einrichtet, um sich so weder im Skeptizismus noch im Dogmatismus zu verlieren.“ Kant kämpfte gegen den Vernunftunglauben, den Skeptizismus, der nichts gelten lassen will, und für den Vernunftglauben als „die moralische Denkungsart der Vernunft im Fürwahrhalten desjenigen, was für das theoretische Erkenntnis unzugänglich ist“, wie er in der „Kritik der Urteilskraft“ 1790 schreibt. Nonnenmacher führt dazu aus: Die Vernunft muss „den Vernunftglauben mit einschließen, eben weil zu ihrer Selbstkritik nicht nur die Frage nach ihren Grenzen gehört, sondern ebenso sehr die Auseinandersetzung mit der Frage nach dem rechten Umgang mit diesen Grenzen. … Verbunden sind Vernunft und Glaube … darin, dass die sich selbst kritisierende Vernunft weder in der Reflexion ihrer eigenen Grenzen einfach nur den Stab an vermeintlich andere, über der Vernunft liegen sollende Instanzen übergibt noch lediglich die Konstatierung ihrer Grenzen als ihre Vollendung feiert.“

Nonnenmacher deutet Kant als Pelagianer. Auch wer dieses scharfe Urteil so nicht teilt, wird zugeben müssen, dass der schon erwähnte „Primat des Praktischen“ Kants Philosophie zumindest in die Nähe des Pelagianismus führt. Denn allein durch seine eigene Sittlichkeit kann sich ein Mensch seiner Glückseligkeit als würdig erweisen. Auf dieses Bemühen allein kommt es, wenn man dem Königsberger folgt, an: Immer und zu jeder Zeit das zu tun, was das Gewissen als unbedingte Forderung an unser Handeln stellt. Damit überhaupt als Möglichkeit gedacht werden kann, dass Menschen dieser Weisung folgen, muss es denknotwendig eine Welt geben, in der Sittlichkeit und Glückseligkeit Hand in Hand gehen. Das ist, wie jeder Mensch tagtäglich erlebt, die irdische Welt, in der wir leben, zweifellos nicht. Folglich bedarf es, damit Sittlichkeit Bestand gewinnt, jener drei Postulate, die Kant aufstellt: Gott, Freiheit und Unsterblichkeit.

„Der Ausgangspunkt der Moraltheologie Kants ist nicht Gott,
sondern der Mensch. Und zwar der Mensch in seiner
Sorge darum, ob er das, was er soll, kann“
Burkhard Nonnenmacher

Nonnenmacher deutet die seit eh und je heiß umkämpfte Postulatenlehre Kants als das, was sie ist: nicht als Trost für schwache Geister, sondern als einzig denkmöglichen Garanten von Sinn. Um ihrer selbst willen muss die Vernunft sich zu den Postulaten nicht als Bedürfnis, sondern als Notwendigkeit bekennen, weil sie sich sonst im Unterholz des Denkens verheddert und selbst zerstört, anders gesagt: weil sie sonst an ihrer notwendigen Selbstkritik verzweifeln muss.

„Der Ausgangspunkt der Moraltheologie Kants ist nicht Gott, sondern der Mensch. Und zwar der Mensch in seiner Sorge darum, ob er das, was er soll, kann.“ Diese Feststellung geht mit dem „sola gratia“ – auf den ersten Blick ersichtlich – nicht zusammen. Nonnenmacher kritisiert diese Unvereinbarkeit zulasten Kants und zugunsten von Martin Luther und Gottfried Wilhelm Leibniz. Diese Kritik klingt manchmal so, als ob man Kant vorhalten wollte, kein Theologe gewesen zu sein. Das war er ohne jeden Zweifel nicht. Gleichwohl fasst Nonnenmacher, um ein gerechtes Urteil bemüht, zusammen: Es bei einem vernünftigen Denken des Glaubens weder bei skeptischem Stillstand noch beim projizierten Gott belassen zu haben, ist vielleicht „als größtes Verdienst in Kants Verhältnisbestimmung von Vernunft und Glaube zu sehen. Das Misstrauen hat hier nicht das letzte Wort, sondern das Misstrauen in das Misstrauen.“ Das ist klug bemerkt.

Was das alles für eine künftige Theologie zu bedeuten hat, erläutert Nonnenmacher ganz zum Schluss des Buches in wenigen Federstrichen. Es ist zu hoffen, dass ihn die Frage weiter beschäftigt. Verwundern mag dabei ein klein wenig, dass der Blick nicht ein einziges Mal auf die Katholische Theologie fällt. Karl Rahner beispielsweise hat in unserer Gegenwart vielbeachtet versucht, die Kantische Philosophie zur Grundlage theologischen Denkens zu machen. Dieserart Einwände treten aber zurück hinter die Gesamtleistung der Forschung Nonnenmachers, der eine große Anerkennung und Aufmerksamkeit gebührt.

Burkhard Nonnenmacher: Vernunft und Glaube bei Kant.
In der Reihe „Collegium Metaphysicum“, Verlag Mohr Siebeck, ISBN 978-3-16-155716-3, 425 Seiten, EUR 89,–

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