Heimat der halben Menschheit

Wolfgang Sotills neues Israel-Buch ist die perfekte Vorbereitung auf Pilger- und Studienreisen.

Ultraorthodoxe Juden vor dem Laubhüttenfest
Ultraorthodoxe jüdische Männer am Feiertag Sukkot, dem Laubhüttenfest. Jerusalem ist ihre – aber eben nicht nur ihre – heilige Stadt, Israel ihre – aber nicht nur ihre – Heimat. Foto: dpa

Der Grazer Journalist, Buchautor, katholische Theologe und Israel-Kenner Wolfgang Sotill führt seit Jahrzehnten Pilger wie Touristen, Fromme wie Skeptiker, Kinder wie Akademiker durch das Heilige Land. 40 der häufigsten Fragen, die ihm dabei gestellt wurden und die er stets geduldig zu beantworten hatte, hat er nun in einem Buch zusammengefasst und sachkundig beantwortet. „Israel. 40 einfache Fragen, 40 überraschende Antworten“ ist die ideale Vorbereitung auf eine Pilger- oder Studienreise in die irdische Heimat Jesu, zugleich auch ein gediegener Einstieg in die Themen Judentum und Nahost-Konflikt. In seinem Wert gehoben wird das Buch durch kunstvolle Schwarzweiß-Bilder des Fotokünstlers Christian Jungwirth.

Die Jüdische Gemeinde Graz lud zur Buchpräsentation in ihre Synagoge, wo Kultusrat Elie Rosen nicht nur vor einem aktuellen „Israel-bezogenen Antisemitismus“ warnte, sondern Wolfgang Sotill als „aufrichtigen Freund und Aufklärer“ würdigte. Dessen Buch nehme den „Kampf gegen Vorurteile“ auf. Der Autor selbst fasste die Botschaft seines neuen Werks so zusammen: Alle Leser, unabhängig von ihrer Motivation, sollten „ein anderes, schöneres, realistischeres Bild von Israel“ bekommen.

Jerusalem als Chiffre für das Göttliche

Nicht geschönt, sondern schön aufgrund des breiten Spektrums der Aspekte präsentiert Sotill Israel und sein Judentum in seinem Buch. Richtig ins Schwärmen gerät der Autor, wenn das Stichwort „Jerusalem“ fällt. Das sei mehr als eine Adresse, nämlich eine Chiffre. „Eine Chiffre für das Göttliche in dieser Welt, für Reinheit, Schönheit und für den ,wahren Glauben‘. Aber auch für Aberglauben, für Bigotterie, für zerstörerischen Fundamentalismus.“ Die Stadt, in die Pilger aller drei monotheistischen Religionen strömen, die 17-mal zerstört und noch öfter erobert wurde, lässt keinen kalt – erst recht nicht Wolfgang Sotill. Immerhin handelt es sich, wie er schreibt, um „die spirituelle Heimat der beinahe halben Menschheit“.

Die Lektüre des vorliegenden Buches macht erfahrene wie unkundige, aber wissensdurstige Besucher mit Jerusalem und dem Land Israel vertraut. Da sind einerseits Fragen, die jeder Israel-Reisende sich stellt oder – sollte er schon erfahrener Wiederholungstäter sein – zumindest von anderen gestellt bekommt: Wie gefährlich ist eine Reise nach Israel? Welche Orte sollte man unbedingt besuchen? Oder: Sind Juden tatsächlich intelligenter als andere Menschen? So einfach die Frage nach der Gefährlichkeit statistisch, objektiv zu beantworten ist („…sicherer als London, Köln, Berlin…“), so differenziert und deutend antwortet Sotill auf die Frage nach der Intelligenz: Immerhin ist die Zahl der Nobelpreise, die Juden – insbesondere in Naturwissenschaften – erhielten, nicht einfach vom Tisch zu wischen. Sotill klärt auf: „Die hohe Zahl der Nobelpreisträger beruht nicht auf Chromosomen, sondern auf einer jahrhundertealten Tradition des Lernens. Eines Lernens, das nicht als notwendige und zeitweilige Beschäftigung gesehen wird, die später vom ,richtigen Leben‘ abgelöst wird. Lernen ist im Judentum existenziell.“

Sotills bunter Fragenkatalog umfasst auch die politisch heißen Eisen, die Kundige wie Ahnungslose in emotionale Wallung bringen: Sind die Siedler ein Hindernis für den Frieden? Sind Araber in Israel auch Palästinenser? Oder: Wann hören die Juden endlich auf, vom Holocaust zu reden?

Zusammenhänge aufzeigen und Klischees aufbrechen

Weit mehr als die Hälfte des mit leichter Feder und profundem Wissen geschriebenen Werks beschäftigt sich mit religiösen Fragen im weitesten Sinn. Woran Juden glauben, wie die Klagemauer zu ihrem Namen kam, wie koscheres Essen schmeckt und wer eigentlich ein orthodoxer Jude ist – Wolfgang Sotill kann diese und andere Fragen verstehbar und knapp, kundig und unterhaltsam beantworten. Dabei taucht er auch in die Welt des Islam ein, der mit dem Felsendom und der Al-Aqsa-Moschee einen Fuß in der Türe zum Zentrum Jerusalems hat. Warum im Koran mehr über Maria steht als in der Bibel, warum Jerusalem (nach Mekka und Medina) die drittheiligste Stadt für Muslime ist oder warum das Stichwort „Kreuzzug“ Araber noch immer in Angst oder Wut versetzt, wird hier aufgeklärt. Hilfreich ist auch eine Überblick verschaffende Zeitachse von der Spätbronzezeit bis zur Gegenwart.

In vielen seiner Fragen und Antworten ist der Autor ganz jahrelang geprüfter und gereifter Pilgergruppen-Führer. „Wie kann man sich das Land zur Zeit Jesu vorstellen?“, wurde er sicher hunderte Male gefragt. Ebenso auch, warum Jesus manchen Juden seiner Zeit im Wege war und wie der Prozess gegen ihn genau verlief. Er wolle Fakten vermitteln, Zusammenhänge aufzeigen und Klischees aufbrechen, schreibt der Autor; zumal dieses Land für jeden Besucher – unabhängig vom Grund seiner Reise – stets auch ein „geistiges Abenteuer“ sei. Dass Sotill in Jerusalem und Graz Theologie studierte, ist seinen Antworten ebenso anzumerken wie die stilsichere Feder des Journalisten und die Routine des erfahrenen Reiseleiters. Dank dieser Kombination ist sein neues Israel-Buch eine äußerst empfehlenswerte Vorbereitungslektüre, die leicht, kurzweilig und mit großer Bereicherung zu lesen ist – spätestens auf dem Flug nach Tel Aviv.

Wolfgang Sotill: „Israel. 40 einfache Fragen, 40 überraschende Antworten“. Styria Verlag, Wien/Graz 2019, 240 Seiten, ISBN 978-3-222-13634-4, EUR 25,-