Berlin

Friedrich Schleiermacher: Identitätssucher in stürmischer Zeit

Der evangelische Denker Schleiermacher schrieb eine Vernunftreligion ohne Gott.

Friedrich Schleiermacher
Schleiermacher glaubte, dass sich in der Geschichte die Grenzen aufheben, wie auch sein Gottesbegriff eine ununterschiedene Einheit bildet. Foto: Adobe Stock

Friedrich Schleiermacher (1768–1834), der Erneuerer der protestantischen Theologie aus dem „Gefühl des Universums“, ist ein Name, an dem man auch im 21. Jahrhundert nicht vorbeikommt. Auf welchem Feld man ihn auch verorten möchte – Theologie, Philologie, Philosophie, Staatslehre, Pädagogik – er tritt überall mit ganz eigenständigen Beiträgen hervor und fügt der Frühromantik religiöse Tiefe zu. Andreas Arndt, emeritierter Philosophie-Professor an der Humboldt-Universität, die Schleiermacher so viel zu verdanken hat, hat ihm einen sehr instruktiven Band gewidmet, der trotzdem keine Biografie im eigentlichen Sinne ist und sein will. Persönliche Lebensstationen, wie die komplizierte Freundschaft zu Friedrich Schlegel, werden nur kurz erwähnt, die gleichfalls nicht unproblematische Ehe mit einer an Okkultismus interessierten Frau, die bereits Kinder in die Verbindung mitbrachte, kommt gar nicht vor – so interessant es wäre. Überhaupt war er jemand, der in Frauenbeziehungen geradezu aufblühte. Die Briefe, besonders die an Henriette Herz, geben so etwas wie den Spiegel der Zeit und sind äußerst aufschlussreich für das Verständnis der Epoche der Romantik. Im Buch aber bleibt der Mensch Schleiermacher, Sohn eines reformierten Feldpredigers, der eine mehrfach gestufte innere Entwicklung weg vom väterlichen Pietismus herrnhutischer Prägung durchlief, blass.

Der intellektuelle Werdegang von Friedrich Schleiermacher

Sein intellektueller Werdegang dagegen, die markanten Punkte seines Denkens, werden glänzend und in sorgfältiger Sprache dargestellt. Nicht einfach ist es, dem Hochbegabten, der aus den Jugendtagen in der Brüdergemeine her den Ruf zu inneren Umkehr schätzte, dann aber mehr und mehr dem Enthusiasmus rationale Einsicht entgegensetzen wollte, gerecht zu werden. Wie viele der Jüngeren begrüßte er die Französische Revolution, sah darin ein religiöses Ereignis von welthistorischer Bedeutung, das er in sein geschichtsphilosophisches Fortschrittsdenken integrierte. Auch die Jahre des Terrors in Frankreich, später die nach außen gerichtete Aggression der Republik konnten für ihn das grundsätzliche Einverständnis mit 1789 nicht infrage stellen. Entscheidend war, dass damit ein Reformprozess, der auf die Bildung der Menschheit zu universeller Humanität abzielte, in Gang kam. In der Wertung des Autors: „Die Revolution erfasst Denkart und Gesinnung und wird zur Reformation.“ Ist es naiv zu nennen, wenn Schleiermacher schreibt: „Nur in Revolutionszeiten, wo ein besserer Geist das Ganze durchschüttelte, und hernach in revolutionären Menschen findet sich das rechte“? Der zugleich als Universitätslehrer und Prediger Wirkende war nicht alleine mit seiner Sicht der Dinge.

„Anschauung ohne Gefühl ist nichts und kann weder den rechten Ursprung
noch die rechte Kraft haben, Gefühl ohne Anschauung ist auch nichts“
Friedrich Schleiermacher

Eher unbestimmt in dieser Darstellung bleibt der persönliche Gottesbegriff Schleiermachers. Das Christentum nannte er eine „Volksreligion von reiner Moral“, eine „Sammlung von Sittenregeln für jedermann brauchbar“, die aber durch die philosophische Vernunft begründet werden müsse. Dazu haben zwei Bewusstseinsakte ineinanderzufallen, denn „Anschauung ohne Gefühl ist nichts und kann weder den rechten Ursprung noch die rechte Kraft haben, Gefühl ohne Anschauung ist auch nichts: beide sind nur dann und deswegen etwas, wenn und weil sie ursprünglich ungetrennt sind“, wie er in der Zweiten Rede über die Religion schrieb. Erst zu dieser Zeit, 1799, vertritt er die Auffassung, Religion und philosophische Moral seien doch strikt trennbar. Immer mehr beschäftigte ihn die Frage, was geschehe, wenn religiöser Enthusiasmus auf die skeptische Vernunft trifft. In den „Reden über die Religion“ propagiert er eine Vernunftreligion, der man den Vorwurf machen kann, ohne Gott auszukommen: Mit Feuermut im Anfang, und der Orientierung auf das Ganze, das Universum zur Abminderung in der Folge. So kommt es, dass ihn theologische Gegner als ewigen Versöhner und Umarmer schmähen, der alle existenziellen Abgründe elegant überspringe. Arndt nennt das mitleidlos „Unterbestimmtheit“, zu Lebzeiten des Denkers sprach man von „Schleier-Macherei“.

Vom Standpunkt des Antipoden Hegel ist mangelnde begriffliche Schärfe natürlich bedenklich. Doch kann man argumentieren, dass Unschärfe im Politischen die Voraussetzung für Verständigung und Kompromiss schafft. In diesem Raum hat der seit 1810 an der neu errichteten Friedrich Wilhelms (heute Humboldt) Universität Lehrende erfolgreich und folgenreich gewirkt. Er, der stets vor „abgeschotteten einzelnen Disziplinen“ warnte und für den universalen Zusammenhang des Wissens eintrat, war von Anfang mit dem Projekt der Berliner Reform-Uni verbunden. Für Arndt sollte man daher überhaupt nur von der „Humboldt-Schleiermacherschen Universitätsidee“ sprechen, vom Leitbild kultureller Synthese getragen. Schleiermacher meinte, „dass sich in der Entwicklung der Menschheit Grenzen auflösen, die kulturelle Vielfalt (dagegen) bildet letztlich eine Einheit“. Eine solche, bis heute freilich etwas künstlich anmutende Einheit förderte er auch mit seinen Überlegungen zur dann 1817 beschlossenen Union der lutherischen und reformierten Kirchen Preußens.

Die Schleiermachersche Systematik ist verschwommen

Auf noch einem Gebiet war das am Ende hoch angesehene Mitglied der preußischen und bayerischen Akademie der Wissenschaften Vorreiter: Sein Satz „Alle Menschen sind Künstler“ nimmt das identische Statement von Joseph Beuys um 200 Jahre vorweg. Andreas Arndt: „Schleiermacher hat in seiner Ästhetik avantgardistische Elemente.“ Der Autor zieht ein in der Summe kritisches Fazit seiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit dem gebürtigen Breslauer, deren Frucht das vorliegende Buch ist: Nur auf den ersten Blick lasse die Schleiermachersche Systematik scharfe Konturen erkennen, dann aber verschwimme alles. Das habe seine Gründe: „Es sind zwei Seiten einer Medaille. Scharf gezeichnet ist, mit Schleiermacher zu sprechen, das ,Fachwerk‘ der Vernunfttätigkeiten. Wie es auszufüllen sei, lässt Schleiermacher jedoch vielfach offen.“ Geschichtsphilosophisch kann er das tun, weil für ihn die Idee des Fortschritts „in der Konstruktion der Geschichte a priori festgeschrieben sei“. Arndt: „Das Woher des Prozesses ist letztlich die Gottesidee als absolute, in sich nicht unterschiedene Identität, die auch das Wohin vorherbestimmt, das höchste Gut (oder, in der ,Dialektik‘, die Idee der Welt) als Einheit unter Einschluss der Gegensätze.“ Dafür müssen diese Gegensätze relativiert, der Fortschritt gleichsam garantiert werden. „Ein Scheitern ist theoretisch nicht vorgesehen.“ Damit sind Charme und Schwäche des Schleiermacherschen Modells gut beschrieben. Der Autor kann seinen Brotberuf nicht verleugnen, wenn er ein ums andere Mal die mangelnde begriffliche Schärfe seines Untersuchungsgegenstandes angreift.

Schleiermacher, der „aufs Ganze des menschlichen Selbst- und Weltverhältnisses“ abgezielt habe, mache es einem schwer, Handlungsanweisungen aus seinem luftigen Theoriegespinst herauszulesen. Arndt meint – und schließt damit seine gründliche Abhandlung, der hundert Seiten Anmerkungen und Literaturverzeichnis beigegeben sind – Schleiermacher müsse im wohlverstandenen eigenen Interesse quasi „verbessert“ werden. Da kann man gespannt sein, ob sich Andreas Arndt auch an den geistigen Widerpart Hegel trauen wird, der in diesem Jahr zu würdigen ist.

Andreas Arndt: Die Reformation der Revolution – Friedrich Schleiermacher in seiner Zeit.
Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2019, 324 Seiten, ISBN 978-3-95757-607-1, EUR 30,–

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