Würzburg

Erfüllung ist möglich

Ratgeberliteratur zählt zu den beliebtesten Genres auf dem Buchmarkt. Aus den unzähligen Angeboten ragt Jordan B. Petersons Buch hervor: Er will mit seinem Lebenshilfe-Buch mehr Wahrheit in die Welt bringen.

Eine Frau blättert auf einer Buchmesse in einem Buch
Ratgeberliteratur zählt heute zu den beliebtesten Genres auf dem Buchmarkt. Foto: Jens Kalaene (ZB)

Mit Lebenshilfebüchern ist das so eine Sache. Es gibt sie zuhauf, sie werden gekauft und gelesen. Und jedes Mal schwingen bei denen, die sie zur Hand nehmen, ganz große Hoffnungen mit. Worauf? Auf ein gelingendes Leben. Darauf, dass man anschließend klüger ist, weiser, geordneter, glücklicher – und endlich sein mehr oder weniges chaotisches Leben in den Griff bekommt. Da wimmelt es dann nur so von „Du sollst“, „Du kannst“ und „Du schaffst es“. An Ratgebern mangelt es in dieser so komplexen und auch wirren Zeit wahrlich nicht. Warum dann dieses Buch? Was ist das Besondere an Jordan Petersons „12 Regeln für das Leben“? Wieso sollte in diesem Werk etwas Wirksames enthalten sein, das tatsächlich „Ordnung und Struktur in einer chaotischen Welt“ (so der Untertitel) ermöglicht?

Zugegeben: Man muss sich ein wenig überwinden, ein mehr als 570 Seiten starkes, dickes Buch „zum Lernen“ in die Hand zu nehmen. Und tatsächlich: Der Autor holt bisweilen weit aus, führt einen zum Beispiel mal ebenso in die Weiten des philosophischen Denkens und die Welt kultureller Entwicklungen. Aber: Es lohnt sich dennoch, dieses Werk zu lesen – oder wenigstens das Wichtigste zu lesen. Warum? Weil die 12 Regeln letztlich verblüffend einfach und praktisch, ja einleuchtend sind.

Der Autor ist Psychologe und kennt offenbar viele menschliche Schwächen – auch und gerade aus eigener Erfahrung, was er nicht nur nicht verschweigt, sondern offen und ehrlich immer wieder reflektiert. Nicht nur das macht diesen Ratgeber – um das schöne Modewort einmal zu nennen – authentisch. Da begegnet einem jemand, der offensichtlich viel mitten aus dem Leben erzählt, so als säße er einem gegenüber. Ein Mensch, ein Christ, ein Suchender, der zu berichten weiß, dass man sein Leben bessern kann und am besten heute damit anfängt.

Manchmal auch die eigenen Wertvorstellungen prüfen

Und das sind – kurz gefasst – die Regeln, die einem helfen können, gesundes Selbstbewusstsein mit realistischer Tatkraft für sich – und damit auch für andere – zu leben: 1: Steh aufrecht und mach die Schultern breit. 2: Betrachte dich als jemanden, dem du helfen musst. 3: Freunde dich mit Menschen an, die es gut mit dir meinen. 4: Vergleiche dich mit dem, der du gestern warst, nicht mit irgendwem von heute. 5: Lass nicht zu, dass deine Kinder etwas tun, das sie dir unsympathisch macht. 6: Räum erst einmal dein Zimmer auf, eher du die Welt kritisierst. 7: Strebe nach dem, was sinnvoll ist (nicht nach dem, was vorteilhaft ist). 8: Sag die Wahrheit – oder lüge zumindest nicht. 9: Gehe davon aus, dass die Person, mit der du sprichst, etwas weiß, was du nicht weißt. 10: Sei präzise in deiner Ausdrucksweise. 11: Störe nicht deine Kinder beim Skateboard fahren. 12: Läuft dir eine Katze über den Weg, dann streichle sie.

Immer wieder begegnet man sogenannten Binsenweisheiten, die aber – und da ist die Erzähllust des Autors dann eben doch hilfreich und führt dazu, dass man irgendwie selbst darauf kommt – wie die Wichtigkeit eines geregelten Tagesablaufes oder den Mut, „eigenen Gefühlen ins Gesicht zu sehen“. Oder: „Unterschätzen sie nicht, was ein klarer Blick und ein Ziel ausrichten können. Mit diesen Werkzeugen verwandeln Sie unüberwindliche Hindernisse in einen gangbaren Weg. Stärken Sie den Einzelkämpfer in sich. Fangen Sie bei sich an. Achten Sie auf sich. Legen Sie fest, wer Sie sind. Schärfen Sie Ihre Persönlichkeit. Wählen Sie Ihr Ziel und formulieren Sie Ihr Dasein.“

Oder auch dies: „Freundschaft funktioniert nur auf Gegenseitigkeit... Man sollte sich Leute aussuchen, die ganz allgemein gute Absichten verfolgen, keine schlechten.“ Immer wieder rät der Autor zum Realismus und kleinen Schritten, um dann irgendwann doch eine große Reise geschafft zu haben: „Nimm dir nur vor: Bis heute Abend habe ich mein Leben ein bisschen besser gemacht, als es heute Morgen beim Aufstehen war.“ Denn: „Worauf du zielst, bestimmt, was du siehst.“

Beispiele aus dem Alltag bezeugen die Machbarkeit

Dem Buch fehlt gleichwohl jede frömmelnde Penetranz, wenngleich auch immer wieder durchschimmert, dass es mehr gibt als nur Wissen. Dann leuchtet plötzlich eine Beschreibung von Glauben auf, der das Erkennen ermöglicht, dass „der tragischen Irrationalität des Lebens mit einem gleichermaßen irrationalen Beharren auf den essenziell guten Seiten des Daseins begegnet werden muss“. Oder ganz „einfach“: „Lassen Sie sich von Ihrer Seele leiten und schauen Sie, was in den folgenden Tagen und Wochen passiert... Vielleicht erkennt Ihre unverderbte Seele die pure Existenz als etwas Gutes, als etwas, das es – bei aller Verletzlichkeit – zu feiern gilt.“ Und die Arbeit, die man mit sich hat, lohne sich immer, weil in ihr der Sinn liege, „in der Gegenwart zu opfern, um dadurch in der Zukunft Vorteile zu erlangen“.

Achtsamkeit, Liebe zur Sprache und zum genauen Wort, Empathie gegenüber sich selbst und vor allem auch für andere, Disziplin und Angstfreiheit – Peterson bietet unzählige Beispiele aus dem Alltag an, um die Machbarkeit eines nicht immer einfachen, aber doch lohnenden Weges aufzuzeigen und dazu einzuladen. Mag sein, dass in diesem Buch nicht wirklich etwas ganz Neues steht. Aber es ist so – man möchte sagen – lichtvoll zu lesen, dass man immer wieder zustimmen möchte.

Und wer wollte widersprechen, wenn es an einer Stelle heißt: „Wenn die Welt, die man sieht, nicht der entspricht, die man sehen möchte, dann ist es an der Zeit, die eigenen Wertvorstellungen zu überprüfen. Es ist an der Zeit, sich von seinen gegenwärtigen Vorannahmen zu befreien. Es ist an der Zeit loszulassen. Es könnte sogar an der Zeit sein, das, was einem am liebsten ist, zu opfern, sodass man der werden kann, der man werden könnte, anstatt der zu bleiben, der man ist.“

Nicht an Ideologie festklammern

Es ist ein Buch, das Mut machen will – auch und gerade zur Wahrheit. Denn diese zu sagen, bedeute, „die bewohnbarste Realität herbeizuführen, eine, in der man sich aufhalten oder leben kann“. Die Wahrheit, so Peterson, „entspringt immer wieder aufs Neue den tiefsten Quellen des Seins. Sie wird Ihre Seele davor bewahren zu verdorren und zu sterben, wenn Sie der unausweichlichen Tragödie des Lebens begegnen.“

Für dieses – schon etwas zu umfangreich gewordene und dennoch spannende – Ratgeberbuch ist dieser Ratschlag vielleicht eine Kernaussage: „Wenn Ihr Leben nicht das ist, was es sein könnte, dann versuchen Sie die Wahrheit zu sagen. Wenn Sie sich verzweifelt an eine Ideologie festklammern oder im Nihilismus waten, versuchen Sie die Wahrheit zu sagen. Wenn Sie sich schwach und verschmäht fühlen, verzweifelt und verwirrt, versuchen Sie die Wahrheit zu sagen. Im Paradies sagt jeder die Wahrheit. Das macht es zum Paradies.“

Kühn steht auf dem Buchdeckel die Behauptung: Dieses Buch verändert Ihr Leben! Nun ja. Es kommt darauf an, ob man sich einlässt auf wenigstens einige dieser interessanten Gedanken und Anregungen eines Menschen- und Lebenskenners, der seine faszinierende Intellektualität als Gebildeter mit der Sprache des ganz normalen Alltags zu verbinden versteht, weil er spürbar fest davon überzeugt ist, dass man mitten in einer chaotischen und verwirrenden wie verführerischen Welt gelassen und mutig seinen Weg des Lichtes und der Erfüllung finden und gehen kann.

Jordan B. Peterson: 12 Rules for Life. Ordnung und Struktur in einer chaotischen Welt. Goldmann Verlag, München 2018, 575 Seiten, ISBN-13: 978-344231-514-7, EUR 20,–