Würzburg

Die Weisheit der Väter

Michael Fiedrowicz legt mit den Kirchenväter-Vorlesungen Freppels eine patristische Apologetik vor.

Charles-Émile Freppel
Zu den markanten katholischen Streitern gegen den Laizismus gehörte Charles-Émile Freppel. Foto: Hermann Luyken

Seit dem 18. Jahrhundert stehen dem Christentum in Europa feindselige oder indifferente Kräfte gegenüber, die den Wahrheitsgehalt seiner Offenbarung bestreiten und seinen Einfluss zurückdrängen wollen. Einen Höhepunkt erreichte diese Entwicklung in der Französischen Revolution, deren radikale Vertreter nichts weniger als die völlige Ausrottung der christlichen Religion versuchten. Aufgrund dieser traumatischen Erfahrung artikulierte sich die Opposition gegen diesen Trend früh in Frankreich.

Den Glauben mit patristischen Studien verteidigen

Zu den markanten katholischen Streitern gegen den Laizismus gehörte Charles-Émile Freppel (1827-1891). Mit seinen patristischen Studien wollte er den Glauben in seiner Zeit verteidigen. In seinen Kirchenväter-Vorlesungen, die er 1857 bis 1869 an der Sorbonne hielt, zeichnete er nach, wie sich das Christentum und seine Vordenker in einer feindseligen Umwelt behaupteten und so den Triumph der Kirche in der Spätantike vorbereiteten. Eine repräsentative Auswahl aus diesen Texten liegt nun in einer deutschen Erstübersetzung vor.

Der Trierer Patrologe Michael Fiedrowicz führte als Herausgeber und Übersetzer zudem in Leben und Werk des französischen Theologen ein. Später, bereits Bischof von Angers, gründete er die dortige katholische Universität und erwarb sich als Abgeordneter im französischen Parlament Verdienste im Kampf gegen die kirchenfeindliche Politik der Dritten Republik.

Freppel gehörte zu den antiliberaler Katholiken seiner Zeit

Freppel gehörte zu den entschieden antiliberalen Katholiken seiner Zeit. Man setzte nicht auf Dialog, sondern auf Kampf. Was Freppel über den heiligen Ambrosius sagte, kann als ein idealisiertes Selbstporträt herhalten: „Er liebte leidenschaftlich die Wahrheit und er fürchtete nicht, sie auszusprechen, auch mit dem Risiko, denen zu missfallen, die sie nicht ertragen konnten.“ Mit seiner intransigenten Haltung stand der zeitlebens als Monarchist bekannte Freppel jedoch in Konflikt mit der versöhnlichen Linie Leo XIII.

Die in diesem Band versammelten Vorträge richten sich in erster Linie nicht an Studenten oder Fachpublikum, sondern interessierte gebildete Laien und Kleriker. Bestechend ist auch der in der Übersetzung rhetorisch durchgeformte, lebendige Stil. Freppel beweist zudem durchgängig seine Belesenheit in der paganen und christlichen Literatur des Altertums. Jedoch ist eine gewisse Langatmigkeit zu beklagen. Die Sammlung konzentriert sich auf die frühchristlichen Apologeten, wobei er die historischen Rahmenbedingungen ebenso reflektiert wie die diversen argumentativen Strategien, mit denen diese Intellektuellen ihrer feindlichen Umwelt begegneten. Entschieden widersetzt sich Freppel in seinen Vorlesungen relativierenden Erklärungsmodellen, die den Aufstieg des Christentums rein rational begründen wollten, und hebt stattdessen das übernatürliche Moment der Verbreitung der Kirche in der Antike hervor.

Wichtig sind Freppels Ausführungen zum Problem der Religionsfreiheit

Wichtig sind Freppels Ausführungen zum Problem der Religionsfreiheit. Im 19. Jahrhundert wurden in manchen kirchlichen Kreisen Frankreichs die frühchristlichen Apologeten, die von den politischen Instanzen ihrer Zeit religiöse Duldung erbeten hatten, als Vorläufer für ein modernes Konzept von Religionsfreiheit in Anspruch genommen, das letztlich auf eine gesetzliche Gleichstellung aller Glaubensrichtungen hinausläuft.

Freppel stellt dagegen heraus, dass die Apologeten keineswegs im Sinn hatten, den heidnischen Kulten das gleiche Existenzrecht wie ihrer eigenen Religion zuzugestehen. Vielmehr hätten sie Freppel zufolge pragmatisch die Rahmenbedingungen ihrer Epoche – die grundsätzlich jeden noch so abwegigen Kult frei gewähren ließ – nutzen wollen, um so die Ausbreitung des Christentums zu fördern. Er bezog damit Position in einer Streitfrage, die bis heute diskutiert wird. Auch wenn man sich heute die antiliberale Position nicht zu eigen machen will, muss man einräumen, dass zumindest Freppels Interpretation der frühchristlichen Zeugnisse Beachtung verdient.

Mehr Differenzierungsvermögen gewünscht

Jedoch würde man sich an manchen Stellen weniger glänzende Rhetorik und mehr Differenzierungsvermögen wünschen. Freppels Bild von der völligen sittlichen Dekadenz des heidnischen Roms ist als verzerrt anzusehen. Wenn man die römische Sittengeschichte aus den Werken Juvenals, Martials und Petrons rekonstruiert, handelt es sich um die Darstellung von Satirikern, deren literarische Überspitzungen bestimmten Argumentationsabsichten dienten. Anzufragen wäre auch, ob die frühchristlichen Apologeten wirklich ein realistisches Bild liefern, wenn sie die christlichen Gemeinden als makellose Idealgebilde darstellen. Damit ist zu fragen, ob die „Aktualisierung der patristischen Autoren“ von Freppel nicht zu weit getrieben wird.

Diese Vereinfachungen, die zur Gattung der Apologetik dazugehören, mindern nicht den grundsätzlichen Wert der vorliegenden Sammlung. Michael Fiedrowicz bewährt sich damit einmal mehr als findiger Forscher, der interessante Texte des ultramontanen Katholizismus des 19. Jahrhunderts der Vergessenheit entreißt und neu zugänglich macht.

Charles-Émile Freppel: Apologetik des katholischen Glaubens. Textauswahl aus den Kirchenväter-Vorlesungen. Michael Fiedrowicz(Hrsg.), Carthusianus Verlag, Fohren-Linden 2018,

Broschur, 258 Seiten,

ISBN 978-3-941862-26-5, EUR 19,80