Würzburg

Das Herz voller Glut

Philipp Neri könnte die Kirche auch heute viel lehren. Das zeigt die Neuausgabe einer berühmten Biographie über den Heiligen von Pietro Giacomo Bacci.

Philipp Neri
Darstellung des heiligen Philipp Neri auf einem Gemälde von Giovan Francesco Barbieri, 1656, im Nationalmuseum von San Marino. Foto: Stefano Bolognini

Im Zuge der Heiligsprechung John Henry Newmans im Oktober 2019 rückt auch der von ihm geliebte heilige Philipp Neri wieder in den Blick. Newman hatte ihn als persönlichen Patron gewählt, sowie eine Novene, Gedichte und Gebete zu ihm verfasst. Aber wichtiger: Er griff die geniale Idee Philipp Neris auf, Geistliche in ein Oratorium, ein gemeinsames Haus mit gemeinsamem Gebetsleben, einzugliedern und damit die Seelsorge wirksamer zu machen, nämlich die Priester aus ihrer gefährdenden Vereinzelung zu lösen. Newman selbst gründete nach seiner Konversion ein solches Oratorium in der Industriestadt Birmingham, wo er auch 1890 begraben wurde und wo heute sein Nachlass bewahrt wird. Der Einfluss dieses Oratoriums auf die Neu-Katholisierung Englands war und ist hoch.

Umso schöner, dass die Idee auf den Kontinent übersprang, genauer: auf Deutschland und Österreich. Als Maria Knoepfler, die hochbegabte Übersetzerin, die bei Pfarrer Josef Weiger in Mooshausen als Haushälterin wirkte, Newmans Werk über den heiligen Philipp Neri übersetzte (erschienen 1922), zündete der Gedanke bei einer Gruppe junger Theologiestudenten in Innsbruck, allen voran bei Heinrich Kahlefeld, dem späteren Mitarbeiter Guardinis. Von dort aus entstand ein erstes deutsches Oratorium in Leipzig mit großer Ausstrahlung, weitere folgten: in München, Dresden, Frankfurt, Heidelberg. Auf dem Münchner Oratorianer-Friedhof befand sich auch bis 1997 das Grab Guardinis, das dann nach St. Ludwig, in die Universitätskirche, verlegt wurde.

Gewährsmann für eine von Christus entzündete Kirche

Im Wiener Oratorium St. Rochus entstand nun die Neuausgabe einer berühmten Biographie des Heiligen durch Pietro Giacomo Bacci (1575–1656). Bacci, selbst im römischen Oratorium eingetreten, der aber seinen Ordensvater persönlich nicht kennenlernte, fasste vorangegangene Forschungen und Zeugenberichte kurz vor der Heiligsprechung Neris 1622 zusammen; sein Standardwerk erfuhr in dreihundert Jahren 140 Neuauflagen und gilt stilistisch als elegant. Bis heute dient es zur täglichen Tischlesung weltweit in den Oratorien. Der Inhalt gliedert sich in sechs Kapitel auf: 1. Das Leben Philipp Neris, geboren 1515 in Florenz, bis 1583, 2. seine Tugenden, besonders die Verehrung Marias und der Heiligen, das Gebet, die Nächstenliebe und Demut, 3. seine Geistesgaben, darunter Herzensschau und Klugheit sowie Ekstasen und Visionen, auch der Gottesmutter, 4. Krankheit und Tod, 5. Wunder zeit seines Lebens, 6. Wunder nach dem Tod 1595 und an seinem Grab in der prachtvollen Chiesa Nuova in Rom. Die vorliegende deutsche Übersetzung durch Alexander Wagensommer wurde von Pater Paul Bernhard Wodrazka C.O. und Markus Dusek nach der bestverifizierten florentinischen Ausgabe von 1851 herausgegeben und mit einer umfangreichen Einleitung zu der Genealogie des Werkes und seiner verschiedenen Editionsstufen sowie mit zahlreichen Fußnoten versehen. Das 700 Seiten starke Buch wird von 44 Stichen aus dem Leben Philipp Neris, die dem 17. Jahrhundert entstammen, aufgelockert. Ein schönes Vorwort Martin Mosebachs weist besonders auf den katholischen Typus der Verbindung von Religion und Kultur, von Charisma und Charme bei dem Stadtpatron Roms hin – einer Verbindung, die bis hin zu Philipps Inspiration barocker Kunst und geistlicher Musik, so seines Freundes Palestrina, reichte.

Ob die asketische „Schule des heiligen Philipp“ heute zünden könnte? Damals rettete sie wieder einmal die Kirche – nach dem Trienter Reformkonzil, als sie sich nach der Spaltung durch die Reformation neu aufbauen musste. So wäre Philipp wohl auch heute ein dringend nötiger Gewährsmann für eine Christus gehörige und gehorsame und von ihm entzündete Kirche.

Von den außergewöhnlichen Zügen seiner Gestalt, von denen zahllose erstaunliche erzählt werden, sei nur die eine erwähnt: 1544 brach der Heilige Geist in Gestalt einer Feuerkugel in Philipps Herz ein. Er entbrannte so sehr in Liebe, dass sich sein Herz ausdehnte und zwei Rippen nach außen drängte. Diese Ausbuchtung war nicht nur sichtbar, sondern sie zwang ihn auch, bei häufigen Hitzeanfällen sein Gewand zu öffnen, um abzukühlen. Solche Berichte können als Lektüre ein ganzes Jahr begleiten und möglicherweise Vertrocknetes wieder in Brand setzen.

Pietro Giacomo Bacci: Leben des heiligen Philipp Neri.
Hrsg. von Markus Dusek und Paul Bernhard Wodrazka. Mit einem Vorwort von Martin Mosebach.
Eos Verlag, St. Ottilien 2019, 705 Seiten, 44 Abbildungen, Paperback,
ISBN 978-3-8306-7936-3, EUR 39,95

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