Berlin

Caligula: Der vielleicht verrückte Kaiser

War Caligula doch nicht so schlimm? Der Althistoriker Aloys Winterling sieht Anzeichen dafür.

Kaiser Caligula
Holte sich den Brustpanzer aus dem Grab Alexander des Großen: Kaiser Caligula. Auch wenn er als zurechnungsfähig gelten kann, so gab es doch unübersehbare Anzeichen hybrishafter Selbstüberhebung. Foto: Adobe Stock

Viele römische Kaiser waren unsympathisch. Aber dieser war ein Scheusal, ein sadistischer Irrer. Er ernannte sein Lieblingspferd zum Konsul, trank in Essig aufgelöste Perlen und schlief zu allem Überfluss auch noch mit seiner eigenen Schwester. Caligula, der dritte Kaiser Roms (37–41), gilt spätestens seit Seneca und Tacitus als „Bestie“.

Aber stimmt dieses Bild? War Caligula vielleicht gar nicht so verrückt wie die antiken Quellen es suggerieren? Hatte er für alles, was er tat, vielleicht sogar sehr rationale Gründe? Von dieser Annahme geht der Althistoriker Aloys Winterling (HU Berlin) aus. Eine seiner Grundannahmen ist dabei nicht leicht von der Hand zu weisen: Wenn Caligula wirklich unzurechnungsfähig gewesen wäre, dann hätte es keine Schwierigkeiten bereiten sollen, ihn abzusetzen (man denke nur an Ludwig II.). Zudem kann Winterling mit guten Argumenten aufzeigen, dass die antiken Historiker manche Handlungen Caligulas verzerrt darstellten und einige Vorwürfe (wie der des Inzests) wohl aus der Luft gegriffen sind. Aber auch so bleibt vieles, was den Vorwurf der „Verrücktheit“ auf den ersten Blick zu rechtfertigen scheint. Wenn aber Caligula genau wusste, was er tat, warum tat er es dann?

Caligula: Ein vom politischen System genervter Zyniker

Für Winterling war Caligula ein genervter Zyniker, der seinen Unmut über die Rahmenbedingungen seiner Herrschaft artikulierte. Von dieser Annahme ausgehend, stellt Winterling sachkundig die Eigenheiten des von Caligulas Vorvorgänger Augustus begründeten römischen Prinzipats dar, der formal keine absolute Monarchie war, sondern in einer Reihe von Sondervollmachten bestand, die dem jeweiligen neuen Prinzeps von den fortbestehenden republikanischen Institutionen zu Beginn seiner Amtszeit zugebilligt wurden. Ihm diese Vollmachten zu verweigern, kam freilich real nie in Betracht, da er die Unterstützung der Armee besaß. Umgekehrt waren die Mitglieder der republikanischen Aristokratie unverzichtbar für die Besetzung administrativer und militärischer Führungspositionen. Um den Schein zu wahren, musste der Kaiser also seine Allmacht verschleiern. Daraus ergab sich eine „doppelbödige Kommunikation“ zwischen dem Kaiser und den alten Eliten, die sich unablässig ihrer wechselseitigen Freundschaft zu versichern hatten, was natürlich ein gerütteltes Maß an Heuchelei und Verstellung mit sich brachte.

Nach Winterling bestand Caligulas Witz darin, dass er dieses System als Lüge entlarvte. Dies zum einen dadurch, dass er manche übertriebene Huldigungen scheinbar wortwörtlich nahm: Einen Senator, der ihm ohne viel Nachdenken erklärte, er sei bereit, für den Kaiser zu sterben, ließ er umgehend hinrichten. Zum anderen dadurch, dass er den Senatoren ihre Machtlosigkeit ganz offen vor Augen führte, indem er sie öffentlich demütigte – worauf sie nur mit Lobpreisungen des Prinzeps antworten konnten, was ihre Demütigung noch verstärkte. Wenn Caligula ein Pferd zum Konsul ernannte, dann war das ein solcher Akt der Demütigung. Denn hier wurde augenfällig, was im Grunde jeder wusste: Das höchste Amt der alten Republik hatte im Prinzipat jede realpolitische Bedeutung verloren; der wiehernde Konsul Incitatus war für diese Position also ebenso gut geeignet wie irgendein altadeliger Patrizier. Zudem betonte der Kaiser ganz indezent seine tatsächliche monarchische Stellung. Wenn er sich aus dem Grab Alexanders des Großen dessen Brustpanzer beschaffen ließ und damit öffentlich auftrat, war das eine unmissverständliche Botschaft.

Für die Senatoren war Caligulas Kaisertum eine traumatisierende Erfahrung. Ihre Perspektive kommt in den erhaltenen Quellen zum Ausdruck. Bei der breiten Masse der Bevölkerung war der Kaiser aber eindeutig beliebt. Dass die alten Eliten nach dem Tod Caligulas keine Rückkehr zur Republik in Angriff nahmen, entlarvte ihr Freiheitspathos als hohl. Winterling bringt es gut auf den Punkt: „Das Kaisertum wollte niemand, Kaiser sein wollten alle.“ Während die Senatoren noch über Caligulas Nachfolge stritten, hatte die Prätorianergarde längst Tatsachen geschaffen und Caligulas Onkel Claudius zu dessen eigenem Erstaunen auf den Thron gehoben.

Zurechnungsfähig, aber Anzeichen von Größenwahn

So sehr Winterlings Gesamtbild auch überzeugt, so sind im Einzelnen doch Fragen angebracht. Zum einen übertreibt er doch wohl die Planmäßigkeit von Caligulas Vorgehen. Dass der junge Kaiser – der mit 24 auf den Thron kam und noch vor seinem 30. Geburtstag ermordet wurde – wirklich ein bis ins Letzte ausgefeiltes Konzept kaiserlicher Herrschaft vertrat, darf man bezweifeln. Man wird mit mehr Spontaneität und Willkür rechnen dürfen als Winterling es tut. Zum anderen wird man bezweifeln dürfen, dass Caligulas absichtsvolles Handeln wirklich im Ganzen vernünftig war. Der Kaiser schuf sich permanent Todfeinde; er hätte sicher länger gelebt, wenn er darauf verzichtet hätte. Außerdem bleibt die Definition des Wahnsinnsbegriffes etwas vage.

Selbst wenn man Winterling darin zustimmt, dass Caligula zurechnungsfähig war, schließt das das Vorliegen von „Caesarenwahnsinn“ (der eben kein Begriff der klinischen Medizin ist) nicht aus. Anzeichen hybrishafter Selbstüberhebung sind bei Caligula nicht zu übersehen. Winterling redet sie ebenso ungebührlich klein wie die Indizien für reale psychopathologische Krisen des Kaisers. Man fühlt sich bei Caligula durchaus an moderne Diktatoren wie Stalin oder Saddam Hussein erinnert. Winterlings Quellenkritik variiert in ihrer Schärfe auffällig. Was Caligula belastet, wird tendenziell kleingeredet; hinsichtlich anderer Kaiser ist der Autor weniger kritisch – das betrifft vor allem die angeblichen Schandtaten des Tiberius oder auch das Gerücht, Claudius sei durch ein Pilzgericht ermordet worden.

Dennoch: „Caligula“ ist ein scharfsinniges und unterhaltsames Buch, auch wenn die vorgeschlagene Neuinterpretation des dritten römischen Kaisers nicht in allen Details überzeugen kann.

Aloys Winterling: Caligula. Eine Biographie.
C. H. Beck, München 2019, broschiert, 208 Seiten, ISBN 978-3-406-74269-9, EUR 16,–

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