Aus den Theologischen Zeitschriften

Das koptische Ägypten

Ein umfangreiches Sonderheft der archäologischen Zeitschrift Antike Welt (6/2019 Verlag Philipp von Zabern / Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt) ist dem koptischen Ägypten gewidmet (136 Seiten mit 106 Farb- und 6 s/w-Abbildungen). Der Ägyptologe und Koptologe Siegfried G. Richter, Universität Münster, und der Fotograf Jo Bischof haben eine faszinierende und informative Einführung in die Geschichte und heutige Lebenswelt der Christen in Ägypten vorgelegt. Mit Kopten

sind heute diejenigen ägyptischen Christen gemeint, die sich nach dem Konzil von Chalkedon (451) abgespalten haben, da sie die christologischen Lehraussagen nicht anerkennen wollten. Heute wird die Anzahl der koptischen Christen in Ägypten auf sechs bis sieben Prozent geschätzt. Vor der Islamisierung durch die Eroberung im 7. Jahrhundert war Ägypten eines der ersten fast vollständig christianisierten Länder überhaupt. In der Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian (ab 284 n. Chr.) haben zahlreiche Christen ihre Ablehnung der Verehrung des Kaisers als Gottheit mit dem Tode bezahlt. Wer als Christ Ägypten besucht, sollte sich nicht nur für das Reich der Pharaonen interessieren, sondern auch

für die Kultur der Christen im Land am Nil. Dieses Sonderheft informiert dazu hervorragend über die spätantike-byzantinische Epoche, über die Anfänge des Mönchtums in Ägypten, das heutige monastische Leben, das Antoniuskloster, das Jeremiaskloster in Sakkara, das weiße Kloster von Sohag, die koptische Sprache, die gnostische Bibliothek von Nag Hammadi, den Manichäismus und das Leben der Kopten im heutigen islamisch geprägten Ägypten.

Verwirrung in der Kirche

Mehrere Beiträge in der Herder Korrespondenz (10/2019 Verlag Herder Freiburg) spiegeln den augenblicklichen innerkirchlichen Zustand aufgeregter Verwirrung, ohne jeweils die argumentative Kraft und kirchliche Gesinnung aufzuweisen, dieser entgegentreten zu können, beziehungsweise sich deren tieferen Ursachen zu stellen. Von der Gefahr einer Kirchenspaltung spricht Benjamin Leven und nennt als Schlagworte Sexualmoral, Ehescheidung, Ehelosigkeit der Priester und Gender-Theorien.

Von synodalen Zerfallsprozessen

In diesem Zusammenhang wird die anglikanische Bischofsversammlung 2020 mit Spannung erwartet, die „wegen des Streits über den Umgang mit Homosexuellen“ gespalten ist. Ebenso in sich zerfallen erweisen sich die Methodisten. In Deutschland hat Kardinal Marx zusammen mit dem Zentralkommitee der deutschen Katholiken vor, genau diese Themen zum Gegenstand einer nationalen Synode zu machen, die nicht so genannt werden darf, weil sie sonst den kirchenrechtlichen Normen für eine Synode unterworfen wäre. Diese Unternehmung wird zur (Selbst)-Entmachtung der Bischöfe führen und kann keine universalkirchlichen Fragen behandeln. Hierzu der Verfasser: „Dass man in Rom alarmiert ist, wenn Ortskirchen ,verbindliche Beschlüsse‘ über Frauen in der Kirche herbeiführen möchten, ist nicht verwunderlich, sieht sich doch die Kurie nicht zuletzt als Hüterin der Einheit der Weltkirche.“

Primat der Orts- oder der Universalkirche?

Damit beginnen bereits die Zweideutigkeiten: Ist die Kurie als Organ des Papstes legitimiert, die Einheit der Kirche zu bewahren oder „sieht sie sich nur so“? Der Verfasser fährt fort: „Die alten Mechanismen der Einheit funktionieren nicht mehr. Im Lauf der Kirchengeschichte hat sich das Papsttum zum zentralen Einheitsprinzip des Katholizismus entwickelt.“ Auch wenn Kardinal Kasper stets gegen diese Wahrheit Sturm gelaufen ist, so geht in der Kirche von Anfang an die Universalkirche der Ortskirche voraus. Das Einheitsprinzip steht am Anfang. Wohin die These von Kasper führt, wird uns ja gerade vor Augen gehalten. Ist erst einmal der Papst als letzte Instanz relativiert, dann kann man auch, wie der Verfasser, ungeschützt sagen: „Der Versuch von Papst Johannes Paul II., die Diskussion um die Frauenweihe mit seinem Schreiben ,Ordinatio Sacerdotalis‘ … zu beenden, ist allerdings gescheitert.“

Damit werden die Tatsachen verdreht, denn eigentlich müsste es heißen, wer diesen obersten Lehrentscheid nicht anerkennen kann, hat den Boden des katholischen Glaubens verlassen. Stattdessen wird auf die Debatte über die „Relativierbarkeit von Lehrentscheidungen“ verwiesen, das heißt, das Lehramt von Papst und Bischöfen wird den Theologieprofessoren und ihren jeweiligen Hypothesen anvertraut. Damit wird die durch die Zeiten mit sich selbst identische apostolische Kirche durch die Expertenkirche ersetzt. Am Ende dämmert dem Verfasser zumindest, dass es dann mit der „einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche“ und ihrer Einheit im Glauben dahin ist, wenn es nur noch darauf ankommt, was die Mehrheit der Theologen gerade für konsensfähig hält: „Doch nach welchen Kriterien entscheidet man, welche Veränderungen legitim sind? Und vor allem: Wer entscheidet das?“

Im übrigen ist zur These von der langsamen geschichtlichen und damit nicht notwendigen Entwicklung des päpstlichen Universalprimates auf das Beispiel des heiligen John Henry Newman zu verweisen. Aus dem unvoreingenommenen Studium der Quellen über den Arianismus und das Konzil von Chalkedon ging dem anglikanischen Theologen der Primat das Papstes in der frühen Kirche auf: „Ich sah, wenn die Frühzeit mein Führer sein sollte, dass der Papst eine ganz andere Stellung in der Kirche hatte, als ich es angenommen hatte. Als dieser Verdacht sich einmal recht in meinem Geist festgesetzt hatte und als ich die Tatsachen der Geschichte für mich betrachtete, da fiel das ganze englische System auf allen Seiten rings um mich zusammen, der Boden zerbröckelte unter meinen Füßen, und in kurzer Zeit fand ich mich in einer veränderten Szenerie“ (vom 18. Juli 1844, in der Übersetzung von Edith Stein).

Ohne eine Antwort auf die Frage nach der Letztinstanz gegeben zu haben – welche auch – muss aber noch den sogenannten Konservativen mangelnde Glaubwürdigkeit unterstellt werden: „Zudem haben zuletzt auch konservative Katholiken kräftig am Papstamt als Einheitsgaranten gerüttelt: Die größten Kritiker von Papst Franziskus stammten aus dem konservativen Lager.“ Gegen dieses Scheinargument lässt sich ein Satz aus dem Beitrag von Ludwig Ring-Eifel, Chefredakteur von KNA, aus diesem Heft anführen. Dort werden Papst Benedikt XVI. und sein Nachfolger Papst Franziskus als Faktoren benannt, die die gegenwärtige schwere Krise „beschleunigt“ hätten: „Beide haben zu einer rasanten Dekonstruktion des Papstamtes binnen weniger Jahre beigetragen und damit einen Fixpunkt der katholischen Kirche (aber auch der protestantischen Kirchen) ins Wanken gebracht. … Nachdem bereits Benedikt XVI. durch seinen Rücktritt das Papstamt in der allgemeinen Wahrnehmung schockartig ,normalisierte‘ (man wird hineingewählt und tritt zurück, wenn die Kräfte schwinden), hat Franziskus mit seiner Verflüssigung und Relativierung des Papsttums dem bereits arg verwitterten ,Felsen‘ einen weiteren kraftvollen Stoß versetzt. Das über Jahrhunderte bewährte Prinzip des Roma locuta, causa finita (Rom hat gesprochen, die Sache ist erledigt) ersetzt er durch ein neues, das sich am ehesten als Roma locuta, disputatio aperta (Rom hat gesprochen, die Diskussion ist eröffnet) umschreiben lässt.“ Dies zeigt leider auch die Wirkung des Briefes von Papst Franziskus an die deutschen Bischöfe, in dem einige Vorbehalte gegenüber dem „Synodalen Weg“ benannt wurden. Der Brief führte zu keiner Kursänderung. Nach einem persönlichen Gespräch mit dem Heiligen Vater versicherte Kardinal Marx, dass der eingeschlagene Kurs mit neuem Rückenwind fortgesetzt werde. Wie im Beitrag von Lucas Wiegelmann in selbigem Heft zu erfahren ist, zog Papst Franziskus bei der Vorbereitung des Briefes auch Kardinal Kasper beratend hinzu. Dieser äußerte sich danach mit einem mulmigen Gefühl gegenüber den Absichten der Mehrzahl deutschen Bischöfe: Über die Aufnahme des Schreibens zeigte sich Kasper „gelinde gesagt erstaunt“. Man habe den Brief des Papstes „zur Seite gelegt und weitergemacht, wie schon zuvor geplant … Doch ohne Erneuerung aus dem Glauben gehen alle noch so gut gemeinten strukturellen Reformen ins Leere.“

Teil eines Haufens oder Glieder des Leibes Christi?

Der Kardinal bezeichnete es als „verhängnisvolle Selbsttäuschung“, zu versuchen, „mit strukturellen Reformen allein wieder neue Glaubensfreude wecken zu können. Das kann am Ende nur zu neuer, noch tieferer Enttäuschung führen.“ Kardinal Kasper ist hier ein unverdächtiger Zeuge, denn er ist als Ermutiger und Verfechter der Zulassung wiederverheiratet Geschiedener zur Kommunion samt ihrer nicht katholischen Ehepartner, sowie der Infragestellung der Unauflöslichkeit des Ehebundes und der generellen Interkommunion für viele folgenschwere Infragestellungen der Glaubenslehre mitverantwortlich. Leider bleibt die Wortmeldung von Kardinal Kasper zweideutig, da sie kein klares Bekenntnis zur theologischen Prinzipienlehre enthält. Licht für die verwirrten Gläubigen kommt vom soeben durch die Kirche heiliggesprochenen Kardinal Newman.

Noch bevor aus dem Geist Newmans der Ursprung der aggressiven sogenannten Reformthesen aus dem Liberalismus geklärt werden muss, und die Theologie jenseits von Fideismus und Rationalismus in ihre Rechte wieder eingesetzt wird, muss mit Newman auf die zersetzende Wirkung der Spaltung unter den Bischöfe und den Gläubigen hingewiesen werden: „Dies also ist die besondere Herrlichkeit der christlichen Kirche, dass ihre Glieder nicht bloß abhängen von Sichtbarem, sie sind nicht bloß Steine eines Gebäudes, aufeinander geschichtet und von außen miteinander verbunden, sondern sie sind eins, und alle sind Früchte und Offenbarungen ein und desselben unsichtbaren spirituellen machtbegabten Prinzips, … nicht wie die Teile eines Haufens. Sie sind Glieder des Leibes Christi.“ Michael Karger