Würzburg

Aufstieg zur Weltherrschaft

Fremde einbürgern und zu Patrioten machen: Das war eine Grundidee im alten Rom. Das neue Buch "Der Aufstieg Roms" zeichnet diese nach.

Kaiser Claudius
Kaiser Claudius hatte dazu aufgerufen, Fremde kulturell zu integrieren und den Aufstieg des Staates zu sichern – noch heute eine Herausforderung. Foto: IN

"Es geschah aber in jenen Tagen, dass Kaiser Augustus den Befehl erließ, den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen“. Diese Worte aus dem Lukasevangelium erinnern an die römische Herrschaft über Großteile Europas und die Mittelmeerwelt. Doch am Anfang der römischen Geschichte stand ein kleines, unspektakuläres Dorf am Ufer des Tiber.

Dieser Kontrast faszinierte schon die Menschen der Antike und weckte ihr Interesse an der Frühzeit, in der alles begonnen hatte, von der man aber später nicht mehr wirklich viel Verlässliches wusste. Diese Überlieferungslücken regten gerade dazu an, sie mit fabulösen Erfindungen auszufüllen. Schon der unter Augustus wirkende Historiker Livius war sich dieser Problematik bewusst. In den ersten fünf Büchern seines Geschichtswerks gab er eine sehr anschauliche und lebendige Darstellung der römischen Frühzeit – um dann zu Beginn des sechsten Buches seinen Lesern mitzuteilen, dass seine Quellenlage für die ersten fünf Bücher ganz miserabel gewesen war. Moderne Historiker stehen anders als Livius nicht mehr unter dem internalisierten Zwang, dürftige Überlieferungen fantasievoll aufzuhübschen. Ihr Blick ist nüchterner, ihre Ergebnisse sind aber nicht weniger interessant.

Das gilt auch für Kathryn Lomas' Studie „Der Aufstieg Roms“, die die Jahrhunderte von der Gründung Roms bis zur Mitte des dritten Jahrhunderts vor Christus in den Blick nimmt, in denen sich das einstige Dorf zum unbestrittenen Herrscher in Italien aufschwang und damit am Vorabend seiner Weltherrschaft stand. Die meisten Bewohner Italiens hätten sich zu Beginn dieser Epoche nicht träumen lassen, dass ihre Nachfahren eines Tages (spätestens ab 89 vor Christus) römische Bürger sein würden. Die deutsche Ausgabe wird ergänzt durch ein Nachwort des Göttinger Althistorikers Uwe Walter, der die bisherige Forschungsgeschichte skizziert.

Die Stärke dieses Buches ist die darin eingenommene Perspektive. Lomas betrachtet die Epoche nicht nur von ihrem Ende her und behandelt sie daher nicht einfach als Teil der römischen Geschichte, sondern als gesamtitalische Geschichte. Sorgfältig arbeitet sie anhand der Quellen und der archäologischen Befunde – nicht zuletzt der zahlreichen Grabstätten – die Spezifika der italischen Kultur heraus, in der politisch ein aristokratisches System vorherrschte, das sich nicht immer leicht mit unseren Begrifflichkeiten fassen lässt. So waren die Grenzen zwischen „Priester“, „Clanoberhaupt“ und „König“ fließend, und auch die Rede von „etruskischen Fürstengräbern“ ist eine moderne Hilfsformulierung.

Frauen spielten in diesem System aufgrund ihrer Bedeutung für dynastische Heiratsverbindungen eine größere Rolle und waren im öffentlichen Leben sichtbarer als im demokratischen Griechenland. Auch das Äußere der Städte unterschied sich von dem der griechischen, die ihre Vorbilder waren. Italische Städte wie Rom waren weniger klar strukturiert, da die Topografie das nicht zuließ. In ihren späteren Provinzen mochten die Römer sich als Meister der Stadtplanung erweisen; ihre Hauptstadt zeichnete sich durch ein unübersichtliches Straßengewirr aus. Mit großer Liebe zum Detail breitet Lomas hier und in anderen Kontexten den aktuellen kulturhistorischen Wissensstand aus.

Die Romanisierung der italischen Völker wird anregend diskutiert. Waren die Italiker einfach passive Objekte einer römischen Kolonialpolitik? Oder wählten sie bewusst diejenigen Aspekte römischer Kultur aus, die sie als für sich zuträglich erachteten? Jedenfalls stellte bereits in den Augen der Antike Roms Fähigkeit, Fremde kulturell zu integrieren, einen Grund für seinen Aufstieg dar. Schon Kaiser Claudius (vor seiner Inthronisierung ein begeisterter Amateurhistoriker) formulierte 48 nach Christus in einer Senatsrede die Einsicht, dass gerade diese Fähigkeit Rom groß gemacht hatte.

Der Begründer seiner eigenen, der claudischen Familie war dafür ein perfektes Beispiel, denn Attius Clausus war in der Frühzeit als Sabiner nach Rom gekommen und dort von den Patriziern als Ebenbürtiger aufgenommen worden. Auch andere prominente römische Familien hatten einen solchen „Migrationshintergrund“. Der Kaiser bekannte sich daher ausdrücklich auch in seiner eigenen Zeit zur Aufnahme von Männern in den Senat, die aus den erst kürzlich römisch gewordenen Gebieten nördlich der Alpen stammten.

Als negative Kontrastbeispiele zog er die ehemals mächtigsten Stadtstaaten Griechenlands heran: „Was anderes wurde den Spartanern und Athenern trotz ihrer militärischen Übermacht zum Verhängnis, als dass sie Besiegte als Fremdstämmige behandelten?“ Schon der Stadtgründer Romulus habe dagegen ehemalige Feinde zu Mitbürgern gemacht. Fremde integrieren und sie zu Patrioten erziehen – vor dieser Aufgabe stehen heute alle westlichen Staaten; vielleicht kann ein Blick auf die Römer da helfen?

Es wäre unbillig, von einem Buch über eine so schlecht überlieferte und zugleich schon von so vielen Forschern behandelte Epoche umwälzende neue Erkenntnisse zu fordern. Was bei einem solchen Thema erreicht werden kann, ist etwas anderes, doch darum nicht minder verdienstvoll: die altbekannten Fakten mit einem frischen Blick anzuschauen und ihnen einige neue Facetten abzugewinnen, die das Gesamtbild zwar nicht völlig verändern, aber doch ein wenig interessanter machen. Das gelingt Lomas (und Uwe Walter im Nachwort) vollauf, und deshalb ist „Der Aufstieg Roms“ ein sehr gutes Buch – auch wenn es Lomas nicht immer gelingt, ihrem spannenden Stoff eine angemessene erzählerische Darstellung zu geben.

Kathryn Lomas: Der Aufstieg Roms. Von Romulus bis Pyrrhus, Klett-Cotta, Stuttgart 2019, 541 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-608-96433-2, EUR 32,–