Würzburg

Als die "feindliche Masse" entstand

Die Briefe aus dem Nachlass dokumentieren den Denkweg von Elias Canetti.

Elias Canetti in seinem Arbeitszimmer.
Ein von Büchern besessener Gelehrter: Elias Canetti in seinem Arbeitszimmer. Foto: IN

Als er 1981 den Literaturnobelpreis erhielt, befestigte er an seiner Wohnungstür eine an die Reporter gerichtete Zettelbotschaft: „Alles, was Sie von mir wissen wollen, steht in meinen Büchern.“ Der Schriftsteller Elias Canetti liebte das Rampenlicht der Öffentlichkeit nicht. Andererseits aber legte er Wert darauf, noch in hundert Jahren gelesen zu werden. Sein 25. Todestag in diesem Jahr bietet eine gute Gelegenheit, sich mit einem Autor zu beschäftigen, der zu den ganz Großen des 20. Jahrhunderts gehört. Die nun erschienenen Briefe dokumentieren die Stadien seines Lebens.

Spaniolisch und bulgarisch

Dass Canetti als deutschsprachiger Schriftsteller berühmt wurde, ist nicht selbstverständlich. Denn die Sprachen, mit denen der am 25. Juli 1905 in Rustschuk im Fürstentum Bulgarien in eine wohlhabende  sephardisch -jüdische Familie hineingeborene Elias als erstes bekannt wurde, waren das Spaniolische, der Dialekt der aus Spanien vertriebenen Juden, und das Bulgarische, das er allerdings später vergaß. Nach dem frühen Tod des Vaters zog die Familie zunächst in die Schweiz. Dort erst brachte seine Mutter dem siebenjährigen Jungen in einer Art Crashkurs die deutsche Sprache bei, in einer Weise, „die über die Kräfte jedes Kindes ging, und dass es ihr gelang, hat die tiefere Natur meines Deutsch bestimmt, es war eine spät und unter wahrhaftigen Schmerzen eingepflanzte Muttersprache“. Die hochgebildete und literarisch interessierte Frau übte großen Einfluss auf Canetti aus. Und sie sorgte dafür, dass die Rolle des Judentums in seiner Erziehung gering war. Dennoch blieb ihm die Konfrontation mit dem grassierenden Antisemitismus schon als Schüler nicht erspart.

Nach der Grundschule in Wien besuchte Canetti Gymnasien in Zürich und Frankfurt. Der Jugendliche verschlang die Weltliteratur. Dabei wurde er auch zu einem ungewöhnlich guten Kenner der antiken Literatur. Einer seiner ersten literarischen Versuche war ein Drama über eine Szene aus dem Geschichtswerk des Livius, und als alter Mann gab Canetti eine Sammlung von Charakterskizzen in der Tradition Theophrasts heraus („Der Ohrenzeuge“, 1974).

Auch in seinen Wiener Universitätsjahren (1924-1929) interessierte ihn die Literatur mehr als das ohne Berufsziel verfolgte Chemiestudium. Canetti entwickelte leidenschaftliche Verehrung für Karl Kraus.

Erstling "Die Blendung": grotesk-komisch und gruselig

Als Schriftsteller debütierte Canetti mit dem Roman „Die Blendung“ (1935). Darin heiratet der Privatgelehrte Peter Kien, ein weltweit anerkannter Sinologe mit gigantischer Privatbibliothek, seine ungebildete Haushälterin. Das Eheleben in seiner „Bücherfestung“ entwickelt sich zur Katastrophe und bringt Kien zunehmend um den Verstand. Am Ende verbrennt er in einem Wahnsinnsanfall sich mitsamt seiner Bibliothek. Die bald grotesk-komische, bald gruselige Geschichte lässt sich als Parabel auf die Situation des Intellektuellen im 20. Jahrhundert lesen. Partielle Ähnlichkeiten zwischen dem bücherbesessenen Gelehrten und seinem Autor sind dabei unverkennbar. Canetti, der eine Bibliothek von 18 500 Bänden hinterließ, war ein mustergültiger Büchermensch. Der Aufstieg des Nationalsozialismus zwang Canetti und seine ebenfalls aus jüdischer Familie stammende Frau Veza 1939 zur Übersiedelung nach London. Dort verbrachte er seine mittleren Lebensjahrzehnte, kommerziell wenig erfolgreich, aber dennoch mit guten Beziehungen zu einflussreichen intellektuellen und politischen Kreisen. Intensiv arbeitete er hier an seinem 1960 erschienenen Buch „Masse und Macht“, das er selbst als sein Hauptwerk betrachtete. In diesem monumentalen Essay analysiert Canetti das Verhalten von Menschenmassen und die Mechanismen, mittels derer Einzelne sich zu Massenführern aufschwingen. Sein eigenes „erstes Erlebnis einer feindlichen Masse“ konnte Canetti übrigens in seiner Autobiographie genau datieren. Als die Kurkapelle in Baden bei Wien am 1. August 1914 die deutsche Kaiserhymne „Heil dir im Siegerkranz“ anstimmte, sang der Neunjährige stattdessen die ihm vertraute britische Hymne „God Save the King“, die dieselbe Melodie hat – und erntete dafür handfeste Reaktionen. Als Ausgleich zur gelehrten Arbeit an „Masse und Macht“ begann Canetti 1942 mit seinen „Aufzeichnungen“; mehrere Sammelbände dieser nach dem Vorbild von Georg Christoph Lichtenbergs „Sudelbüchern“ verfassten Aphorismen hat Canetti selbst zusammengestellt und herausgegeben.

Canetti in Deutschland lange unbekannt

Besonders in Deutschland war Canettis Name lange kein Begriff. Die nun erschienenen fast 600 Briefe an Freunde und Kollegen zeigen aber, wie vernetzt Canetti war. Zu den Briefpartnern gehören Thomas Bernhard, Theodor W. Adorno, Erich Fried, Claudio Magris, Hilde Spiel oder Marcel Reich-Ranicki. Als Canetti in den 1960ern in die Bundesrepublik kam, schickte „Die Welt“ für ein Interview eine Romanistin, weil der Feuilleton-Chef dachte, Canetti sei ein Italiener. Erst ab den späten 1960ern erfolgte der Durchbruch auf dem deutschen Buchmarkt. Besonders die zwischen 1977 und 1985 erschienene autobiographische Trilogie über sein Leben bis 1937 („Die gerettete Zunge“, „Die Fackel im Ohr“ und „Das Augenspiel“) erzielte einen unerwartet großen Erfolg. Selbst wenn man von gewissen dichterischen Freiheiten ausgeht, sprechen aus diesen Bänden ein bewundernswürdig detailliertes Erinnerungsvermögen und wache Zeitgenossenschaft. Daneben wurde Canetti besonders durch „Die Stimmen von Marrakesch“ (1968) bekannt, eine Sammlung von Reiseskizzen, die er anlässlich eines Marokkoaufenthalts schon 1954 niedergeschrieben hatte. Als Einstieg in Canettis Werk ist dieses vorurteilsfreie, lebendige und sinnliche Buch, in dem die Atmosphäre des Orients meisterhaft erfasst wird, vielleicht am besten geeignet. Mit dem Auflagenerfolg stellten sich die Auszeichnungen ein, darunter der Büchnerpreis (1972) und der Literaturnobelpreis (1981). Seine letzten Jahre verbrachte Canetti in Zürich, wo er am 14. August 1994 verstarb.

Sven Hanuschek/Kristian Wachinger: Elias Canetti – Ich erwarte von Ihnen viel: Briefe. Aus dem Nachlass her-ausgegeben. Carl Hanser Verlag 2018, 864 Seiten, ISBN-13: 978-344626-019-1, EUR 42,–