Identitätsverlust

Wo bleibt die Hoffnung? 

Viele Menschen sind irritiert vom derzeitigen Auftreten einiger Amtsträger der Kirche: Ihnen wirft man zuviel Staatsnähe und Anpassung an den Zeitgeist vor. Eine Kirche, die sich vorrangig darum müht, gesellschaftliche Relevanz zu erlangen, verfehlt ihren seelsorgerischen Auftrag.

Kruzifix
Im Kreuz liegt Heil, im Kreuz ist Hoffnung. Das ist die Kernbotschaft der Kirche. Gibt sie diesen Kern auf, verweltlicht sie sich, wenden sich die Menschen ab und gehen. Foto: imago stock&people

"Weil wir Hoffnung brauchen",  so lautete der Slogan einer gemeinsamen Kampagne des Erzbistums Berlin und der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz (EKBO) zum Weihnachtsfest 2020. Die Aussageabsicht war deutlich: Gerade in Corona-Zeiten komme den Kirchen eine wichtige Funktion zu, und zwar weil sie etwas haben, das die Gesellschaft dringend braucht   einen Schatz an Hoffnung, den sie an die Menschen austeilen und dabei vermehren können wie die fünf Brote und zwei Fische, mit denen Jesus die Fünftausend speiste.  

Relevanzverlust durch Anbiedern ausgleichen?

Einige Monate später führte die Pressestelle des Erzbistums diese Weihnachtsbotschaft jedoch – zweifellos unbeabsichtigt – selbst wieder ad absurdum: Erzbischof Koch ließ sich gegen Covid-19 impfen, und die Pressemitteilung dazu trug die Überschrift "Impfen ist Hoffnung". Was sollte man daraus anderes schließen, als dass die Kirche ihre Hoffnung letztlich auch nur von den Impfstoffanbietern bezieht

Dieser PR-Missgriff verweist auf ein tiefer liegendes Problem: Das Bemühen der Großkirchen, ihrem Relevanzverlust in den Augen der Öffentlichkeit dadurch entgegenzuwirken, dass sie ihre Nützlichkeit für die Zivilgesellschaft betont, mag man zum Teil als eine Reaktion auf den Schock des ersten Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020 betrachten, als öffentliche Gottesdienste verboten wurden und das gesellschaftliche Interesse daran, die Kirchen wieder zu öffnen, signifikant geringer ausfiel als das an der Öffnung von Friseursalons oder Baumärkten. Wirklich neu ist diese Nützlichkeitsargumentation indes nicht: Bücher wie Andreas Püttmanns "Gesellschaft ohne Gott" (2010) bauen sehr wesentlich auf einer Prämisse auf, die an das berühmte Bonmot Voltaires erinnert, wenn es Gott nicht gäbe, müsste man ihn erfinden. Die Argumentation wird allerdings brüchig, wenn es der Kirche nicht gelingt, plausibel zu machen, was genau es eigentlich ist, das sie und nur sie der Gesellschaft geben kann und was dieser sonst fehlen würde.

„Eine Kirche, die nichts anderes tut,
als dem Selbstverständnis und den Wertvorstellungen
einer säkularen Gesellschaft ein spirituelles
Mäntelchen umzuhängen, braucht letztlich niemand.“

Dass es der Kirche offenkundig immer weniger gelingt, diesen Plausibilitätserweis zu erbringen, wird zuweilen damit in Zusammenhang gebracht, dass sie   nicht zuletzt infolge des Missbrauchsskandals allzu viel an moralischer Autorität und Glaubwürdigkeit verloren habe, als dass sie es noch wagen könnte, als Werte setzende Instanz aufzutreten. Demgegenüber ist jedoch festzustellen, dass der moralische Imperativ "Du sollst ein guter Mensch sein!" sehr wohl weiterhin zum Gestus der öffentlichen Selbstdarstellung der institutionellen Kirche gehört; nur dass die inhaltliche Bestimmung dessen, was es heißt, ein guter Mensch zu sein, sich zunehmend eher an den herrschenden Meinungen im öffentlichen Diskurs der säkularen Gesellschaft orientiert als an der überlieferten Glaubens- und Sittenlehre der Kirche.

Bezeichnend hierfür ist es, dass im Zuge der Debatte um die Anbringung von Kreuzen in den Räumen staatlicher Einrichtungen in Bayern im Jahr 2018 der Würzburger Studentenpfarrer Burkhard Hose dafür plädierte, der Freistaat solle stattdessen lieber Artikel 1 des Grundgesetzes in seine Amtsstuben hängen. Mit einer solchen Gegenüberstellung von Kreuz und Grundgesetz wird   ob beabsichtigt oder nicht   implizit die Idee eines "staatsbürgerlichen Katechismus" gefördert, dem sich die Religion unterzuordnen habe; aber je mehr sich die institutionelle Kirche diese Auffassung zu eigen macht, desto mehr gerät sie in Begründungsnot, wenn sie in bestimmten Bereichen eben doch darauf beharrt, für sie hätten andere Regeln zu gelten als für die säkulare Gesellschaft. Wieso steht die Priesterweihe nur Männern offen, wenn es in allen anderen Berufen unzulässig ist, Bewerber aufgrund ihres Geschlechts abzulehnen? Wenn gleichgeschlechtliche Paare nach staatlichem Recht eine Ehe schließen können, wieso gibt die Kirche nicht ihren Segen dazu?

Gefühl: betrogen und verraten

Während es auf der einen Seite also offensichtlich scheint, dass dem Bemühen der Kirche, sich an die herrschenden Anschauungen der säkularen Öffentlichkeit anzupassen, Grenzen gesetzt sind, die sie nicht überschreiten kann, ohne die völlige Selbstaufgabe ihrer Identität zu riskieren, droht auf der anderen Seite die Gefahr, dass dieses Streben der Kirche nach gesellschaftlicher Akzeptanz zur Ausgrenzung von Gläubigen führt, die abseits vom gesellschaftspolitischen Mainstream stehen. Wenn Bistümer Leitfäden für "geschlechtergerechte Sprache" herausgeben und nicht nur Laienverbände, sondern auch Bischöfe und Generalvikare sich in der Frage der Segnung homosexueller Partnerschaften entgegen der kirchlichen Lehre auf die Seite der öffentlichen Meinung schlagen, ist es nicht verwunderlich, wenn Gläubige, die die Gender- und LGBTQ-Ideologie gerade aus ihrer religiösen Überzeugung heraus kritisch betrachten, sich von ihrer Kirche betrogen und verraten fühlen; schlimmstenfalls werden sie dadurch aus der Kirche hinaus und in die Arme extremistischer Sektierer getrieben.

Auch in dieser Hinsicht sind die Begleiterscheinungen der Corona-Krise lehrreich   oder könnten es sein, wenn man ihre Lehren denn annehmen wollte. So beklagte etwa der Magdeburger Bischof Gerhard Feige gegenüber der Katholischen Nachrichtenagentur KNA, die Kirche werde zur "Zielscheibe von Querdenkern": Im Zusammenhang mit den Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung werde ihm und anderen Bischöfen "vorgeworfen,  Kampfbegriffe  der Medien und der Politik  ungefiltert  zu übernehmen" und damit seine "Autorität zu missbrauchen". Anstatt auf seine Kritiker zuzugehen, setzte der Magdeburger Oberhirte jedoch demonstrativ auf Abgrenzung und urteilte, bei den sogenannten "Querdenkern" handle es sich entweder um Ex-DDR-Bürger, die von der Erfahrung geprägt seien, "dass man immer im Kampf gegen einen Feind war und das war der Staat, von dem man sich gegängelt fühlte und distanzieren musste"   was auf heutige Verhältnisse bezogen jedoch "völlig anachronistisch" sei  , oder ihre Einstellung verrate "ein überzogenes individualistisches Freiheitsverständnis, das wenig Sinn für Gemeinwohl hat und sehr Ich-bezogen ist".

Den Sündern zuwenden statt dem Beifall der Öffentlichkeit

Unabhängig von der Richtigkeit dieser Einschätzungen mag man sich hier allerdings die Frage stellen, ob die Kirche nicht auch für diese Menschen eine seelsorgerische Verantwortung hat   auch und gerade dann, wenn sie Auffassungen vertreten, die man aus guten Gründen als falsch und verwerflich ansieht. Im Zuge der Flüchtlingskrise des Jahres 2015 machte ein Pfarrer aus dem Emsland überregional Schlagzeilen, weil er in einer Predigt "Rassisten zum Kirchenaustritt aufforderte". Nun ist es zweifellos richtig, dass Rassismus dem christlichen Menschenbild widerspricht; aber den Rassisten, anstatt sie zu Umkehr und Buße anzuhalten, schlicht die Tür zu weisen, ist eine Geste, die erkennbar mehr auf den Beifall der Öffentlichkeit zielt als von der Sorge um das Heil der Seelen motiviert ist. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich auszumalen, wie anders die Schlagzeilen ausgesehen hätten, hätte ein Priester in ähnlich scharfen Worten gegen Abtreibung oder, schlimmer noch, gegen die "Ehe für alle" gepredigt. Barmherzigkeit gegenüber Sündern ist offenbar nur dann populär, wenn es sich um Sünden handelt, die die öffentliche Meinung gar nicht als solche ansieht. 

Bei alledem ist natürlich zu bedenken, dass das Bestreben der Kirche, in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit möglichst gut dazustehen, einen sehr handfesten Grund hat: Es ist charakteristisch für die Struktur der Groß- bzw. "Volkskirchen" in Deutschland, dass sie organisatorisch und vor allem finanziell von einer Mitgliederbasis abhängig sind, deren weit überwiegender Teil nicht oder nur sehr eingeschränkt mit ihrer Glaubenslehre übereinstimmt. Diese Mitglieder zu verprellen, kann der institutionelle Apparat der Kirche sich im ganz buchstäblichen Sinne "nicht leisten". Es gilt als eine soziologische Erfahrungstatsache, dass eine Glaubens- oder Weltanschauungsgemeinschaft desto weniger Breitenwirkung über den harten Kern ihrer Anhängerschaft hinaus entfalten kann, je mehr Gewicht sie auf ihr Proprium, ihren Identitätskern legt. Eine wenig beachtete Kehrseite dieses sogenannten "Identität-Relevanz-Dilemmas" besteht indes darin, dass es in dem Moment, in dem der Identitätskern vollends unkenntlich geworden ist, mit der Relevanz auch vorbei ist. Eine Kirche, die nichts anderes tut, als dem Selbstverständnis und den Wertvorstellungen einer säkularen Gesellschaft ein spirituelles Mäntelchen umzuhängen, braucht letztlich niemand. Zum Gedenken an die Opfer der Corona-Pandemie eine Kerze ins Fenster stellen kann man schließlich auch ohne eine institutionelle Kirche.

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