Wie Unbelehrbarkeit in Alarmismus mündet

Eine neue Selbstgerechtigkeit sieht überall Gewalt und Rassismus. Den Roman „Onkel Toms Hütte“ so zu verurteilen, ist ein Fehler Von Uwe Wolff

Wie Unbelehrbarkeit in Alarmismus mündet
Im Roman "Onkel Toms Hütte" geht es letztlich um den Wettstreit zwischen christlichem Glauben und militantem Atheismus. Der zutiefst böse Simon Legree tritt auf unserem Bild die Märtyrergestalt Tom. Foto: UN

Wir leben in einer Zeit des Alarmismus. Er weiß sich im Besitz der Wahrheit. Heute trifft der Alarmismus die jüdische Schriftstellerin Hannah Arendt, gestern war es noch die Lyrikerin Agnes Miegel. Willy Brandt und Theodor Heuss hatten bereits die Nähe der ostpreußischen Dichterin gesucht. 1979 erschien sogar eine Sondermarke der Deutschen Bundespost mit ihrem Porträt. Schulen und Straßen trugen ihren Namen. Dann erfolgte die Löschung des Namens aus der kollektiven Erinnerung (damnatio memoriae). Dieses Verfahren wurde bereits im alten Ägypten praktiziert und unter Stalin. Als „vaporisieren“ bezeichnet George Orwell („1984“) die Auslöschung.

Die Angst setzt Normen. Wer wiedergewählt werden oder im Amt bleiben will, der stimmt wie Sigrid Evelyn Nikutta, Vorstandsvorsitzende der BVG, und Michael Müller, Oberbürgermeister von Berlin, der Umbenennung der U-Bahn Station Onkel-Toms-Hütte und auch der Onkel-Tom-Straße im Berliner Stadtteil Steglitz-Zehlendorf zu.

"Onkel Toms Hütte" erzählt von der Würde des Menschen

Onkel Toms Hütte ist die Bezeichnung eines ehemaligen Berliner Wirtshauses und hat mit dem Roman von Harriet Beecher Stowe (1811–1896) nichts zu tun. „Antirassisten“ sind für die Wahrheit nicht zugänglich. Den berühmten Roman „Onkel Toms Hütte“ (1851) haben sie nicht gelesen oder nur in einer der zahlreichen gekürzten Fassungen für jugendliche Leser. Sie wollen gar nicht hören, dass die Autorin aus calvinistischer Tradition mit ihrem Buch ein religiöses Manifest für die Würde der Schwarzen veröffentlicht hat. Als „Onkel-Tom-Syndrom“ bezeichnen sie eine vermeintlich unterwürfige Haltung von Afroamerikanern,wie sie in Martin Luther Kings gewaltlosem Einsatz für Gleichberechtigung Ausdruck gefunden habe.

„Onkel Toms Hütte“ ist eine Märtyrerlegende. Sie erzählt von der unantastbaren Würde des Menschen noch in der letzten aller Entgrenzungen. Tom erträgt im Glauben an eine ausgleichende Gerechtigkeit am Jüngsten Tag alle Ungerechtigkeiten. Wird der Zusammenhang von Ethik und Eschatologie nicht mehr verstanden, so werden Toms Passionsweg und sein „Martyrium des Herzens“ absurd.

Harriet Beecher Stowe war eine entschiedene Kämpferin für die Abschaffung der Sklaverei. „Wir leben in einer Zeit, wo Nationen erschüttert und von Krämpfen durchzuckt werden. Ein gewaltiger Einfluss lässt die Welt wie bei einem Erdbeben zittern. Ist Amerika sicher davor?“, heißt es im großen Finale des Romans. Das „dies irae“ erklingt über den Sklavenhaltern Amerikas: „Der Norden und der Süden haben sich vor Gott schuldig gemacht, und die christliche Kirche muss für vieles Rechenschaft ablegen.“

Tom ist ein Symbol der Entmenschlichung

Mit der Figur des Märtyrers Tom reicht der Roman in eine letzte Dimension christlichen Lebens. Denn Tom wird seine irdische Befreiung aus der Sklaverei nicht mehr erleben. Sein Gegenspieler ist der Sklavenhalter Simon Legree. Dieser Teufel in Menschengestalt versucht durch äußerste Willkür und Brutalität, Tom vom Glauben abzubringen. Er will neben dem Leib die Seele töten. Tom stellt klar: „Nein! Nein! Nein! Meine Seele gehört ihnen nicht, Master. Die haben sie nicht gekauft! Die können sie gar nicht kaufen! Sie ist nämlich gekauft und bezahlt worden von einem, der sie auch behalten will. Sie können mir nichts anhaben!“

Um diesen diabolischen Wettstreit zwischen christlichem Glauben und militantem Atheismus geht es letztlich in dem Roman. Er bezeugt mit dem Bild des schwarzen Christus die Bewahrung und Verteidigung der Glaubensfreiheit noch in den größten Schinderhütten der Entmenschlichung. Von dieser Tiefendimension des Leidens erzählen auch Dokumente aus den Lagern des 20. Jahrhunderts. „Onkel Toms Hütte“ strahlt die Überwindung der Todesfurcht aus, die nach Ernst Jünger zur Aufgabe des Autors gehöre. Tom besiegt den Teufel Simon Legree. Dieser moralische Sieg geht über menschliche Kraft und Vernunft hinaus.

Die Kirche sieht fast schweigend zu

Die Kirche ist auf dem Blut der Märtyrer errichtet worden. Die Märtyrer zeigen durch ihr Beispiel die paradoxe Wahrheit des Kreuzes: Nichts ist vor Gott verloren, wenn auf der Welt alles verloren ist. In dieses Geheimnis des Glaubens taucht Tom ein. Er glaubt, dass die Menschen nach dem Tod wie die Engel sein werden. Seine Erfinderin vertröstet nicht auf dieses Jenseits, sondern stellt die schwarze Passion vor die Augen ihrer Leser, damit sie hier und heute umkehren von allen diabolischen Wegen: „Ach, Christus! Deine Kirche sieht fast schweigend zu!“

Vielleicht ist die christliche Welt des Romans den meisten Menschen von heute nicht mehr zugänglich. Deshalb bleibt sie dennoch wahr und gültig. Eine informierende Tafel neben der U-Bahn-Station von „Onkel Toms Hütte“ könnte an den Roman erinnern und an einen christlichen Blick auf die Welt und das Leben, den niemand willentlich erwerben kann, weil er Zeichen der Erwählung und der Gnade ist.

Was sich nicht erschließt, muss "faschistisch" sein

Der Alarmismus kennt kein Pardon: Als ich mit meinen Studenten an der Universität Hildesheim Friedrich Hölderlins „Hyperion“ las, meldete sich ein junger Mann und sagte, er fände die Sprache Hölderlins „faschistisch“. Natürlich konnte er sein Urteil nicht begründen. Doch wurde deutlich: Faschistisch ist für ihn ein Dichter, dessen Sprache sich ihm nicht erschließt. Die Lesekompetenz unserer Schüler und Studenten hat eine Schwundstufe erreicht. Was sich nicht auf eine SMS-Botschaft reduzieren lässt, ist eben faschistisch oder rassistisch.

In Leipzig sollte die Ernst-Moritz-Arndt-Straße in Hannah-Arendt-Straße umbenannt werden. Nun gerät die jüdische Emigrantin in eine Rassismus-Debatte. Diese macht selbst vor dem nationalen Symbol Dänemarks nicht halt. Auf den Sockel der Skulptur der Kleinen Meerjungfrau haben Kriminelle „Racist Fish“ („Rassistischer Fisch“) geschrieben. Der Mohr von Coburg soll aus dem Stadtwappen verschwinden. Sein Urbild ist der Heilige Mauritius. Nach ihm ist auch die Kölner Mohrenstraße benannt. Bildung und Aufklärung kommen der bigotten Selbstgerechtigkeit des Alarmismus nicht bei. Die Afrikaexpertin Marianne Bechhaus-Gerst spricht diese Unbelehrbarkeit offen aus: „Dass es sich hier um eine Ehrung handelt, ändert aber nichts daran, dass die Bezeichnung Mohrenstraße rassistisch ist.“

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