Sofia

Was die Pandemie verändert 

Der bulgarische Politologe Ivan Krastev befürchtet eine Bedrohung demokratischer Politik.

Ivan Krastev
Der bulgarische Politologe Ivan Krastev befürchtet eine Bedrohung demokratischer Politik. Foto: Vladimir Gerdo via www.imago-images.de

Mit einem beängstigenden Bericht zur Lage eröffnet der bulgarische Politologe Krastev dieses Buch – das erste, das zur gegenwärtigen Lage erschienen ist: Die Pandemie sei die Schnittmenge aller Dystopien, der Inbegriff einer Krise, die Menschen „eingesperrt, geplagt von Angst, Langeweile und Paranoia“. Tiefgreifend werde das Virus die Welt verändern, einen neuen Nationalismus auslösen, die Grenzen politischer Systeme verwischen, „womöglich“ neue Migrationswellen auslösen; die Europäische Union „könnte zerfallen“, aber genauso „auch strategische Autonomie erlangen“, kurzum: Alles ist möglich und nichts Genaues weiß man nicht. Fragen über Fragen, derzeit alle unbeantwortbar.

Die Welt zeigt aber Grautöne

Die Schwierigkeit dieses Buches ist weniger, dass es sich mit Hypothesen auseinandersetzt, sondern weit mehr, dass es nur ein einziges Paradigma zur Beschreibung der Welt kennt: die radikale Dichotomie zwischen Nationalismus und Internationalismus oder zwischen weltoffenem Liberalismus und dumpfem Autoritarismus. Aber tatsächlich zeigt die Welt unendlich viele Grautöne zwischen den Extrempolen von Schwarz und Weiß – Grautöne, die nicht sieht, wer sich durch die Fixierung auf Polarität blenden lässt.

Krastevs Überlegungen machen deutlich: Politische Analysen bedienen sich allzu oft eines Bezugsrahmens, der ausschließlich konstruktivistisch angelegt ist, und vergessen dann leicht, den Blick auf die alltäglichen Dinge des Lebens zu richten. Die Frage, ob am Ende der Pandemie die Globalisierung einen Dämpfer oder einen Schub erlitten hat, hat ja doch vielleicht nur eine viertrangige Bedeutung im Vergleich zu der sehr viel wichtigeren Frage, was auch zukünftig sinnvoll getan werden kann – und muss –, um die Seuche einzudämmen, Leben zu retten und Menschen zu schützen. 

Der Blick auf den einzelnen Menschen fehlt

Ja, das Virus hat in unterschiedlichen Ländern ganz unterschiedliche Folgen. Aber das zu erklären, kann ja doch wohl nur gelingen, wenn man etwa die verschiedenartigen Systeme der Gesundheitsversorgung und deren Leistungsfähigkeit miteinander vergleicht – bevor untersucht wird, ob diese oder jene Regierung mit ihren jeweils strengeren oder lockereren Beschlüssen eher dem autoritativen oder eher dem liberalen Systemtypus zuzuordnen sind.

 

Hier fehlt fast ganz der Blick auf den einzelnen Menschen. Ab und an blitzt diese Sicht auf, etwa dann, wenn Krastev beschreibt, warum er selbst mit seiner Familie, „durchaus überraschend“ für ihn selbst, beschloss, Wien zu verlassen und „nach Hause“ – nämlich nach Bulgarien – zurückzukehren: „Das war in vieler Hinsicht keine rationale Entscheidung.“ Tatsächlich? Es heißt dann weiter: „Was uns dennoch nach Bulgarien zurückbrachte, war die Einsicht, dass, wenn wir „zu Hause bleiben“ sollen, Bulgarien für meine Frau und mich dieses Zuhause ist.“ Was, bitte, ist an dieser Überlegung nicht vernünftig? Sie passt vielleicht nicht ins Globalisierungsparadigma, aber sie passt zu den Empfindungen und Bedürfnissen von Menschen aus Fleisch und Blut. 


Darüber nachzudenken, würde sich lohnen: Sind unsere Lebensverhältnisse – und die Bezugsrahmen ihrer Beschreibung – wirklich noch menschengerecht? Hat diese Frage, die man stellen können muss, auch wenn man selbst kein blinder Gegner von Globalisierung ist, in der nicht selten wirklichkeitsfernen Wunschwelt der kosmopolitischen Eliten noch Platz? Welches harte Los trifft die kleinen mittelständischen Unternehmen, die in der Vergangenheit allzu oft Opfer der Globalisierung waren – und jetzt Opfer der Pandemie werden? Was ist mit den Beschäftigten, die nicht wissen, ob sie morgen noch Arbeit und Brot haben? 

Es gibt kaum ein Entkommen

„Covid-19 bedroht“, so Krastev, das „wesentliche Element demokratischer Politik“, nämlich das öffentliche Leben. Man kann das auch anders sehen – zumindest kann man eine andere Seite derselben Medaille betrachten: Die Seuche hat Menschen, die sich selbst längst in einem Irrgarten von Äußerlichkeiten verloren hatten, auf sich zurückgeworfen. Sie können, „eingesperrt“ in ihr Zuhause, damit aber mitnichten schon in der „Hölle der anderen“ gefangen – Sartres Höllenbuch trägt übrigens im Englischen den Titel: „No Exit“ –, dieser Begegnung mit sich selbst ist kaum zu entkommen: Zu übermächtig ist die Bedrohung und zu gering sind die Möglichkeiten, sie zu verdrängen. Man muss sich doch fragen, warum derzeit in der gesamten Publizistik zu Corona so gut wie nie zwischen physischer und sozialer Distanz unterschieden wird? Die Antwort liegt auf der Hand: Es entspricht nämlich nicht mehr der Welt unserer Vorstellungen, dass die beste Freundin oder der beste Freund tausend Kilometer weit entfernt wohnt – und diese physische Distanz nicht im Geringsten eine soziale Distanz bewirkt?

 
Im Schlusskapitel des Buches leuchtet eine wichtige Fragestellung auf. Krastev erinnert an den Roman „Die Stadt der Blinden“ von José Saramago – ein Roman, der weit mehr als „Die Pest“ von Albert Camus zu unserer Lage zu sagen weiß – und erwähnt, dass Epidemien aus der Sicht Saramagos Gesellschaften zwar nicht verändern, aber uns helfen können, „die Wahrheit über unsere Gesellschaft zu sehen“. Eine kluge Einsicht! Die Erinnerung an die Pandemie wird wie eine Spur im Sand verwehen, vermutet Krastev, und man wird ihm nicht widersprechen wollen. Bleiben könnten hingegen Einsichten über die Wahrheit unserer Lebensform, die sicherlich hilfreicher wären als die Hoffnung Krastevs auf „ein mit Notvollmachten ausgestattetes Brüssel als die einzig realistische Lösung im Umgang mit der nächsten Phase der Krise“.

Die entscheidenden Fragen

Wer heute schon wissen will, wie die Welt morgen aussieht, braucht entweder die Gabe der Prophetie oder muss sein Heil in Hypothesen und Spekulationen suchen. Ivan Krastev entscheidet sich gegen die Prophetie und für Letzteres. Seinen Blick in die Zukunft beschließt er mit einem „Konzept der sieben Paradoxa“: Einerseits beschleunigt die Krise die Deglobalisierung, während sie andererseits die Einsicht in die Grenzen der Renationalisierung verschärft. Der Gehalt solcher Beobachtungen soll – grosso modo – gar nicht bestritten werden. Aber sind das tatsächlich die entscheidenden Fragen, die sich den Menschen stellen? Lenkt uns das Nachdenken über die Pandemie und ihre Folgen nicht zurück zum Menschen, der tiefgreifenden Erschütterungen ausgesetzt ist und der trotzdem seinen Selbststand nicht verlieren soll und darf? 


Ivan Krastev: Ist heute schon morgen? Wie die Pandemie Europa verändert. Berlin 2020, Ullstein Verlag, ISBN 978-3-550-20126-4, EUR 8,00 

 

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