St. Walpurga

Heilige Walburga: Eine nähere Betrachtung

Die „Verehrungspraktiken der heiligen Walburga in Eichstätt“ sind ins bayerische Landesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Ein guter Grund, die weit gereiste Heilige näher zu betrachten.

Heilige  Walburga
Die heilige Walburga mit einem Fläschchen des sogenannten Walburga-Öls auf einer Bibel. Dem Öl wird dem übernatürliche Heilkraft zugeschrieben. Eichstätt hat eine ungebrochene Anziehungskraft für Menschen, die Walburga als Heilige verehren und um Fürsprache bitten. Foto: Norbert Staudt/pde

Geboren wurde Walburga um das Jahr 710 im südenglischen Westseaxe (Wessex). Die germanischen Herrscher des im Themsetal gegründeten Kleinkönigreichs der Westsachsen hatten ein Jahrhundert zuvor den katholischen Glauben angenommen. Ob Walburga zusammen mit ihren Brüdern Willibald und Wunibald dieser Königssippe angehörte, ist umstritten; auch, ob sie eine Nichte des Wynfrith war, der unter dem Namen Bonifatius als Apostel der Deutschen in die Geschichte einging. Sicher ist, dass sie einer gehobenen und gut vernetzten Gesellschaftsschicht angehörte, die sich um die Christianisierung ihrer alten Heimat auf dem Kontinent besonders verdient gemacht hat. Ihre Jugend verbrachte Walburga bei den Benediktinerinnen im frisch gegründeten Doppelkloster von Wimborne, dem auch ihre ebenfalls heiliggesprochenen Missionskolleginnen Lioba von Tauberbischofsheim und Thekla von Kitzingen entsprangen.

Womöglich inspiriert von der Missionstätigkeit ihrer Brüder, die vom heiligen Bonifatius nach Thüringen und Bayern entsandt wurden, wagte sie die stürmische Fahrt über den Ärmelkanal, die ihr das Patronat für die Seefahrer einbrachte. Ihren ersten Zwischenstopp legte sie bei ihren ehemaligen Mitschwestern in Tauberbischofsheim ein. Nach dem Tode ihres Bruders Wunibald wechselte sie 761 als Äbtissin in das von ihm gegründete Kloster im fränkischen Heidenheim, dem sie einen Frauenkonvent hinzufügte. Hochgeehrt verstarb sie dort 779 oder 780; der Legende nach spendete ihr der eigene Bruder die Sterbesakramente – Willibald, der Gründerbischof des nahen Eichstätt.

Unabhängig von Glaubensrichtungen
spiegeln sich in den unterschiedlichsten
Anliegen der Hilfesuchenden religiöse und profane Vorstellungen
von Heilung und von ‚Heiligen Orten‘ wider.“

Als Leiterin einer so mächtigen Doppelabtei dürfte sie mit den Großen des Frankenreichs in regem Austausch gestanden haben. Anders aber als von ihrer Tauberbischofsheimer Amtskollegin Lioba, von der bekannt ist, dass sie mit einer der Frauen Karls des Großen befreundet war und deren Briefwechsel mit Bonifatius zumindest durch wenige Abschriften belegt werden kann, kennt man von Walburga nur eine spätere Lebensbeschreibung. Immerhin soll sie eine ihrer Nonnen, Hugeburc, eine ebenfalls aus Wessex Zugereiste, inspiriert haben, die Biographien ihrer beiden Missionars-Brüder aufzuzeichnen. Nach Eichstätt kam die Bistumsheilige erst etwa 100 Jahre nach ihrem Tod. Papst Hadrian II. soll sie zu diesem Anlass kanonisiert haben; am Vorabend eines 1. Mai – das genaue Jahr ist nicht bekannt –, der Walpurgisnacht, in der das damals noch gar nicht so christliche Europa den Frühlingsbeginn mit ausgelassenen Tanzveranstaltungen feierte.

Im 11. Jahrhundert wurde bei ihrem Grab die noch heute bestehende und nach St. Walburg benannte Benediktinerinnenabtei gegründet. Bei dieser Gelegenheit hat man ihren Sarkophag erhoben und in eine neu gebaute Gruftkapelle gebracht, die Bischof Gezemann am 14. Oktober 1042 weihte.

Das „Walburgisöl“ ist besonders populär

In seinen Grundzügen hat sich dieser romanische Bau trotz späterer Überprägungen bis in unsere Tage erhalten. Zahllose Votivbilder schmücken die zweistöckige, sowohl vom Chor der Abteikirche als auch von außen zugängliche Krypta. Sie künden von zahllosen Gebetserhörungen und Wunderheilungen, denn in den Wintermonaten ist es in dem Gewölbe so kalt, dass unter dem erhöht aufgestellten Kalksteinsarg der Heiligen das Wasser kondensiert und langsam herunter tropft. Diesem von den Nonnen gesammelten „Walburgisöl“ wurde bald eine übernatürliche Wirkkraft gegen Gebrechen aller Art zugeschrieben, was der Heiligen eine große Popularität eintrug, so dass sich ihr Kult nicht nur im Alpenraum, sondern auch in den heutigen Benelux-Ländern sowie in Ost- und Nordfrankreich verbreitete. Bis heute kann das in kleinen Glasfläschchen abgefüllte Wasser an der Klosterpforte kostenlos erworben werden und vor allem an Walburgas Todestag, dem 25. Februar, pilgern zahlreiche Wallfahrer zu ihrem Schrein, um ihre Hilfe zu erbitten.

Dass seit dem hohen Mittelalter gepflegte Pilgerfahrten noch immer ein Gemeinschaftserlebnis sein können, dürfte unbestritten sein. Prinzipiell wäre damit die erste der von der UNESCO gestellten Vorbedingungen erfüllt, nach denen zum immateriellen Kulturerbe lebendige Traditionen zählen, die einer Gemeinschaft ein Gefühl der Identität und Kontinuität vermitteln und die – im Gegensatz zu materiellen Kulturgütern wie Baudenkmälern oder Kulturlandschaften – nur im Moment des Tuns sichtbar werden. Als Beispiele werden Tänze, Theater, Musik, Bräuche und Feste, aber auch überliefertes Wissen und traditionelle, von Generation zu Generation weitergegebene Handwerkstechniken genannt. Religiös begründete Traditionen aber sind explizit nur dann schutzfähig, wenn sie nicht nur in Form von Bräuchen und Festen in der Gesellschaft verankert sind, sondern auch jenen offenstehen, die der jeweiligen Religionsgemeinschaft nicht angehören.

Immaterielles Kulturgut: die Verehrung der Heiligen

 

Die Bundesrepublik ist dem betreffenden UNESCO-Übereinkommen 2013 beigetreten und führt seither ein Verzeichnis des in ihrem Gebiet befindlichen immateriellen Kulturerbes. Auf Vorschlag der Bundesländer finden sich darin unter anderem die Genossenschaftsidee, die friesische Tee- und die deutsche Friedhofskultur, sächsische Knabenchöre, das Korbflechten, die Landshuter Hochzeit oder das Singen von Arbeiterliedern; religiöse Bräuche sind erwartungsgemäß in der Minderzahl. Wenigstens wurden die Heiligenstädter Palmsonntagsprozession, die Tölzer Leonhardifahrt, der Traunsteiner Georgiritt oder die Ammergauer Passionsspiele aufgenommen; auch die Sternsinger werden gewürdigt. Aus dem nationalen Verzeichnis wiederum wählt die Kultusministerkonferenz jährlich eine der gelisteten Traditionen aus, um sie beim Sekretariat der UNESCO in Paris zur Aufnahme in das internationale Verzeichnis, also ins Welterbe, vorzuschlagen.

Neben der bundesweiten Liste führen nur Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Bayern eigene Länderverzeichnisse, um die Bedeutung des immateriellen Erbes stärker in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. In der bayerischen Liste findet sich unter den inzwischen 56 Einträgen nun auch die heilige Walburga samt Öl und Pilgerfahrt. „Unabhängig von den Glaubensrichtungen der Hilfesuchenden“ – so heißt es in der Begründung – spiegelten sich „in den unterschiedlichsten Anliegen der Hilfesuchenden religiöse und profane Vorstellungen von Heilung und von Heiligen Orten wider“. Über die Kniffe, wie es soweit kam, und welche Hürden überwunden werden mussten, informierte am  30. April, ab 18.30 Uhr „kreuzplus“, das Fernsehmagazin des Eichstätter Bistums (siehe eingebetteter Videobeitrag) über Kabel und Satellit. Eines dürfte aber sicher sein: Walburga hat geholfen.


www.kreuzplus.de

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