Bayreuth

Wagners Werk ist bedeutsam und gefährlich

Er schöpfte aus einer archetypischen Welt: Richard Wagner und seine Wirkungen

Richard Wagner in Luzern
Wagner war auch zu Hause der Meister – war das Essen fertig, wartete man, bis er kam. Foto: imago stock&people
Richard Wagner kann man nicht entgehen. Weder wie jetzt in Bayreuth noch sonst irgendwo in der Welt der Musik und Kultur. Sein Werk ist prägend, weil es so viele Facetten aufweist und auf eine Weise ganzheitlich konzipiert ist, die ihm, ob es einem gefällt oder nicht, Einzigartigkeit verleiht. Dass dies so ist, wäre kein Problem, wären im großen Schatten dieses Giganten da nicht einige besonders dunkle Flecken wie zum Beispiel sein hässlicher Antisemitismus und seine eklatante Selbstbezogenheit, die es nur schwer möglich macht, ihn sympathisch zu finden. 

Tatsächlich scheint es unter den vielen, die ihn bewundern, ihn als grandios, sein Werk überwältigend finden, wohl nur wenige zu geben, die ihn einfach gern haben. Mehr noch: Selbst denen, die ihn dezidiert nicht mögen, nötigt er, wie dem Sozialkritiker May Nordau, widerwillige Bewunderung ab. Er schrieb über den Meister von Leitmotiv und Gesamtkunstwerk: „Von allen Verirrungen der Gegenwart ist die Wagnerei, wie die verbreitetste, so die wichtigste.“   

Wagner hinterließ seine „Büchse der Pandora“  

Unter denen, die Wagner, wie Harold Bloom es in „The Anxiety of Influence“ zeigt, ein Werk, das von der Angst vor Beeinflussung handelt, aus dem Blickwinkel der Psychologie betrachten, machte sich schnell die Erkenntnis breit, dass der übermächtige Gesamtkünstler, gerade weil er in seiner Megalomanie so tyrannisch erschien, für den Zuschauer eher überraschend und scheinbar unbemerkt zur perfekten Projektionsfläche für seine Wünsche und Vorstellungen wurde. Betrachtet man näher, was die Größe des Ton- und Theaterkünstlers ausmacht, wird deutlich, woran es liegt: Wagner ist nicht nur der Meister des Zusammenführens verschiedener künstlerischer Ausdrucksformen. Er formte das gesellschaftliche Unbewusste in Klang, Wort und Bild und blieb dabei, und genau dies macht sein Werk in gewisser Hinsicht zugleich bedeutsam und gefährlich, im Tiefsten unbestimmt.

„Das Unvergleichliche des Mythos ist, dass er jederzeit wahr
und sein Inhalt bei dichtester Gedrängtheit
für alle Zeiten unerschöpflich ist“

Seine Opern ähneln Mythen, die jeden einen anderen Weg führen können. Sie sind vieldeutig. Das liegt in ihrer Natur, ist gewissermaßen ein Gattungsmerkmal. „Das Unvergleichliche des Mythos ist, dass er jederzeit wahr und sein Inhalt bei dichtester Gedrängtheit für alle Zeiten unerschöpflich ist“, schrieb Wagner über die archetypische Welt, aus der er seine Themen schöpfte. Aber er tat natürlich mehr als das und manipulierte mit Hilfe der seinen Stoffen inhärenten Ambiguität deren Aussagen in seinem Sinne. Und er blieb nicht der einzige. Denn mit seinem Zugang zu einer farbenreichen fernnahen Vorstellungswelt, die er in genau dem Augenblick erschloss, in dem sie dank industrieller Revolution ein für alle Mal zu verschwinden drohte, öffnete Wagner nicht nur seine ganz persönliche Büchse der Pandora, er hinterließ gewissermaßen ein in hohem Maße anpassungs- und wandlungsfähiges Gefäß für die Mythen derer, die nach ihm kamen. 

Wagnerrezeption mündet oft in Projektion

In Wagners Welt finden sich eben nicht nur alte Geschichten, sondern vielmehr hochpotente Samenkörner für gefährliche neue Gedankenwelten wie Friedrich Nietzsches Vorstellung vom Übermenschen, für die sanft-romantischen Projektionen, in denen auf den Bildern der Präraffaeliten das Mittelalter als heiler Zufluchtsort in einer zerrissenen Welt erschien oder in den okkulten Vorstellungen pseudomystischer Zirkel. Das Interessante am Wagnerianismus ist, dass diejenigen, die sich mit seinem Werk auseinandersetzten, es gut oder aber auch nur ganz flüchtig kennen konnten. Referenzen zu Wagner finden sich bei James Joyce ebenso wie bei Marcel Proust, T.S. Eliot oder Virginia Woolf, aber auch in Fantasy Welten wie „Der Herr der Ringe“, in „Star Wars“ oder dem „Game of Thrones“.

Wie weit die Projektionen gehen konnten, zeigen die Rezeption Wagners als Sozialisten, Feministen, Homosexuellen, Farbigen, Theosophen, Satanisten, Dadaisten oder Meister des Science Fiction. Dass all diese miteinander nicht selten unvereinbaren Facetten nicht vollkommen aus der Luft gegriffen sind, leuchtet ein. Als Meister der Ambiguität spielte Richard Wagner ja selbst mit dem Moment des Unbestimmten, das ihm umso näher lag, als er ihn aus seiner Sicht über die gewöhnlichen Sterblichen erhob, und vielleicht bereitete es ihm eine stille Freude, seine spiralige Biografie und die Diversität der Ideen und Einflüsse, die er in sich aufnahm, sich teilweise zu eigen machte und wieder verwarf ebenso wie seine Opern zu einem Gesamtkunstwerk zu formen, dass seine Größe eindrucksvoll zeigte.   

Wollte nicht wie ein Phantom im Gedächtnis bleiben 

Wagner erregte ganz bewusst starke Emotionen. Die Urteile über ihn reichen von Stéphane Mallarmés „le dieu Wagner“ bis zu W.H. Audens „absolute shit“ und verifizieren so das Diktum, das George Bernhard Shaw in seiner bekannten Abhandlung „The perfect Wagnerite (zu deutsch: Ein Wagner Brevier) formuliert hat: „Ein echter Wagnerianer zu sein bedeutet … nicht, Wagner gegenüber wie ein Hund seinem Herrn nur treu ergeben zu sein.“ Wagner hätte hier, zumindest was sein persönliches Umfeld anging, in dem er großen Wert auf hundertprozentige Ergebenheit legte, wohl widersprochen. 

Aber vielleicht liegt genau hier die Wurzel zum Verständnis einer Größe, die vielleicht am Ende doch nur eine scheinbare oder zumindest eine zutiefst unvollkommene war. Ein Blick auf Wagners Alltag zeigt, worum es dabei geht. Künstler vergessen, vor allem dann, wenn ihnen eine Idee kommt, oft Zeit und Raum. Das ist normal. Wer also einen Komponisten zum Mann hat, sollte sich nicht wundern, wenn der Ruf, zum Essen zu kommen, mit einer Kaskade von Tönen beantwortet wird und der Gatte erst viele Minuten oder sogar Stunden später am Tisch des Hauses erscheint.

Stumm vor dem erkaltenden Mahl auf den "Meister" warten

Doch auf diese natürliche Eigenschaft eines Hochkreativen kann man auf unterschiedliche Weise antworten. Man kann mit dem Rest der Familie ein frohes und geselliges Mahl halten und dem Künstler, wenn er dann soweit ist, ein liebevoll warmgehaltenes oder wenn es allzulange dauert, ein frisch gekochtes Menü vorsetzen. Oder man kann, wie es bei Wagners vom Meister verlangt wurde, vor zunehmend erkaltendem Mahl sitzen und stumm warten. Letzteres ist ein Indikator für pathologische Megalomanie. Die wiederum hat ihre Ursache nicht selten in einer geringen Selbsteinschätzung. Dass dies auf Wagner wohl zumindest teilweise zutraf, zeigt ein Abschnitt aus dem Tagebuch seiner Frau Cosima. Der Eintrag handelt von der Nachwirkung, die Wagner im Hinblick auf seine Werke erhoffte und die, wie jedermann weiß, gewaltig und bis zum heutigen Tag höchst lebendig und facettenreich ist. 

Die traurige, nachgerade erschütternde Wahrheit im Hinblick auf die Innenschau des Giganten aber ist diese: „Er glaubt, dass nach seinem Tode sie seine Werke gänzlich sekretieren werden und er nur wie ein Phantom im Gedächtnis der Menschheit leben wird.“ Ein gewaltiger Irrtum eines Großen, der sich wohl sehr viel kleiner fühlte, als seine mit viel Mühe und lebenslanger Energie perfektionierte Außendarstellung den auf eben dieses Äußere fokussierten Blick vermuten lässt. Das Thema Person, Psychologie und Werk ist zweifellos eines der Interessantesten der Kulturgeschichte. Den Nachwirkungen Wagners nachzuspüren ist eine faszinierende Aufgabe. Am 17. November wird hierzu das ausgezeichnete, inhaltsreiche und viele neue Einsichten versprechende Buch von Alex Ross, „Die Welt nach Wagner“ im Rowohlt Verlag erscheinen. Eine klare Leseempfehlung kann ausgesprochen werden. 

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