Berlin

Von Gutenberg zu Twitter - eine Ausstellung

Eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin zeigt, wie der Buchdruck die Revolution der Kommunikationsmedien auslöste.

Historischer Druck: An den christlichen Adel deutscher Nation.
"An den christlichen Adel deutscher Nation"; von Martin Luther erschien 1520 in einer Auflage von 4 000 Exemplaren, 14 Nachdrucke schlossen sich an. In dieser Schrift bezeichnet Luther den Papst als "Antichristen. Foto: Oliver Gierens

Wenn heute jemand irgendwo auf der Welt einen Tweet absetzt, ein Foto oder Video postet, geht das in Sekundenschnelle um die Welt. In einer Weise, die vor Jahrzehnten noch undenkbar schien oder allenfalls eine Zukunftsutopie war, verbreiten sich Informationen – wahregenauso wie „Fake News“ – aber auch Meinungen oder Debatten mit einer Dynamik, die nicht mehr aufzuhalten ist. Millionen Menschen werden in Echtzeit Zeugen von Demonstrationen, die tausende Kilometer entfernt stattfinden. Es ist unbestreitbar: Das Internet hat die weltweite Kommunikation grundlegend verändert.

Ob sie besser oder schlechter geworden ist, darüber lässt sich diskutieren. Kommunikation ist „demokratischer“ geworden, weil jeder seine Sicht der Dinge unmittelbar unter die Menschen bringen kann. Andererseits hat das auch Flanken geöffnet für Lügen, Verschwörungstheorien und Desinformation. So wie einst im 19. Jahrhundert das Aufkommen von Massenblättern Millionen von Menschen den Zugang zu Informationen und damit demokratische Teilhabe ermöglicht hat, so wie vor 70 Jahren der Siegeszug des Fernsehens den Zuschauern buchstäblich neue Einblicke ermöglicht und Ereignisse von Weltrang in die Wohnzimmer gesendet hat, so wäre auch ein epochales Ereignis in der Kirche ohne die damals „neuen“ Medien nicht möglich gewesen: die Reformation.

Der Buchdruck machte die Reformation möglich

Dass die Thesen Martin Luthers, Johannes Calvins oder Ulrich Zwinglis so schnell und umfassend Verbreitung fanden, wurde erst möglich durch den Buchdruck, den Johannes Gutenberg etwa ein halbes Jahrhundert vorher erfunden hatte und der nun massentauglich wurde. Eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin widmet sich dieser und anderer medialer Revolutionen. Unter dem Titel „Von Luther zu Twitter. Medien und politische Öffentlichkeit“ ist die Schau im gläsernen Pei-Bau hinter dem Zeughaus an der Museumsinsel zu sehen.

Die Ausstellung zeigt: Die neue Technik des Buchdrucks für religiöse Schriften zu nutzen, war durchaus nicht neu. Die berühmte „Gutenberg-Bibel“, die vom Erfinder des modernen Buchdrucks, Johannes Gutenberg, hergestellte Ausgabe der Heiligen Schrift mit 42 Zeilen pro Seite, gilt als das erste Buch, das weltweit mit beweglichen Lettern hergestellt wurde. Von ihr gibt es nur 180 Exemplare, von denen einige in Deutschland verwahrt werden, unter anderem in der Staatsbibliothek zu Berlin,im Gutenberg-Museum in Mainz oder in der Bayerischen Staatsbibliothek in München.

Ablasshandel als äußerer Anlass

Ein Faksimile von 1979 ist in der Ausstellung in Berlin zu sehen. Daneben druckte Gutenberg in seiner Mainzer Werkstatt auch andere kirchliche Schriften, die im 15. Jahrhundert von Bedeutung waren. Neben dem Lehr- und Nachschlagewerk „Catholicon“ oder dem „Proviciale Romanum“, einem Verzeichnis der damaligen Diözesen, waren dies auch Ablassbriefe, in die die Gläubigen einfach ihren Namen eintragen brauchten und sie bei der Beichte abgeben konnten.

Der moderne Buchdruck machte es möglich: Die Ablassbriefe konnten schnell und kostengünstig hergestellt werden und fanden somit schnell eine massenhafte Verbreitung. Was die Kirche damals als großen Vorzug angesehen haben mag, wurde ihr jedoch schließlich zum Verhängnis.

„Am Ende stand die konfessionelle Spaltung der westlichen Kirche.“

Martin Luther und seine Mitstreiter nahmen diese auch aus katholischer Sicht zweifelhafte kirchliche Praxis zum Anlass, eine „Reformation“, eine Rückkehr zu den Ursprüngen der Bußpraxis zu fordern. Wie wir heute wissen, lief diese Forderung nach einem „Zurück zu den Wurzeln“ schließlich selbst aus dem Ruder. Am Ende stand die konfessionelle Spaltung der westlichen Kirche. Dass sich die Thesen Luthers so rasant verbreiteten, ging nicht allein auf den Buchdruck zurück. Luther konnte zu den „einfachen Leuten“ sprechen.

Eine verständliche, klare Sprache, die wesentlich zur Entstehung des Hochdeutschen beigetragen hat, machte den Reformator massentauglich. Nicht nur, dass er die Bibel ins Deutsche übersetzte, er verfasste sie auch so, dass sie von vielen Menschen – so sie denn lesen konnten – verstanden wurde. Und die Druckerpressen sorgten dafür, dass Luthers Thesen „unters Volk“ kamen. Sein Traktat „An den christlichen Adel deutscher Nation“ mit Reformüberlegungen für das kirchliche und weltliche Leben wurde im Erscheinungsjahr 1520 gleich 4 000 Mal gedruckt; es folgten weitere 14 Auflagen in ähnlicher Höhe.

Görres hatte große Wirkung auf die deutsche Publizistik

Die Reformation ließ die Druckerpressen also kräftig rotieren: Schon 1524 erschienen rund 2 400 Schriften mit einer Gesamtauflage von rund 2,4 Millionen. Auch die „Lutherbibel“ fand reißenden Absatz. Bereits im September 1522 kam das Neue Testament in einer Auflage von 5 000 Exemplaren in Umlauf. Schon nach drei Monaten war es vergriffen. Innerhalb von drei Jahren erschienen ganze 42 Neuauflagen. 1534 kam die erste Gesamtausgabe der Bibel auf den Markt. Es sollte rund drei Jahrhunderte dauern, bis eine erneute „Revolution“ die Medienwelt ereilte: Die Erfindung der Rotationsdruckmaschine 1846 erlaubte den Druck von Zeitungen im Schnellverfahren. Bis zu 20 000 Exemplare pro Stunde konnten fortan die Druckereien verlassen.

Das Zeitalter der Massenmedien hatte endgültig begonnen. Auch die Kirche oder kirchennahe Kreise machten sich die neuen Möglichkeiten zunutze, mithilfe von Zeitungen und Zeitschriften die öffentliche Meinung im Sinne des katholischen Glaubens zu prägen. Die Ausstellung geht zwar nicht näher auf die Kirchenpresse ein. Doch sie weist darauf hin, dass alle möglichen Denkrichtungen – Liberale, Monarchisten, die Arbeiterbewegung und auch die Kirchen – zunehmend versuchten, die öffentlichen Debatten zu beeinflussen. Zum bekanntesten katholischen Publizisten im deutschsprachigen Raum des 19. Jahrhunderts wurde Joseph Görres.

Elektronische Medien dominieren seit Anfang des 20. Jahrhunderts

Mit seiner Parteinahme gegen Preußen im Kölner Kirchenstreit um 1837 und seiner fiktiven Abschiedsrede Napoleons vor seinem Abzug auf die Insel Elba hat er eine nachhaltige Wirkung auf die deutsche Publizistik ausgeübt. Das 20. Jahrhundert schließlich gehört den visuellen Medien: Rundfunk und Fernsehen halten Einzug in die Wohnstuben. Bereits 1931 entsteht Radio Vatikan, später kommen auch kirchliche Fernsehsender hinzu. Doch religiöse Programme spielen im deutschsprachigen Raum nur eine untergeordnete Rolle. Wichtiger ist die Kraft der Bilder, die den Zuschauer mitten ins Geschehen ziehen. Auch die Kirche profitiert davon. Das „öffentliche“ Sterben Johannes Pauls II., die Wahl von Joseph Ratzinger zum neuen Pontifex, die Bilder vom Weltjugendtag in Köln: Auch Kirche wird zum medialen Ereignis, die Macht der Bilder tritt in Konkurrenz zur Macht des Wortes.

Mit dem Siegeszug des Internets ist zwar die Bedeutung des Wortes wieder gewachsen, doch längst sind die Medien miteinander verschmolzen. „Multimedial“ heißt das Gebot der Stunde, und auch hier macht sich die Kirche die Chancen der neuen Medien zunutze. Während des Corona-Lockdowns haben Hunderttausende sonntags nicht mehr in der Kirchenbank, sondern vor dem Laptop gesessen.


„Von Luther zu Twitter. Medien und politische Öffentlichkeit“. Deutsches Historisches Museum, Pei-Bau, Unter den Linden 2/ Hinter dem Gießhaus, 10117 Berlin. Öffnungszeiten: Fr bis Mi 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr.

Die Ausstellung ist noch bis zum 11. April 2021 zu sehen.

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