Freundschaft

Schlechte Christen sind keine guten Freunde

Je mehr Bindung schwindet, je mehr das Individuum - trotz aller Kontakte - vereinsamt, umso mehr "vermasst" die Gesellschaft, umso eher geht Freiheit verloren. Christliche, erlöste Menschen haben das Rüstzeug in persönlicher Zuwendung solche Bindungen zu erlangen, die genug Stärke besitzt, Gesellschaft gemeinsam zu gestalten.

Seilschaft
Gegenseitiges Vertrauen, gemeinsame Wertefundamente und ähnliche Interessen, sind Grundlage belastungsfähiger Beziehungen: Auf solche Freunde kann man sich verlassen und selbst in unwirtlicher Umgebung und dunkler Zeit, hoch gesteckte Ziele erreichen - manchmal sogar gesellschaft... Foto: imago sportfotodienst

Treten Störungen in der Apparatur der entwurzelten Masse auf, ist die Rede von der drohenden "Spaltung der Gesellschaft" die stets wiederkehrende Phrase, die in Reden vom Bundespräsidenten abwärts zum Allgemeingut geworden ist und einen festen Platz in der "Krisenkommunikation" unserer Tage gefunden hat. Terror, Amokläufe und gewalttätiger politischer Extremismus verunsichern westliche Gesellschaften, da sie auf einem auf Wohlstand und Individualismus beruhendes Freiheitsversprechen gründen. Durch Appell soll einer denaturierten Welt ihre politische und moralische Integrität versichert werden, der Einzelne mit seiner Verantwortung aus seinen religiösen, familiären und persönlichen Bindungen heraus verschwindet oder wird der Psychiatrie anheimgegeben. Doch ist Freiheit keine moralische, sondern eine natürliche und religiöse Kategorie, Freiheit realisiert sich im Einzelnen, vor allem auch unter den widrigsten Umständen, in einem Menschen, der in sich selbst und der Gemeinschaft wurzelt. Und der Christ weiß auch, dass seine Beziehung zu Gott und zur menschlichen Gesellschaft untrennbar zusammengehören.  

Darüber wird so oder ähnlich von der politischen Linken bis zur Rechten, von Christen und Säkularen immer und immer wieder am Spielfeldrand sinniert. Doch auch sie nehmen Teil an diesem Menschentypus der Postmoderne, vereinzelt, auch wenn sie sich in sozialen Netzwerken mit Tausenden von "Freunden" verbinden, Privatestes teilen, sich vielleicht als Renegaten feiern. Sie bleiben mehr denn je als Einzelne zurück. Werner von Trott zu Solz, aus altem Geschlecht, Konvertit und im Krieg mit Kommunisten befreundet, Bruder des Mitverschwörers des 20. Juli, Adam, stellte fest, dass während die Preisgegebenheit des Einzelnen für den einen verborgener ist, ist sie für ihn eine nicht weniger radikale Herausforderung. 

"Durch Hitler wurde offenkundig,
was geschieht, wenn die durch
die Apparatur der Gesellschaft entwurzelte Masse regiert."

Der Freund Heinrich Bölls schaute in den 50er Jahren konsterniert auf die gesellschaftliche und politische Entwicklung der Bundesrepublik und was aus den Erkenntnissen aus der NS-Herrschaft und des Zusammenbruchs hätte werden sollen, wären die Widerständler aus dem Adel, der Arbeiterschaft und der verbliebenen konservativen Elite mit ihren Forderungen nach einem echteren Neuanfang durchgedrungen. Denn laut Trott zu Solz zeige sich in Hitler wie in der Wasserstoffbombe dasselbe verborgene Gesicht der Massengesellschaft verkörpert: "Durch Hitler wurde offenkundig, was geschieht, wenn die durch die Apparatur der Gesellschaft entwurzelte Masse regiert." 

Die Verschwörer des 20. Juli liefern für ihn eine Blaupause, wie ein Kreis von persönlicher Freundschaft getragen einen gigantischen Apparat der anonyme Massengesellschaft fast in die Hand bekommen konnte. Trotz der Verwirrung, die durch das "Dritte Reich" eine ganze Gesellschaft in den Bann zog, dem Versagen der moralischen Instanzen, konnte aus der Isolation aufgrund persönlichen Vertrauens etwas vollzogen werden, was auf tiefer persönlicher Solidarität gründet, die sich bürgerlich-idealistischen Kategorien entzog. "Je unmenschlicher eine Gesellschaft wird, umso weniger unmittelbare Orientierungspunkte bietet sie denen, die in sie eindringen, um sie zu ändern. Man handelt wie im Nebel und muss doch fähig sein, in scheinbar harmlosen Vorgängen das Verbrechen und im offensichtlich Unmoralischen den Weg zu finden, diesem Verbrechen zu Leibe zu rücken." 

Freundschaft übt brüderliche Kommunikation

Für Trott zu Solz ist die Schaffung eines "klösterlichen Hinterlandes" daher unerlässlich, dass der Christ mit der Welt in Freiheit fertig wird. Um in der Massengesellschaft ("Maschinengesellschaft") bestehen zu können, müsse die christliche Familie und der persönlich fundierte Freundesbund, jenes Hinterland abgeben, wo der "Angriff gegen die moderne Gesellschaft vorbereitet und von dem aus ein zulänglicher Weg in die "Maschinengesellschaft" gefunden werden könne. Die Freundschaft sei Einübungsstätte brüderlicher Kommunikation, die in der Gesellschaft immer mehr schwindet.  

Von Trott zu Solz warnt vor einem oberflächlichen Verständnis der Freundschaft angesichts der Auflösung der natürlichen Ordnungen, wie es die Massengesellschaft mit sich bringt. Die Denaturalisierung des Staats und der Ordnung gingen auch an den basalen menschlichen Erfahrungen nicht vorbei   auch nicht unter Christen. "In unserer sehr viel preisgegebeneren Lage brauchen wir ein ursprünglicheres Bild der Freundschaft, sonst wird sie in dem unmenschlichen Medium des Gesellschaftlichen, wo sie sich doch erweisen und erst entscheidend zum Zuge kommen soll, nicht standhalten." Dagegen sei die Freundschaft im Sinne der Griechen als konstituierendes Element des Politischen zurückzugewinnen, um sie von einem bürgerlich-idealistischen Verständnis abzugrenzen, das Freundschaft – wie die Familie –  in das Private verbannt, wo sie nicht standhalten könne. Vielmehr betont er den persönlichen Charakter der Freundschaft, die nach Thomas von Aquin Abbild der Selbstliebe ist: man liebt den Freund so, wie man sich selber liebt.

Echte Herrschaft ist brüderlich

Die Freundschaft "geht hervor aus der Ähnlichkeit mit der Liebe, die man für sich selber hegt." Für Trott zu Solz ist ein solches Verständnis der Freundschaft die Grundlage, "alles Mögliche zu tun, um die persönliche Entfaltung des zwischen den Freunden Gemeisamen bis in den Grund zu entwickeln." Denn es droht, dass die Solidarität den Verkehrungen der gesellschaftlichen Praxis nicht gewachsen ist und zerbricht. Er erinnert daran, dass eine solche Plattform kein idelogischer Aspekt ist. Sie nimmt Teil am anderen und gibt Halt. Sie ist eine reale Plattform, die "scheinbar in dem Vakuum, das zwischen der Maschinenwelt und dem Gekreuzigten aufgebrochen ist, in der Luft hängt und doch insgeheim von ihm gehalten wird: das wahrhaft Christliche verkörpert sich teilnehmend in der Verzerrung des Menschen, der noch im Widerspruch zur Unmenschlichkeit der Gesellschaft, die sich christlich maskiert, von ihr bestimmt wird." 

Es geht Trott zu Solz am Beispiel der Cluniazenser um tragende menschliche Rückzugsräume, die angesichts des "Schwindelunternehmens der scheinchristlichen Gesellschaft" einen Raum für die gemeinsame Erfahrung der Gnade eröffnet. "Es wird sich dann zeigen, dass die bewegende Kraft einer christlichen Freundschaft umso weniger von dieser Welt ist, je unbedingter sich die Parteien einander öffnen, ja sich ineinander zu verlieren bereit sind." Ebenso wie echte Herrschaft brüderlich sei, führe wirkliche Brüderlichkeit zum Herrn: "Denn beides ist Christus; man darf nicht müde werden, es immer wieder zu sagen: unser Herr und unser Bruder."

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