Washington

Powerfrauen made in the USA

Warum Freundschaften zwischen politischen Gegnern möglich sind und in Ruth Bader Ginsburg ein konservativer Funke steckt.

Amy Coney Barrett
Wird Amy Coney Barrett, Mutter von sieben Kindern, bald als Richterin im Supreme Court angelobt? Foto: imago images

Ruth Bader Ginsburg dreht sich in ihrem himmlischen Grab um, wenn sie sieht, dass ihre Nachfolgerin beabsichtigt, all das zunichte zu machen, was sie aufgebaut hat.“ In Weltuntergangsrhetorik mit dazu passender Mimik äußerte sich der demokratische US-Senator Chuck Schumer via Twitter zu Trumps Nominierung von Amy Coney Barrett für das Oberste US-Gericht. „Dabei war es Richterin Ginsbergs ausdrücklicher Wunsch kurz vor ihrem Tod, dass der nun vakant gewordene Platz im Supreme Court erst nach der Präsidentenwahl neu besetzt wird!“

So argumentierte nicht nur der New Yorker Senator, sondern zahlreiche Medien, denen die Wahl der katholischen Barrett ein Dorn im Auge ist. Bei all dem Betroffenheitsjargon stellt sich die Frage: Ist die Nominierung einer Konservativen denn wirklich so schlimm, wie einige Linksliberale es darstellen? Wird sich die kürzlich verstorbene und zur Pop Ikone hochstilisierte Ruth Bader Ginsberg tatsächlich „im Grab umdrehen“?

Barrett liest den Verfassungstext vor dem Hintergrund des Willens der Autoren

Auf den ersten Blick scheinen die beiden Frauen nichts gemein zu haben. Ginsburg, Tochter russisch-jüdischer Einwanderer zweiter Generation, wuchs in einem Arbeiterviertel in Brooklyn auf. Barrett wurde im südstaatlichen New Orleansin eine tief katholische Familie hinein geboren. Ihr Vater ist Diakon. Erstere wuchs als Einzelkind auf, nachdem sie ihre Schwester verlor. Zweitere ist die Älteste von sieben Geschwistern. Gemeinsam ist ihnen der herausragende Intellekt, der Ehrgeiz und die Leidenschaft für Rechtswissenschaften. Jedoch auch hier trennen sich die Wege. Die beiden Juristinnen vertreten unterschiedliche rechtswissenschaftliche Denkschulen.

Für die verstorbene Richterin ist die Verfassung „lebendig“. Sie darf weiterentwickelt und neu interpretiert werden. Barrett gilt als „Originalistin“. Dieser Ansatz besagt, dass der Text so ausgelegt werden soll, wie zu der Zeit, als er in Kraft trat. Einen verbindenden Dreh- und Angelpunkt gibt es jedoch: Ausgerechnet der aneckende, 2016 verstorbene Richter Antonin Scalia prägte beider Leben auf ganz unterschiedliche Weise. Der ehemalige Kollege Ginsburgs am Obersten Gericht war ein Erzkonservativer aus dem Bilderbuch – und zugleich ihr bester Freund. Zusammen bereisten sie fremde Länder und verbrachten unzählige Silvesterabende im Kreis ihrer vereinten Familien.

Das, obwohl sie am Gericht meist die konträre Meinung des jeweils anderen vertraten. Verbunden in ihrer Liebe zur Oper wurde dem ungleichen Duo sogar eine eigens komponierte komische Oper gewidmet. Sie entstand 2015 unter dem Namen „Scalia v. Ginsburg“ und hat die oppositionellen Persönlichkeiten zum Thema. Doch was war ihre Nummer Eins-Gemeinsamkeit? „Ich glaube, sie hatten diese Bindung, da beide als ursprüngliche Außenseiter zu Eliten heranwuchsen, die das Land regierten: Sie als Jüdin und Frau, er als Katholik und Italo-Amerikaner“, so Scalias Sohn Eugene in einem Artikel der „Washington Post“. In unserem gesellschaftlichen Klima, wo sich die Fronten zwischen Konservativen und Linksliberalen derart verhärtet haben, ist diese außergewöhnliche Freundschaft fast unvorstellbar.

Der konservative Scalia ist Dreh- und Angelpunkt

Für die fast 40 Jahre jüngere Amy Coney Barrett war Scalia hingegen eine Mentor-Figur. Sie folgte dem „öffentlichen Gesicht des modernen Originalismus“, wie der Richter genannt wurde, in der rechtswissenschaftlichen Denktradition und arbeitete ein Jahr als Law Clerk für ihn. Vertieft sich einer in die Biografien von RBG und ABC, so die Kürzel der beiden Frauen, kommen weitere konservative Schätze an das Tageslicht. Es gibt diesen in die Jahre gekommenen Spruch: „Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau“. Im Fall der zwei „Wonderwomen“ decken starke Männer den Frauen den Rücken.

Die Richter-Ikone lernte ihren Mann Martin als 17-Jährige auf der Universität kennen. „Er war der erste Mann, den ich traf, der sich dafür scherte, dass ich ein Gehirn hatte“, gab Ginsburg später in Interviews zum Ausdruck. Vier Jahre später heirateten die beiden. Bald danach, kurz vor ihrem Harvard-Studium, wurde sie schwanger mit dem ersten ihrer zwei Kinder. Eine studierende Frau, deren Kind unter Tags von einer Nanny betreut wurde mit einem Mann, der für sie kochte – Martin war ein ausgezeichneter Koch im Gegensatz zu seiner Frau: Damals, in den 50er Jahren, wie auch heute, würde so ein Mann als „Feminist“ bezeichnet werden.

„Manche Dinge im Leben sind wichtiger als Wahlen.“

Dass es so war, entsprang allerdings keiner linksliberalen Agenda, sondern ergab sich ganz natürlich aus den Persönlichkeiten der beiden Juristen. Der extrovertierte und erfolgreiche Martin Ginsburg hatte keine Angst vor einer klugen und ebenso erfolgreichen Partnerin an seiner Seite. Ähnliche Muster dürften in der Beziehung zwischen ACB und ihrem Mann Jesse bestehen. Auch er ist der Chefkoch der Familie, wie die Juristin in ihrer Rede zu ihrer Nominierung für das Richteramt im Supreme Court zugibt. Der Unterschied zu den Ginsburgs liegt in der Anzahl der Kinder: Die Barretts haben sieben, davon einen Sohn mit Down-Syndrom und zwei adoptierte aus Haiti.

So stark, unabhängig und intelligent die beiden Frauen auch sind, beide betonen explizit, dass dieser ihr Weg nicht ohne die Unterstützung und Hilfe ihrer Ehemänner möglich gewesen wäre. Dies sind dann doch wieder eher anti-feministische Töne für die Ohren der Frauen des 21. Jahrhunderts, die, wenn sie wahrhaft emanzipiert sein wollen, am besten Single bleiben und sich nicht auf eine 56 Jahre anhaltende, heteronormative Ehe, wie Richterin Ginsburg sie führte, beschränken sollen. Konservatives Privatleben, linksliberale Ideen: das ist die alte liberale Schule.

Trotz politischer Unterschiede, mit Andersdenkenden befreundet sein

Ein kleines Gedankenspiel: Wie wäre es, wenn RGB und Antonin Scalia noch leben würden, Barrett in den Supreme Court gewählt werden würde und sich alle drei dort treffen? Klar würde sich Scalia freuen, hätte er doch in ACB eine konservativ-katholische Verbündete. Es ist sicher nicht abwegig zu behaupten, dass Ginsburg ihre Kollegin aus dem anderen Lager schätzen und respektieren würde. Und die Möglichkeit besteht, dass aus dem Trio privat „best buddies“ werden würden. Wie dem auch sei, die außergewöhnliche Freundschaft der beiden konträren Persönlichkeiten weckt Hoffnung, dass es auch heute möglich ist, über politische Unterschiedlichkeiten hinwegzublicken und mit Andersdenkenden befreundet zu sein. „Manche Dinge im Leben sind wichtiger als Wahlen.“ Diesen Kommentar Scalias gilt es zu beherzigen.

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