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Nur säkular

Zum 85. Geburtstag: Der Dalai Lama lehrt weiter Atheismus.

Der Dalai Lama wird 85
Religion ohne Gott: Der Dalai Lama vertritt deutlich säkulare Positionen. Am 06. Juli wird das spirituelle Oberhaupt der Tibeter 85 Jahre. Foto: Ashwini Bhatia (AP)

Selbsterlösung ist in. Dass das viele spirituell Veranlagte so wollen, liegt auch am Dalai Lama. Das religiöse Oberhaupt hat es bei seinen Auftritten und in seinen zahlreichen Büchern nie versäumt, den Säkularismus zu verkünden. Um ein guter Mensch zu werden – dazu bedürfe es nicht der Religion, man könne sich auch selbst helfen. Dass Säkularismus aber den Atheismus fördert, darauf hat schon der kanadische Philosoph Charles Taylor hingewiesen. Der Buddhismus ist Atheismus.

Am 6. Juli wird der 1935 geborene Dalai Lama, der „Ozeangleiche Lehrer“, 85 Jahre alt. Im deutschen Sprachraum wurde er durch den österreichischen Bergsteiger Heinrich Harrer bekannt, der den Dalai Lama 1946 in der verbotenen Stadt Lhasa aufsuchte und der über die damaligen Ereignisse das Buch „Sieben Jahre in Tibet“ schrieb, später verfilmt mit Brad Pitt. Als Gott wird das Oberhaupt der Tibeter nicht verstanden, vielmehr als Erleuchteter. Stirbt er, hoffen die Tibeter, seine Wiedergeburt in einem Jungen aufzufinden.

Die Welt ist für den Dalai Lama nur Schein

Die späteste und erst im 13. Jahrhundert entstandene tibetische Form des Buddhismus wird dem esoterischen Buddhismus zugerechnet, der, anders als etwa der Zen-Buddhismus, Hilfsmittel zur Erleuchtung benutzt, wie etwa Mandalas oder Waffen zur Dämonenabwehr. Der Dalai Lama selbst vertritt, so in seinen Harvard-Vorlesungen, den „mittleren Weg“ des indischen Philosophen Nargajuna (2. Jahrhundert nach Christus), der zwar von der uns umgebenden Welt ausging, die im Kern aber Schein sei. Hier liegt auch ein entscheidender Unterschied zum Christentum, das von der Realität der Schöpfung ausgeht.

Genau diesen Realismus des Seins hat der Buddhist Dalai Lama mit Nagarjuna immer bestritten. Hiernach gebe es keine Substanz, wie die christliche Substanzontologie sagt, sondern anti-ontologisch sagt das tibetische Oberhaupt auf seiner Internetseite: „Nagarjuna schrieb, die Dinge seien leer von unabhängiger Existenz. Sie existieren in Abhängigkeit von anderen Faktoren, die er als ,pratityasamutpada‘ oder abhängiges Entstehen beschreibt.“ Wenn es keine Substanz, nichts Unabhängiges gibt, dann gibt es nur Abhängigkeiten, also Leere, wie es im Buddhismus heißt, denn nichts gründe in sich selbst. Die Leere ist das Nichts gegenüber dem christlichen Sein. Auch die Götter und Dämonen unterliegen nach dieser Auffassung dem Nichts der Leere. Darum bleibt für den Dalai Lama nur das Mitgefühl als oberstes Prinzip seiner säkularen Ethik. Die Ethik genügt ihm: „Meiner Überzeugung nach können Menschen ohne Religion auskommen, aber nicht ohne innere Werte.“

„Wie ich immer betone, kann man
nicht behaupten, eine Religion sei
besser als die anderen“

Seine Lehre verbreitet der Dalai Lama weiter. An seinem Geburtstag will er sein erstes Musikalbum herausbringen, „Inner World“ wird es heißen; mit Musik könne deutlich werden, dass die wahre Quelle des Glücks die Warmherzigkeit und die Sorge für andere sei. Zuletzt hatte er mit dem evangelischen Theologen Michael van Brück den Band „Wagnis und Verzicht – Die ermutigende Botschaft des Dalai Lama“ (Kösel, 2019) herausgegeben. Hier empfiehlt er, möglichst viel über andere Religionen zu wissen: „Wie ich immer betone, kann man nicht behaupten, eine Religion sei besser als die anderen. Das ist wie mit Arzneimitteln. Man kann nicht sagen, dieses eine Medikament sei das beste, denn jede Krankheit erfordert eine spezifische Behandlung. Religion und Philosophie sind ebenfalls Arzneimittel, um Emotionen auszugleichen und zu kontrollieren.“

Nach Ansicht des Dalai Lama besitzen die Religionen auch viele positive Aspekte, „welche die religiösen Institutionen aus mancherlei Gründen verdunkeln“: zu viel Geld und Verquickungen mit der Politik. Am Christentum schätzt er die praktizierte Nächstenliebe, im Buddhismus gebe es mehr Geistschulung. Doch bleiben die Meinungen des Dalai Lama ohne Gott und ein damit verbundenes Menschenbild nur relativ.

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