Paris

Mut zur klassischen Schönheit

Notre-Dame wird originalgetreu wieder aufgebaut werden. Dabei sollen nicht Maschinen, sondern Handarbeit und das Werkzeug von erfahrenen Zimmerleuten zum Zuge kommen.

Wiederaufbau von Notre-Dame
Der französische Präsident Macron will bei der Restaurierung von Notre-Dame der Bautradition von vor 855 Jahren folgen. Foto: dpa

Dieu merci! Welche Erleichterung! Nicht nur unter den Architekten, Restauratoren und Bewahrern des französischen Kulturerbes macht sich helle Freude breit. Auch die meisten Einwohner von Paris und ganz Frankreichs sind froh über die Entscheidung ihres Präsidenten, die am 9. Juli fiel: Emmanuel Macron gab bekannt, die gotische Kathedrale Notre-Dame de Paris und damit auch den Vierungsturm „a l'identique“, also originalgetreu, wieder aufzubauen – so wie dieser Mitte des 19. Jahrhunderts vom Architekten Eugene Viollet-le-Duc geplant und errichtet wurde.

Nach der dramatischen Feuersbrunst, die in der Nacht vom 15. auf den 16. April 2019 große Teile der Kathedrale zerstörte, wobei auch der 96 Meter hohe Vierungs- oder Spitzturm (französisch „la fleche“) Opfer der Flammen wurde und einstürzte, hat sich nun der „Konsens“ der Fachleute durchsetzen können, der eine originalgetreue Rekonstruktion von Notre-Dame vorsieht. Damit endet auch die Zeit der Spekulationen und Kontroversen.

Die verrückten Ideen der Architekten sind vom Tisch

Experten der „Nationalen Kommission für das Kulturerbe und die Architektur“ hatten sich gegen die von Macron kurz nach dem Brand geäußerten Visionen für eine Neugestaltung von Notre-Dame ausgesprochen. Damals sagte der Präsident, dass ihm „eine Verbindung von Tradition und Moderne, mit respektvollem Wagemut“ vorschwebe. Und so kursierten die verrücktesten Vorschläge, wie eine solche „Verbindung von Tradition und Moderne“ wohl aussehen könnte: von einem Gewächshaus, einem gläsernen Turm oder auch einem Swimmingpool auf dem Dach war die Rede. Auch die Idee, einen internationalen Architektenwettbewerb zu veranstalten, ist nunmehr begraben. Zuvor hatten mehr als 1 000 Restauratoren, Architekten und Historiker als „Verteidiger des Kulturerbes“ eine Petition unterzeichnet, in der sie an das „Verantwortungsbewusstsein“ des Staatschefs appellierten.

Doch die letzte Entscheidung obliegt dem Präsidenten, denn die Kathedrale ist im Besitz des Staates. Und Macron hat mitgeteilt, „dass er sich den Entscheidungen der Experten zu den Optionen in Bezug auf den Dachstuhl, das Dach sowie die für deren Aufbau verwendeten Materialien anschließe“, wie die soeben zur Kulturministerin ernannte Roselyne Bachelot verkündete.

„Um diese Kathedrale wieder
aufzubauen, braucht es viel Demut“
Domdekan Patrick Chauvet

Die „Experten“, das sind insbesondere Philippe Villeneuve, der Chefarchitekt für historische Bauwerke und „Wächter“ der Kathedrale, sowie General Jean-Louis Georgelin, der „Mann des Elysée“ auf der Baustelle, der mit der Restaurierung von Notre-Dame offiziell beauftragt worden war. Gestützt auf einen umfangreichen Bericht von fast 3 000 Seiten verteidigten beide Fachleute den Vorschlag, die Kathedrale in ihren letzten bekannten Zustand zu versetzen, das heißt, so wie sie von 1844 bis 1864 von Viollet-le-Duc restauriert wurde. Die Nationale Kommission genehmigte diese Empfehlung schließlich einstimmig. Dies entspricht auch den Vorgaben der 1964 verabschiedeten „Charta von Venedig“, der international anerkannten Richtlinie zur Denkmalpflege. Neben dem originalgetreuen Aufbau des Vierungsturms sowie eines neuen Dachstuhls aus Holz ist zudem noch ein Dachbelag aus Blei vorgesehen.

An der Nationalen Kommission war auch der Klerus beteiligt, insbesondere Patrick Chauvet, der Domdekan von Notre-Dame und Leiter der Baustelle der Kathedrale. Chauvet räumte ein, dass er zunächst einige Befürchtungen hatte, nachdem er von den möglichen Plänen zur Entstellung des ursprünglichen Gebäudes erfahren hatte: „Mir schauderte. Ich sagte mir: ,Mein Gott, was wird aus der Kathedrale werden?‘ Da gab es Vierungstürme, die wie ein auf den Kopf gestellter Eiffelturm aussahen. Ich war ein ganz kleines bisschen beunruhigt.“ Was ihn jedoch nicht von der Annahme abhielt, dass sich doch „der gesunde Menschenverstand durchsetzen“ würde. Über die Entscheidung von Emmanuel Macron freut sich der Geistliche: „Man tritt in eine Geschichte, in eine Tradition ein. Die Experten haben recht damit, Notre-Dame ihre Harmonie zurückzugeben. Um diese Kathedrale wieder aufzubauen, braucht es viel Demut – man folgt damit einer schönen Tradition von 855 Jahren.“

Mit dem Genius mittelalterlicher Bauleute

Doch ein weiterer Aspekt ist für Chauvet von Bedeutung. Es sei wichtig, dass unsere jungen Leute mitverfolgen könnten, wie die Erbauer der Kathedrale mit ihren Händen mit Holz und Stein ihre Aufgabe verrichteten.

Dieser Ansicht ist auch Marie-Amélie Tek. Die „Architektin des Kulturerbes“ gab in einem Gespräch mit dem „Figaro“ ihrer Freude Ausdruck: „Auch wenn die exakten Konturen dieser Rekonstruktion natürlich noch genau festzulegen sind, so ist der Rahmen doch nunmehr abgesteckt.“ Sie freue sich über diese Entscheidung im Dienste eines kollektiven Meisterwerks, das von „den anonymen Händen genialer Künstler des Mittelalters und der vergangenen Jahrhunderte“ geschaffen wurde. Den von der Politik für den Wiederaufbau vorgeschlagenen Zeitrahmen von fünf Jahren hält die Architektin indes für unrealistisch. Die Realisierung des Bauprojekts sei ein „langsamer Vorgang, der Reflexion und einen Reifungsprozess“ benötige. Denn neben den behördlichen Genehmigungen erfordere auch die Diagnose zu einer Rekonstruktion viel Zeit, da zunächst das zerstörte Gebäude untersucht und baulich verfestigt werden müsse, bevor es seine neue Abdeckung erhalten könne. Sie glaubt: „In fünf Jahren vielleicht wird die Kathedrale die Öffentlichkeit und die Gläubigen in absoluter Sicherheit empfangen können, während die Baumaßnahmen in den Rundbögen sich noch weiter fortsetzen und die Menschenmengen rund um das Gebäude drängen werden, um die Baustelle des Jahrhunderts und das geschäftige Treiben der Bauarbeiter zu bewundern.“

Die Kathedrale befindet sich in einem fragilen Zustand

Marie-Amélie Tek wünscht sich zudem, dass der Dachstuhl von Notre-Dame „nach den traditionellen Methoden des 13. Jahrhunderts aus Holz rekonstruiert“ werde. Sie hoffe, „dass unsere Generation den Mut hat, den Menschen der Maschine vorzuziehen und dass der gotische Dachstuhl durch die Hände und das Werkzeug der Zimmerleute des 21. Jahrhunderts entstehe“, was sie für „ein erhabenes Zeugnis“ des „direkten Kontakts zwischen dem Menschen und der lebendigen Materie unserer Eichenwälder“ hält. 25 Zimmerer des Verbandes „Charpentiers sans frontieres“ („Zimmerleute ohne Grenzen“) aus ganz Europa hatten unlängst bewiesen, dass es möglich sei, mit einfachen Handwerkzeugen wie Sägen und Hämmern das Gebälk eines Bauernhauses allein aus neun Eichen innerhalb von kaum fünf Tagen zu errichten. Eine derartige Erfahrung solle, so Marie-Amélie Tek, „den Genius der Bauleute des Mittelalters“ bewusst machen. So hoffe sie, dass die Rekonstruktion von Notre-Dame de Paris „die Gelegenheit für einen Weg auf der Suche nach Sinn und Schönheit zugleich“ biete.

Doch noch befindet sich die Kathedrale in einem „fragilen Zustand“, wie es auf der Baustelle heißt. Die Sicherungsarbeiten schreiten voran, die Industriekletterer wechseln sich ab – auf der Baustelle wird sechs Tage wöchentlich 24 Stunden lang täglich gearbeitet.

Welche Materialien für die Rekonstruktion letztlich wirklich verwendet werden, muss allerdings noch entschieden werden. Ob der Dachstuhl schließlich wieder mit Blei gedeckt wird, ist ebenfalls fraglich. Denn bei dem Brand vor 15 Monaten wurden Hunderte von Tonnen des giftigen Schwermetalls freigesetzt.

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