Berlin

"Meine Philosophie ist der ontologische Gottesbeweis"

Metaphysik erneuert sich im Leben der Begriffe. Gespräch mit dem Philosophen Hegel zu seinem 250. Geburtstag.

Hegel und die Religion
Hegel ging 1818 nach Berlin, wurde elf Jahre später Rektor der Universität und erlebte den Höhepunkt seines Ruhms. Hier lehrt Hegel vor Berliner Studenten, Lithographie von F. Kugler (1828). Foto: LAM

Herr Professor Hegel, was war Ihr zentrales Anliegen in der Philosophie?

Im Kern geht es um die Erneuerung der Metaphysik. Die gesamte Metaphysik bis einschließlich Kant hat die Substrate, nämlich die Seele, die Welt, Gott, aus der Vorstellung genommen und nur wie etwas Vorgegebenes in großen Gemälden dargestellt. Es kommt aber auf das Demonstrieren an, das Herleiten der Bestimmungen, wie sie sich Schritt für Schritt notwendig auseinanderentwickeln. Nur so kann der Sinn und die jeweilige Stelle der einstigen Substrate im Ganzen der Begriffe von der Welt und ihrem Erkennen verstanden werden. Wenn dieses Ganze dargestellt ist, sind die Substrate natürlich keine Substrate mehr, weil sie nicht mehr dem Begreifen vorausliegen.

„Aus der Vorstellung genommen“ heißt also, dass hier noch kein Denken in Ihrem Sinne am Werk war?

Richtig, das vorstellende Denken ist das, was uns in seiner anschaulichen Bildwelt alltäglich umgibt. Auch das religiöse Verhalten, der Glaube, gehören hierzu. Davon unterscheidet sich das Begreifen, das seinen Gegenstand in Begriffe fasst, als begriffenen Inhalt.

Kant wollte auf den Begriff Gott nicht verzichten

Da werden Gläubige aber protestieren, auf die Vorstellung reduziert zu werden.

Das ist kein Reduzieren. Ich habe die Religion gegenüber Kant wieder stark gemacht. Kant konnte ohne die Kirche auskommen, er wollte die geglaubte Religion in eine Vernunftreligion überführen, auch wenn er auf den Begriff Gott nicht verzichten wollte. Zudem wollte er den auf Anselm von Canterbury beruhenden ontologischen Gottesbeweis beseitigen. Bei mir hat die Religion einen festen Platz im philosophischen System. Religion ist selbst vernünftig und gehört deshalb in die Philosophie. Das unterscheidet mich unter anderem von der Transzendentalphilosophie Kants. In meinen Vorlesungen zur Philosophie der Religion habe ich geschrieben: „Die Vernunft ist der Boden, auf dem die Religion allein zu Hause sein kann.“ Das gilt natürlich weit mehr von der Offenbarungsreligion als von der Naturreligion.

Und was ist mit dem ontologischen Gottesbeweis?

Der sogenannte ontologische Gottesbeweis ist in der Metaphysik der Schluss vom Begriff Gottes auf sein Dasein. Darum geht es, das allein ist das Thema der Philosophie. Und darum habe ich gesagt, dass meine Philosophie der ontologische Gottesbeweis selbst ist. Wenn später aus meiner Philosophie der Ausdruck „Das Wahre ist das Ganze“ hängengeblieben ist, ist genau das gemeint. Gott ist das Ganze als das Wahre, aus ihm verstehen wir sein Dasein, letztlich unsere Welt.

Dann vertreten Sie also eine Immanenzphilosophie, alles Dasein ist in Gott, es gibt hier keine Transzendenz?

Transzendenz, wie wir sie aus der Religion etwa in dem Gegensatz von Endlichkeit und Unendlichkeit kennen, kann es in der Philosophie nicht geben. Wer eine Grenze denkt, ist schon über die Grenze hinaus. Wenn Sie nach einem Vorbild für dieses Denken suchen, finden Sie es bei Aristoteles. Er fragte danach, was das alles Bewegende ist, nach der Tätigkeit des göttlichen Nous. Dieses Tätige, dieses sich Bestimmen verstand er wie auch ich als ein Sichselbstbestimmen des Absoluten. Wenn Sie die Reihe dieser Selbstbestimmungen entlanglaufen, oder vom Ende wieder zurück, treffen Sie nirgendwo auf Transzendentes. Das, worauf es bei Aristoteles ankommt, ist dieses Sichselbstbestimmen, das sich dadurch realisiert, in dem wie eingangs gesagt, alle Momente des Absoluten der Reihe nach dargestellt werden. Eben der ontologische Gottesbeweis. Damit hängt der früh von mir ausgesprochene Satz zusammen, die Substanz sei ebensosehr Subjekt: Die klassisch verstandene Substanz wird mit dem modernen Subjektsgedanken zusammengeführt, Subjekt verstanden als das tätige Sichselbstbestimmen des Absoluten. „Absolut“ heißt es, weil es das Ganze ist, außerhalb dessen nicht gedacht werden kann.

Einheit von Begriff und Realität gibt es nur bei Gott

Hat das mit Ihrem berühmt gewordenen Satz zu tun, „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig“?

Ja, um das zu verstehen, darf man nicht Existenz mit Wirklichkeit verwechseln. Wirklichkeit ist einer der Begriffe aus dem Sichselbstbestimmen der Begriffsbestimmungen des Absoluten. Existieren kann aber alles mögliche, Endliches und Vergängliches. Ein einzelner Wolf zum Beispiel existiert nach meiner Philosophie in seiner bestimmten Weise, er hat aber keine Wirklichkeit. Er hat sein bestimmtes Aussehen, seine Stärken und Schwächen, seine Krankheiten. Er stirbt, weil er nicht seine Wirklichkeit ist, seine Wolfheit, die alle Bestimmtheiten enthält, die den Wolf zum Wolf machen, die also sein Begriff sind. Der konkrete Wolf ist nicht sein Begriff. Die Einheit von Begriff und Realität gibt es nur bei Gott, den ich auch als den Begriff bezeichnet habe im Unterschied zu den einzelnen Begriffen im Plural.

Allmählich übersehe ich das Ausmaß Ihrer Philosophie. Sie können alles zum Thema machen, vom konkreten Einzelnen, weil es gewissermaßen Anteil an der absoluten Wirklichkeit hat, bis zum sich selbst begreifenden Denken. Sie zitieren in diesem Zusammenhang Aristoteles, dass das Denken und das Gedachte eins sind. Ist das nicht Spinozas Pantheismus – Gott als Natur?

Nein. Spinoza bedient sich wieder der Vorstellung, er findet einige Begriff vor wie Gott, Modi, Attribute, und ordnet diese auf seine Weise an. In der Philosophie hängt aber alles vom Darstellen ab, die Reihe der Begriffsbestimmungen muss Schritt für Schritt als ein geschlossenes Ganzes entwickelt werden, es muss gezeigt werden, wie sich das Ganze aus sich selbst entwickelt. Darauf kommt es an und davon war Spinoza weit entfernt. Zudem gibt es bei ihm keine Freiheit.

„Die Philosophie als Metaphysik weiß um das
Offenbarungsgeschehen, sie stellt es begrifflich dar.“

Wo sollte denn die Freiheit in Ihrem geschlossenen Begriffssystem herkommen?

Wie ich in meiner Geschichtsphilosophie, die natürlich eng mit dem angesprochenen Gedankengang der Entwicklung des Absoluten zusammenhängt, gezeigt habe, kennzeichnet das Christentum die Epoche der Freiheit. Bei den Orientalen und Griechen gab es noch Freie und Unfreie. Die geoffenbarte Religion des Christentums ist von Gott selbst geoffenbart; Gott ist Geist, der sich selbst weiß und in dem der Mensch sein Selbstbewusstsein hat. Auch steht meine Theorie der Anerkennung aus der „Phänomenologie des Geistes“ heute im Zentrum von Ethiken.

Dann gibt es hier kein Geheimnis?

Nein, Gott hat sich geoffenbart, sein Tun – nichts anderes wissen wir von ihm–, lässt sich in der oben beschriebenen Weise darstellen. Darum kann es auch dem Inhalt nach keinen Unterschied zwischen Religion und Philosophie geben, nur der Form nach sind sie verschieden. Die Philosophie als Metaphysik weiß um das Offenbarungsgeschehen, sie stellt es begrifflich dar.

Das Leben ist ein logisches Konzept

Heute versteht man Ihr Werk meistens in der Linie nach Kant, Fichte und Schelling. Aber spielt die Antike nicht eine fast ebenso große Rolle für Sie?

Das ist richtig. Neben diesen unmittelbaren Vorgängern habe ich auch Platon und Aristoteles sowie besonders im Neuplatonismus Plotin und Proklos zu verbinden versucht. Die Aufklärung hatte die Neuplatoniker ins beinahe Mythische abzudrängen versucht, mir schreibt man in der Forschung die Wiederentdeckung des Neuplatonismus zu. Der Neuplatonismus ist schon zentral für den Trinitätsgedanke, den göttlichen Dreischritt von Vater, Sohn und dessen Kreuzigung sowie dessen Rückkehr. Dem Neuplatonismus werden Sie von meinen Jugendschriften bis zu den späten Berliner Vorlesungen begegnen.

Mit diesen Gedanken ist sicher der für Sie wichtige Begriff des Lebens verbunden...

In meinem Hauptwerk „Die Wissenschaft der Logik“ gibt es ein ausführliches Kapitel unter der Überschrift „Das Leben“. Heute hat man sich angewöhnt, das Leben nur unter biologischer Perspektive zu sehen. Damit geht aber der Bezug zur Selbstentwicklung des Absoluten verloren. Leben ist aber die angesprochene Entwicklung des Nous bei Aristoteles wie auch meine Philosophie Entwicklung des Absoluten ist – diese Entwicklung ist im eigentlichen Sinne das Leben. Religiös formuliert ist es das Schöpfen Gottes. Wenn eine Betrachtung des Lebens hiervon absieht, verfehlt sie es. Das Leben ist ein in meinem Sinne logisches Konzept, kein zunächst biologisches.

Eine Erneuerung des Verständnisses von Logik

Wir müssen noch kurz ansprechen, wie es kommt, dass ein Begriff wie Leben in einer „Logik“ auftaucht, man stolpert da ja auch über Begriffe wie Mechanismus und Chemismus.

Mit meiner Erneuerung der Metaphysik ist auch eine Erneuerung des Verständnisses von Logik verbunden. Meine „Logik“ ist keine formale Logik, wie wir sie von Aristoteles bis Kant kennen. Das heißt, es gibt nicht auf der einen Seite die Gegenstände und auf der anderen Seite die formalen Regeln zur Ordnung der Gegenstände, wie es Aristoteles oder die Scholastik wollten. Bei mir gibt es nicht diese Trennung, sondern nur begriffene Gegenstände, also die Einheit von Begriff und Gegenstand. Darum schrieb ich, dass die Entwicklung der Begriffe zugleich die Entwicklung gewissermaßen der Welt ist. Also keine formale Logik, sondern eine Inhaltslogik – die Einheit von Begriff und Realität als ontologischer Gottesbeweis ist hier immer schon mitgedacht.

Wegen dieser Einheit ist Ihre Philosophie keine normative Theorie, die wie bei Kant auf den kategorischen Imperativ kommt, wo die Vernunftnorm nur auf äußerliche Weise das Handeln bestimmt, ohne zu zeigen, wie die Norm und der besondere Fall der Handlung vermittelt sind...

Genau. In meiner „Rechtsphilosophie“ ist eine Kritik des kategorischen Imperativs enthalten, die zeigt, dass es bei dieser Trennung von Prinzip und Welt nie zu einer Vermittlung kommen kann, zu einem guten Leben, weil hier einfach gesagt das Prinzip immer gut ist und der Mensch immer schlecht bleibt. Das Wahre und das Gute sowie das Wissen darum sind aber der Zweck, auf den die ganze Entwicklung meiner Philosophie hinausläuft; darum kann man bei solchen Abstraktionen wie dem kategorischen Imperativ nicht stehen bleiben.


Zu Hegels Hauptwerk „Wissenschaft der Logik“ ist der Band erschienen:
Michael Quante/Nadine Mooren (Hrsg.): Kommentar zu Hegels Wissenschaft der Logik.
Hegel-Studien Beiheft 67, Felix Meiner Verlag 2020, 805 Seiten,
ISBN-13: 978-378733-186-4, EUR 198,–

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