Michael Bulgakow

„Manuskripte brennen nicht“

Angesichts derzeitiger Entwicklungen wirkt ein Buch anhaltend aktuell: Michail Bulgakow (1891-1940) spiegelt in „Der Meister und Margarita“ die Passion Jesu mit dem großen Terror in der Sowjetunion und den Moskauer Schauprozessen.

Bühnenszene
Um ihren Geliebten befreien zu können, schließt Margarita einen Pakt mit dem Teufel. Szene aus einer russischen Bulgakow-Aufführung des Jahres 2020 Foto: Yuri Smityuk, imago-images

Lange Zeit durfte man ihn in der Sowjetunion nicht lesen, dann erschien er in zensierter Form – erst mit dem Ende der Sowjetunion, das durch den denkwürdigen August-Putsch vor 30 Jahren eingeleitet wurde, erreichte er die breite Schar der heimischen Leser: „Der Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow (1891-1940) gilt heute als berühmtester russischer Roman des 20. Jahrhunderts.

Nicht Margarethe sitzt im Kerker, sondern Faust

Das Buch spiegelt die Passion Jesu mit dem großen Terror in der Sowjetunion und den Moskauer Schauprozessen der Jahre 1936-38. Bulgakow stammte aus einem alten russischen Priestergeschlecht. Zwölf Jahre arbeitete er an diesem Werk, das von seiner Aktualität nichts verloren hat, wenn man bedenkt, wie in Putins Russland die Menschenrechte und die Meinungsfreiheit mit Füßen getreten werden.

Der Meister ist ein Schriftsteller auf verlorenem Posten. Weil er ein Buch über den Prozess Jesu geschrieben hat, wird er in die Psychiatrie eingewiesen. Margarita heißt seine Muse. Als Kunstwerk ist „Der Meister und Margarita“ mit seinem magischen Surrealismus der Gegenentwurf zum sowjetischen Realismus. Michail Bulgakow ließ sich von Goethes „Faust“ zu einem religiösen Roman inspirieren. Dabei kehrte er die Verhältnisse um: Nicht Margarethe (Gretchen ) sitzt im Kerker, sondern Faust. Bulgakow verwandelt Gretchen zurück in seine ursprüngliche Gestalt. Die russische Margarita ist eine würdige Nachfolgerin der frühen christlichen Heiligen. Mit unerschütterlichem Mut bekämpft sie den Drachen Furcht in ihrer Brust und schließt, um ihren Geliebten befreien zu können, einen Pakt mit dem Teufel.

„Ich fürchte nichts, weil ich schon alles durchlebt habe.
Sie haben mich zu sehr geängstigt,
jetzt kann mich nichts mehr ängstigen“

Voland nennt er sich nach einer Selbstbezeichnung des Mephistopheles in Goethes „Faust“ (V. 4023). In einer grotesken Umkehrung seiner Rolle als Geist, der stets verneint, ist der Moskauer Teufel ein Anwalt des Lebens und der Liebenden. Nach der Oktoberrevolution wurden Priester ermordet oder in Vernichtungslager deportiert und Kirchen und Klöster als Viehställe, Lagerhallen, Kinos oder Gefängnisse missbraucht. Die russische orthodoxe Kirche spaltete sich. Viele Popen flohen ins Ausland. Der Patriarch Tichon passte sich an und leugnete vor der Weltöffentlichkeit das große Martyrium seiner Kirche. Andere Priester gingen als Katakombenkirche in den Untergrund. Ein Verein der Gottlosen betrieb atheistische Polemik.

Bulgakows Roman beschreibt auf der ersten Seite zwei dieser antikirchlichen Agitatoren. In einem Moskauer Park treffen sich der Chefredakteur einer Zeitung und ein Lyriker. Er bekommt den Auftrag, ein antireligiöses Werk zu schreiben, in dem bewiesen werde, dass Jesus nie existiert habe und die Evangelien Lügen verbreiten. In ihr Gespräch platzt der Teufel. Er weiß alles über die beiden Gottlosen, kann ihre Gedanken lesen und ihr Schicksal voraussagen. „Ja, wir sind Atheisten“, bekennt einer der Materialisten. „Die Mehrheit unserer Bevölkerung hat Bewusstsein und glaubt schon lange nicht mehr an die Märchen über Gott.“ Der merkwürdige Fremde verweist auf die Gottesbeweise Kants und erhält die zornige Antwort: „Für solche Beweise müßte man den Kant drei Jahre nach Solowki verbannen!“

 

Das alte Kloster Solowki liegt im Inselreich des Weißen Meeres. An diesem heiligen Ort des Gebetes und der Buße errichtete Stalin ein Vernichtungslager. Die westliche Welt kannte das russische Golgatha, aber protestierte nicht. Maxim Gorki und andere Schriftsteller besuchten Solowki und priesen zynisch die politische Umerziehung, die in diesem Gulag stattfinde.

Schauprozesse,  Sabotage, Liquidierungen

Grotesk waren die Verhältnisse überall in der Sowjetunion. Menschen verschwanden spurlos. Langjährige Wegbegleiter des Diktators wurden in absurden Schauprozessen der Sabotage bezichtigt und liquidiert. Inmitten dieser Sonnenfinsternis veranstaltete die Amerikanische Botschaft einen Ball, zu deren Gästen auch das Ehepaar Bulgakow zählte. Jelena Bulgakowa, Urbild der Margarita, berichtet in ihrem Tagebuch vom 23. April 1935 von einem Hexensabbat inmitten einer seltsamen Menagerie: „Hinter einem Netz, das vor das Orchester gespannt war, lebendige Vögel und Fasanen. Gespeist wurde an kleinen Tischen im riesigen Speisesaal. In der Ecke lebendige Bären, Zicklein und Hähne in Käfigen. Zum Essen Akkordeonmusik. Eine Treppe höher hatten sie eine Schaschlik-Braterei eingerichtet. Dort tanzte man kaukasische Tänze.“

Bulgakow hatte mehrfach vergeblich versucht, die Sowjetunion zu verlassen. Um als Schriftsteller zu überleben, war er zu Anpassungen bereit. Er überarbeite sein Buch, strich Passagen, vernichtete das Manuskript, schrieb es aus dem Gedächtnis neu und litt dabei über Jahre unter dramatischen Angststörungen. Lang anhaltende Panikattacken erlauben es ihm nicht, die Wohnung zu verlassen. Schließlich kann er das Tageslicht nicht mehr ertragen. Der Roman nimmt an seiner berühmtesten Stelle diese Grenzerfahrung auf. Voland begegnet dem Meister in der geschlossenen Psychiatrie. Das Manuskript, sagt der Meister, sei vernichtet. Er habe es im Ofen verbrannt. Darauf antwortet der Teufel: „Das kann nicht sein, denn Manuskripte brennen nicht.“ Dann gibt er dem Meister das Manuskript zurück. Doch er braucht es nicht mehr. Er kennt den Roman auswendig.

Er bot Stalin die Stirn

Als der Roman viele Jahre nach Bulgakows Tod vollständig veröffentlicht und sofort zum Kultbuch wird, weiß jeder Leser wie wahr dieser paradoxe Satz ist. Inzwischen können ihn auch diejenigen bestätigen, welche „Der Meister und Margarita“ wenigstens in einer Verfilmung oder als Hörspielfassung erlebt haben. Manuskripte brennen tatsächlich nicht, wenn sie im Gedächtnis aufbewahrt sind. So hatte Bulgakows Freundin Nadeschda Mandelstam die Gedichte ihres in der Verbannung verstorbenen Mannes auswendig gelernt und über die Zeit des großen Terrors hinweg gerettet.

Wie die Christen in den Katakomben, so hielt Michail Bulgakow in aussichtsloser Lage an seiner Berufung fest. Auch Schreiben kann ein Opfer sein. „Es gibt keinen Schriftsteller, der verstummen kann,“ schrieb er an Stalin (30. Mai 1931), „und wenn er verstummt, dann ist er eben kein wahrer Schriftsteller.“ Doch was ist das Opfer ohne die Liebe, die Passion ohne die compassio? „Man hat mich zerbrochen“, klagt der Meister, als Margarita in der Psychiatrie auftaucht, um ihn zu befreien. Nun erlebt er das Mysterium der Wandlung: „Ich fürchte nichts, weil ich schon alles durchlebt habe. Sie haben mich zu sehr geängstigt, jetzt kann mich nichts mehr ängstigen“.

Die von Stalin entfesselten Dämonen bleiben aktuell

Bulgakow starb an den Folgen einer Nierensklerose. Seine Frau hielt dem Meister die Hand. Sie berichtet: „In den Augen lag ein Staunen. Sie füllten sich mit einem seltsamen Licht.“ Bulgakow glaubte, dass Ehen im Himmel gestiftet werden. So heißt es auch im Roman über den Meister und seine Muse, „sie seien in alle Ewigkeit füreinander bestimmt.“ So erzählt „Der Meister und Margarita“ von dem unauslöschlichen Siegel der Liebe. Der Freiheit. Der Verwirrung.

Deshalb tut derjenige, der das Russland von heute und die Sowjetunion des Jahres 1991 verstehen will, gut daran, Bulgakow zu lesen. Entfesselte Dämonen bleiben aktuell.

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