Wien

Licht und Schatten

Ein Wien-Spaziergang: In „Der dritte Mann“ sieht man die Schieflage der Nachkriegszeit.

Wiener Prater
Ganz oben oder ganz unten: Der Prater in Wien spielt in der Handlung von Graham Greenes "Dritten Mann" eine wichtige motivische Rolle. Foto: dpa

Abseits der Reiseführer kann man einen Wienbesuch auch bestens mit Literatur vorbereiten. Will man in das „k.u.k.-Wien“, genauer das Wien am Ende der Monarchie eintauchen, so empfehlen sich in erster Linie Joseph Roths Romane „Radetzkymarsch“ (1932) und „Die Kapuzinergruft“ (1938). Ein ganz anderes Bild der Donaumetropole liefert, geschrieben nur wenige Jahre später, Graham Greenes Roman „Der dritte Mann“ (1948), der sich dem Wien der Nachkriegszeit widmet. Für jene, denen sich die komplexe Handlung des Filmklassikers aus 1949 nicht erschließt, sei Graham Greenes dem Drehbuch zugrundeliegender Kurzroman empfohlen, der übrigens naturgemäß vor der Verfilmung entstanden war, allerdings erst danach als literarischer Text veröffentlicht wurde. Der britische Bestsellerautor, der sein Werk selbst in „novels“ und „entertainement“ unterteilte und viel verfilmt wurde (vgl. „Brighton Rock“, „Das Ende einer Affäre“, „Die Kraft und die Herrlichkeit“, „Unser Mann in Havanna“), stellte im Vorwort von „Der dritte Mann“ fest: „Für mich ist es nahezu unmöglich, ein Drehbuch zu schreiben, ohne den Stoff zunächst als Erzählung zu behandeln.“ Zugleich gibt er aber dem Film als Ziel des Projektes eindeutigen Vorrang: „Der dritte Mann wurde nicht geschrieben, um gelesen, sondern um gesehen zu werden.“

Der Mythos lebt

Und gesehen wird er nach wie vor: das Wiener Burgkino am Opernring zeigt den Schwarz-Weiß-Thriller von Carol Reed in englischer Originalfassung zumindest dreimal pro Woche – und das mehr als 70 Jahre nach seiner Entstehung. Die Tatsache, dass ein englischer Autor die Textgrundlage für einen Film eines englischen Regisseurs lieferte, der in Wien spielt, mag ein Hauptgrund dafür sein, dass der anspruchsvolle Streifen „The third man“ offenbar vielen Wientouristen besser bekannt ist als so manchem Wiener – gar nicht zu reden vom entsprechenden Roman Graham Greenes. Doch der Mythos lebt, allem voran genährt durch die charakteristische Wiener Filmmusik, die von Anton Karas auf der Zither bestritten wurde – das geniale „Harry Lime-Motiv“ wurde ein internationaler musikalischer Bestseller. Dem mitreißenden Radetzkymarsch von Johann Strauss (Vater, 1848) und dem blutvoll-feiernden Donauwalzer von Johann Strauss (Sohn, 1866), steht damit ein ganz anderer „Wien-Ton“ gegenüber: ein genialer Ohrwurm der Nachkriegszeit, der einerseits durchaus Wiener (Heurigen)Gemütlichkeit assoziiert, andererseits aber den negativen Helden Harry Lime (Orson Wells) mit metallischer Härte und Nachdrücklichkeit bis hinab ins unterirdisch ablaufende Finale und in den Tod begleitet.

Wer noch mehr „Dritte Mann-Atmosphäre“ inhalieren möchte als durch Buch und Film möglich, dem seien übrigens die erweiterten Angebote nahegelegt, wie das beachtliche „Dritte Mann-Museum“ oder die „Dritte Mann-Führung“. Diese trägt dazu bei, dass der Mythos „Dritter Mann“ wesentlich mit der Wiener Kanalisation verbunden wird, wo in Film und Textgrundlage allerdings nur die abschließende Verfolgungsjagd stattfindet.

Teile des Films wurden in London gedreht

Das ausgebombte Wien im Winter 1948/49 ist Schauplatz der Handlung, der florierende und grausame Schwarzmarkt wird gleich zu Beginn als wesentliches Merkmal der unter den vier Besatzungsmächten aufgeteilten Stadt unterstrichen. Die filmische Geografie einer Stadt ist meist anders als jene der Wirklichkeit, das heißt im konkreten Fall, dass die Namen der Schauplätze zwar alle existieren, die unter einem Namen vorgeführten Orte aber nicht realiter damit korrespondieren müssen. Nicht unbeträchtliche Teile des Films wurden im Übrigen in London gedreht, dennoch ruft der Film eine lange Folge berühmter Orte und Institutionen Wiens auf.

Holly Martins (Joseph Cotton) kommt am Westbahnhof an, erfährt in Limes Haus in der Stiftsgasse von dessen Tod und schafft es gerade noch zum Begräbnis am Zentralfriedhof. Mit dem britischen Offizier Calloway fährt Martins in die Innenstadt zurück und weist in größter Empörung die Aussage zurück, dass Lime einer der übelsten Schmugglerbanden Wiens angehört haben soll. Im noblen Hotel Sacher wird Martins anschließend vom britischen Kulturgesandten Crabbin zu einem Vortrag eingeladen, was ihm einen Grund gibt, länger in Wien zu bleiben. Martins, der die Wahrheit über Lime herausfinden möchte, trifft sich mit Harrys dubiosen Freunden Baron Kurtz und Dr. Winkel, die beim tödlichen Unfall dabeigewesen waren. Er sucht auch Harrys Geliebte, die Schauspielerin Anna Schmidt (Alida Valli), in der Josefstadt auf. Als Martins Widersprüche in den Erzählungen über Harrys Tod ausmacht, will er noch einmal mit dem Hausmeister (Paul Hörbiger) sprechen – doch der ist ermordet worden … Nun wird es auch für Martins bedrohlich, im Film gibt es unterhalb von Maria am Gestade, einer der ältesten Kirchen Wiens, eine gefährliche Verfolgungsjagd. Limes war, so erfährt Martins von Calloway, Teil einer Bande, die verdünntes Penecillin vertreibt und so für Elend und Tod von Kindern, die damit behandelt wurden, verantwortlich ist. Als Martins erneut Anna Schmidt besucht, erblickt er in einem Hauseingang sekundenlang Harry Lime, der sogleich wieder verschwindet.

Der Film wirkt kantiger und härter als der Roman

Berühmt auch die Szene im Riesenrad des Wiener Praters: Bei der Fahrt in gefährliche Höhen schlägt frühere Sympathie in Abneigung um, blickt Martins in den Abgrund Limes. Langsam ist er bereit, bei der Gefangennahme des Verbrechers mitzuwirken. Die Falle im Café Marc Aurel, heute Café Museum, scheitert zunächst, Lime flüchtet in die Kanalisation, tötet den sympathischen Polizisten Paine, schließlich tötet Martins Lime. Der Film endet mit Harry Lime‘s wirklichem Begräbnis am Zentralfriedhof.

Gegenüber dem zugrunde liegenden Text Graham Greenes wirkt der Schwarz-Weiß-Film kantiger und härter; Kleinigkeiten wie die Namensänderung von „Rollo“ Martins zu „Holly“ Martins, sind nicht gravierend, beeinflussen aber dennoch die Stimmung. Vor dem Zusammenhang des Kalten Krieges bedeutungsvoll ist, dass der Brite Martins ebenso wie der Brite Lime zu Amerikanern mutieren – und der „bad boy“, der seinen Tod vorgetäuscht hat, sich ohne Skrupel in den russischen Sektor Wiens absetzt. Die Frontenverläufe beginnen sich bereits zu verändern, auch im Film …

Einzelne Sätze haben eine zentrale Bedeutung

Zwei „Rollen“, ergänzte das Drehbuch gegenüber der Vorlage von Graham Green: jene des kleinen Jungen Hansl und jene der Katze Anna Schmidts. Dass einzelne Sätze zentrale Bedeutung haben können, trägt nicht wenig zur Komplexität des Films bei, so erwähnt Anna Schmidt gegenüber Holly Martins, dass die Katze ausschließlich Harry gemocht habe; als sich das Tier kurz darauf im Dunkel der Nacht in einem Hauseingang an die Beine eines Mannes schmiegt, steigert dieses Bild die Spannung auf das Auftauchen des totgeglaubten Harry Limes hin.

Der Film gewichtet durch Momente wie diese die emotionalen Akzente gegenüber der Textvorlage um; andererseits endet er in Bezug auf eine eventuelle Liebesgeschichte zwischen Anna und Holly gänzlich unromantisch, während der Erzähler Calloway im Roman nach Harry Limes zweitem Begräbnis feststellt: „Ich sah ihm nach, wie er mit seinen überlangen Beinen hinter der Frau herstelzte. Er holte sie ein, und sie gingen nebeneinander. Ich glaube nicht, dass er ein einziges Wort zu ihr sagte. Es war wie das Ende einer Geschichte, bis auf eines: Noch ehe sie meinen Blicken entschwanden, lag ihre Hand in seinem Arm – was im Allgemeinen der Anfang einer Geschichte ist.“

Ein grandioses Theater von Licht und Schatten

Wesentlich geprägt wird der Kriminalthriller durch das grandiose Theater von Licht und Schatten, das der legendäre Kameramann Robert Krasker inszenierte. Gelobt und kritisiert zugleich wurde Krasker aufgrund der ungewöhnlichen Technik der „schrägen Kamera“, die er für „Der dritte Mann“ exzessiv einsetzte und mit der er symbolhaft eine Nachkriegswelt in Schieflage darstellte. Die Welt in Ruinen prägt nicht nur das Stadtbild, sondern auch die geistige Ebene: Holly Martins muss im Laufe des Films erkennen, dass sein Freund Harry Limes – von dem Graham Greene gleichermaßen wie der Film erwähnt, dass er „einmal katholisch gewesen“ sei – jemand völlig anderer (geworden) ist.

Wie „Der dritte Mann“ die Stadtgeografie Wiens abbildet und neu erzählt, so arbeitet er auch in anderer Hinsicht intensiv mit dem Raum, so könnte der Abstand vom „Oben“ des Riesenrads zum „Unten“ der Kanalisation größer nicht sein. Letztlich verdankt sich selbst der Titel einer bestimmten Perspektive: denn der Hausmeister beobachtet Harry Lime?s vorgeblichen Tod durch ein Fenster von oben und erzählt Holly Martin später, dass neben Baron Kurtz und Doktor Winkler noch ein „dritter Mann“ dabeigewesen sei.

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