Würzburg

Legitimation durch Charisma

Sein Denken kreiste um die Entzauberung der religiösen Welt. Zum hundertsten Todestag des Soziologen Max Weber.

Max Weber: Sein Denken kreiste um die Entzauberung der religiösen Welt
Max Weber bezeichnete sich selbst als „religiös unmusikalisch“. Säkularisierung und Entzauberung der Welt waren aber seine großen Themen. Foto: Wikipedia

Max Weber gilt als der wohl wichtigste Referenztheoretiker auf dem Gebiet sozialwissenschaftlicher Theoriebildung. Seine stupende Gelehrsamkeit quer durch die Gebiete Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften hat schon viele Zeitgenossen verblüfft. Schwer zu überschauen ist seine Rezeption bis in die unmittelbare Gegenwart. Die führenden Soziologen in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, Jürgen Habermas und Niklas Luhmann, haben sich nachhaltig auf die Arbeiten des ruhmreichen Vorläufers berufen.

Viele in politik- und sozialwissenschaftlichen Kontroversen noch heute übliche Topoi gehen auf ihn zurück. Dies gilt nicht zuletzt für den vieldiskutierten Gegensatz von Gesinnungs- und Verantwortungsethik, zumal die Verantwortungsethik gerade im Kontext der Ökologie- und Rüstungskrise ein neues Anwendungsfeld gefunden hat. Der Verantwortungsethiker achtet auf die Realisierungsmöglichkeit seiner moralischen Maxime und gilt allen politischen Praktikern als Vorbild.

Rettung der Objektivität in der Wissenschaft

Die Thematik der Werte, längst inflationär debattiert, war bereits um 1900 umkämpft. Weber möchte Werte, also subjektive Präferenzen, aus der Forschung ausblenden. Sein Ziel ist es, das Objektivitätsideal der Wissenschaft zu retten. Die Anknüpfung an Nietzsches Diktum vom Verlust oberster Werte infolge des Todes Gottes ist offenkundig. Wissenschaft kann weder als Schiedsrichter zwischen Weltanschauungen, die als „Götter“ fungieren, noch Handlungsanweisungen zum richtigen Leben präsentieren. Die Ethik ist demnach nicht wissenschaftlich zu begründen; vielmehr kommt sie „polytheistisch“ daher. Man findet bei den großen moralischen Streitpunkten also keinen Konsens, was die Auseinandersetzungen zwischen den Religionen hinreichend belegen.

Weiter ist die Charakterisierung der Herrschaftsformen und deren Legitimation mit Webers Namen verbunden. Besonders die charismatische Legitimation, die stark an die Persönlichkeit des Machthabers gebunden ist, findet nach wie vor Resonanz. Hat Weber mit der caesaristischen Variante ein Modell der totalitären Diktatur vorweggenommen? Wohl nur sehr allgemein, wenngleich der gelernte Jurist und Ökonom die charismatische Legitimation den anderen, der legal-bürokratischen und der traditionalen, vorgezogen zu haben scheint.

Leben für oder von der Politik?

Manche Sentenzen aus seinen Arbeiten sind immer wieder zitiert worden, etwa dass die Moderne das „stählerne Gehäuse der Hörigkeit“ oder die Politik das „Bohren dicker Bretter“ sei. Weiterhin verdient auch seine Unterscheidung zwischen „Leben von der Politik“ und „Leben für die Politik“ gegenwärtig noch Beachtung. Ersteres passt auf eine nicht gerade kleine Zahl von Politikern, deren Karriere mittels der Stationen Kreißsaal, Hörsaal und Plenarsaal zu charakterisieren ist. Solche Lebensläufe fördern gern mangelnde Lebensreife und übergroße Abhängigkeiten von Parteienstrukturen. Etliche berühmte Veröffentlichungen, die mit Webers Namen verbunden sind, beispielsweise die Textsammlung „Wirtschaft und Gesellschaft“, erschienen erst nach seinem Tod. Solche Editionen, wie die Gesamtausgabe seiner Werke, rufen bis heute Diskussionen hervor: Hätte Weber einer solchen Herausgabe seiner Texte zugestimmt?

Besonders seine Witwe Marianne Weber, eine sehr gebildete, emanzipierte Frau, tat sich als Herausgeberin hervor. Ihre Biographie über den Verblichenen gleicht mehr einer Hagiographie, obwohl dessen Untreue in der eben nicht gerade glücklichen Ehe ein offenes Geheimnis gewesen ist. Nach Webers Tod rief ihre Entscheidung, ihren Gatten ganz ohne religiöse Rituale beerdigen zu lassen, im Familien- und Bekanntenkreis Verwunderung hervor. Eine solche Wahl war damals nicht einmal im bereits relativ säkularisiert-bürgerlichen Protestantismus üblich.

Weber, Sohn eines Juristen und Politikers und einer aus dem Großbürgertum stammenden Mutter, hat sich in einer Fülle von Publikationen mit vielfältigen Erscheinungsweisen der Religion beschäftigt. Selbst hat er sich als „religiös unmusikalisch“ bezeichnet. Diese Selbstcharakterisierung muss nicht dasselbe wie „ungläubig“ bedeuten; Weber wollte damit wohl andeuten, dass er keinen Draht zum großen Geheimnis Gottes finden konnte. Zeitweise als Professor, aber (vor allem wegen einer chronischen Erkrankung) auch als Privatgelehrter tätig, kreiste sein Denken vor allem um Säkularisierung, Entzauberung, Wissenschaft, Kapitalismus und Rationalität, um nur einige der zahllosen Stichworte zu erwähnen, die er auf vielschichtige Weise fruchtbar gemacht hat.

Wie würde Weber Europa in der Weltpolitik heute sehen?

Zu den Klassikern aus der Vielzahl seiner Schriften zählt seine Abhandlung über den Kapitalismus und den Geist des Protestantismus. Die Ursprünge des Kapitalismus verortet er in den USA. Der dort verbreitete Calvinismus fordert durch „kontrollierte Lebensführung“ und „innerweltliche Askese“ einen weitgehenden Verzicht auf Konsum. Da der Einzelne aber nicht weiß, ob er von Gott zum Heil oder Unheil prädestiniert ist, muss er notgedrungen auf Indizien schauen. Wichtige Hinweise geben ehrlich erworbene Güter, die den Fleißigen möglichst herausragen lassen. Wie ein solches Kriterium der Erwählung aber mit dem biblischen Wort vom Reichen vereinbar sein soll, der ebenso schwer in die Himmel gelangt wie das Kamel durch ein Nadelöhr, können Calvinisten nicht erklären. Heute würde Weber die USA, in denen Menschen gern ein auf Pump mittels Niedrigzinsen finanziertes Leben führen, kaum wiedererkennen.

Zu den Schwerpunkten von Webers Arbeit zählte die Thematik „Wirtschaftsethik und Religion“. Der Mitbegründer der modernen Religionssoziologie, die rein empirisch religiöse Phänomene erforschen will, erstellte eine Typologie, die zeigen sollte, welche Religion modern-kapitalistisches Wirtschaften fördere und welche nicht. Der Katholizismus galt ihm als Variante des Christentums, die eher negative Einflüsse auf kapitalistisches Profitstreben ausübt. Dem ist mit Einschränkungen zuzustimmen. Es bleibt jedoch die Frage, ob eine solche Themenstellung mit kritikloser Kapitalismusaffinität nicht in die Irre geht.

Kriterium: "Kapitalismusaffinität"

Mit den gleichen Maßstäben beurteilte er die Religionen Ostasiens, etwa den Hinduismus, dessen Jenseitsorientierung und tendenzielle Starrheit (Kastenbildung!) die soziokulturelle Rückständigkeit der Gläubigen dauerhaft zementiere. Gerade vor dem Hintergrund der seit rund zwei Jahrzehnten breiten Auseinandersetzung über die angebliche oder tatsächliche Wiederkehr der Religion findet die These von der Entzauberung der Welt durch den europäischen Rationalismus neues Interesse.

Weber wollte die geistes- und gesellschaftspolitischen Hintergründe des Aufstiegs der Europäer im Laufe der Jahrhunderte zu Herren und Meistern der Erde mit den Affinitäten des europäischen Charakters zu Rationalismus und zu Wissenschaft erklären. Auch in der kirchlichen Verwaltung sah er effiziente bürokratische Strukturen, die erstmals im Kontext der Kurienreform im 11. Jahrhundert sichtbar wurden. Heute müsste Weber Gründe für den „Aufstieg der anderen“, etwa einiger Staaten in Asien, analysieren. Wie würde er wohl den Abstieg Europas in der Weltpolitik erklären?

Webers Erkenntnisse sind auch heute noch ein ergiebiger Steinbruch der sozialwissenschaftlichen Theorielandschaft. Das Gedenken zum 150. Geburtstag vor sechs Jahren lieferte dafür untrügliche Anzeichen.

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